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Völkermord an Armeniern : Katastrophe

Das Zentrum für verfolgte Künste ist im Solinger Kunstmuseum untergebracht. Bild: Picture-Alliance

In Solingen war der Historiker Taner Akçam zu Gast und sprach über den Völkermord an den Armeniern. Die Reaktion war heftig – und der Abend doch ein Schritt in Richtung Normalität.

          Alles ruhig vor dem Zentrum für verfolgte Künste in Solingen. Ja, doch, man habe den Staatsschutz und die Polizei informiert, sagt der Museumsdirektor, der im Foyer steht; drei Beamte sind anwesend, nur einer trägt Uniform. Dass in der Stadt Erdogan-Anhänger aktiv sind, denen Störungen und Proteste zugetraut werden, ist bekannt, die Szene werde beobachtet, Hinweise habe es keine gegeben. Aufmerksamkeit ist dennoch geboten. Die Armin T. Wegner Gesellschaft hat den Historiker Taner Akçam eingeladen, der als einer der ersten türkischen Akademiker den Völkermord an den Armeniern öffentlich angesprochen und intensiv dazu geforscht hat. 1976 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, gelang ihm 1977 die Flucht; er emigrierte in die Bundesrepublik, arbeitete am Hamburger Institut für Sozialforschung und promovierte 1995 in Hannover; seit 2006 lehrt er an der Clark University in Massachusetts.

          „Aghet – Der Genozid an den Armeniern“ ist sein Vortrag überschrieben, in dem er die Recherchen seines jüngsten, auf Englisch und Türkisch veröffentlichten Buches erstmals in Deutschland vorstellt: „Aghet“ ist armenisch und bedeutet Katastrophe. Die Veranstalter haben diesen Abschluss der Armin T. Wegner Tage in Wuppertal, Düsseldorf und Solingen nicht an die große Glocke gehängt, ihn aber auch nicht einem Fachpublikum vorbehalten. Der Eintritt ist frei, nur etwa 70 Zuhörer sind gekommen. Die verdächtigenden Blicke und vermutenden Zuordnungen, die zwischen ihnen gewechselt werden, legen eine unheimliche Spannung über den Meistermann-Saal des Museums. Akçam kann seine Argumente und Beweise ungestört ausbreiten, detaillierte Quellenstudien vor allem, die auch an den Zeitzeugen Wegner anschließen, der, geboren 1886 in Elberfeld, gestorben 1978 in Rom, als Sanitäter in Ost-anatolien 1916 die Vertreibung und Ermordung der Armenier in erschütternden Fotografien und Aufzeichnungen festgehalten und als „Austreibung der Menschheit“ angeprangert hat.

          Anschließend stellt sich Akçam den Fragen des Publikums. Gleich die erste droht zum Gegenreferat auszuufern; dass es sich nicht um Völkermord, sondern um Exzesse eines Bürgerkriegs handle, wird lautstark behauptet. Der Disput springt plötzlich ins Türkische und wird kurz hitzig, wie Giftpfeile fliegen die Sätze hin und her. Ulrich Klan, Vorsitzender der Wegner-Gesellschaft, der die Diskussion leitet, geht entschieden dazwischen, beruhigt die Gemüter, und die vier, fünf Genozid-Leugner ziehen von dannen. Er gebe der türkischen Politik höchstens noch zehn Jahre, dann werde sie sich der Vergangenheit endlich stellen, hatte Klan in seiner Einleitung erklärt. Wie sie verlaufen ist, könnte die kleine Veranstaltung in Solingen schon ein Schritt in Richtung Normalität gewesen sein.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

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          Quelle: F.A.Z.

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