http://www.faz.net/-gqz-754s0

Vor Newtown : Eine heile Welt?

Auf dem diesjähirgen Treffen der „National Rifle Association“ in St. Louis. Bild: AFP

Bis zu dem Massaker in der Sandy-Hook-Grundschule galt Newtown als beschauliche und friedliche Kleinstadt. Aber kann das Bild der Idylle in einem durchmilitarisierten, waffenvernarrten Land wie Amerika etwas anderes sein als eine gefährliche Illusion?

          Newtown, das liest und hört man nun überall, sei bis zu jenem Freitag, als Adam Lanza in der Sandy-Hook-Grundschule ein Massaker verübte, eine heile Welt gewesen. Eine Welt also, der es gelang, das Böse fernzuhalten, weshalb die Menschen in ihr friedlich miteinander lebten. Eine Welt ohne Misstrauen und Angst. Newtown, ein geschützter Ort. Denn nichts anderes bedeutet der Begriff der heilen Welt, wenn wir ihn wörtlich nehmen: Niemand muss sich fürchten, jeder ist sicher. Schnellfeuerwaffen haben in einer solchen Welt nichts verloren.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          In Wahrheit war Newtown ebenso wenig wie irgendeine andere amerikanische Kleinstadt jemals jene heile Welt, die nun reflexhaft beschworen wird. Die Sicherheitsvorkehrungen an der Sandy-Hook-Grundschule wurden erst Mitte Oktober verschärft. Mit Unterrichtsbeginn um 9.30 Uhr wurden die Türen verriegelt. Wer die Schule betreten wollte, musste klingeln und sich ausweisen.

          Es sieht ganz danach aus, als hätte man auch in Newtown gewusst, dass Idylle in einem durchmilitarisierten, waffenvernarrten Land immer nur eine Illusion sein kann – die naturgemäß ständig in Gefahr ist, von der Realität auf brutale Weise zerstört zu werden.

          Das bewaffnete Amerika

          „We are a gun country“ schrieb Jeffrey Goldberg kurz nach dem Massaker in Newtown in der Zeitschrift “Atlantic”. Und auch davon, dass Amerika bis zu den Zähnen bewaffnet ist, ist nun häufig die Rede. Wer die Tragweite dieses Satzes verstehen möchte, der muss noch nicht einmal genau wissen, wie viele Waffen in amerikanischen Haushalten ungefähr vorrätig sind, es genügt ein Blick in Kyle Cassidys Buch “Bewaffnetes Amerika”, das 2008 erschienen ist.

          Zwei Jahre lang hat der Fotograf in einem klapprigen Jeep Cherokee sein Land bereist und Menschen mit ihren Waffen fotografiert. Es sind ganz normale Amerikaner, die wir sehen, Hausfrauen, Mütter, Lehrer. Manche von ihnen sind Demokraten, andere Republikaner, die einen sind gläubig, die anderen nicht, die einen haben Kinder, die anderen keine.

          Ihre Waffen präsentieren sie so selbstverständlich wie man es sonst mit seinen Haustieren tut. Selbst Kinder umfassen den Lauf von Gewehren als handele es sich um Spielzeug. Und natürlich fällt immer wieder das Stichwort Demokratie. Paul aus Virginia, verheiratet, zwei Kinder, sagt: „Ich besitze Waffen aus den gleichen Gründen, aus denen ich einen Feuerlöscher im Haus und einen Ersatzreifen in meinem Wagen habe.“ Im Falle der Gefahr will er gewappnet sein, ob es sich nun um einen geplatzter Autoreifen handelt oder einen Einbrecher. Viele Amerikaner wollen gewappnet sein. Daran wird selbst die Katastrophe von Newtown wohl  nichts ändern.

          Weitere Themen

          Immer weiter so

          Massenmord in Parkland : Immer weiter so

          Nach dem Massenmord in Parkland will die Trump-Regierung schärfere Waffengesetze nicht diskutieren. Der amerikanische Präsident hat intensivere Überprüfungen für psychisch kranke Waffenkäufer schließlich wieder abgeschafft.

          Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg? Video-Seite öffnen

          Diskutieren Sie live mit uns! : Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg?

          Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg? Dreht Amerikas Präsident an der nuklearen Rüstungsspirale? Und welches Signal kann die gelähmte, deutsche Regierung senden? Diskutieren Sie zum Auftakt der Münchner Sicherheitskonferenz ab 13:20 Uhr auf Facebook mit Klaus-Dieter Frankenberger und Lorenz Hemicker – live aus dem Bayerischen Hof.

          Deniz Yücel kommt frei Video-Seite öffnen

          Nach über einem Jahr : Deniz Yücel kommt frei

          Der "Welt"-Journalist Deniz Yücel kommt nach einem Jahr aus türkischer Untersuchungshaft frei. Zuletzt hatten sich zahlreiche hochrangige deutsche Politiker für seine Freilassung eingesetzt. Yücel wurde "Terrorpropaganda" vorgeworfen.

          Topmeldungen

          Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir

          Münchner Sicherheitskonferenz : Personenschutz für Özdemir

          Der als Erdogan-Kritiker bekannte Grünen-Politiker wohnt im selben Hotel wie die türkische Delegation. Diese beschwerte sich über den „Terroristen“. Seither begleiten Polizisten Özdemir zur Konferenz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.