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Vor der Wahl Berlin und das Feuer

21.08.2011 ·  Während die Weltwirtschaft bebt, erlebt die deutsche Hauptstadt einen Wahlkampf ohne Kampf und ohne Politik. Der Bürgermeister wirft Wowibären, Renate Künast schwächelt im Maritim-Hotel und auch Frank Henkel verbreitet eine Atmosphäre von Altweibersommer.

Von Tobias Rüther
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Mittwochnacht ist der Hubschrauber wieder da. Er steht irgendwo über dem Kollwitzplatz, Schönhauser Allee, zieht dann südwestlich seine Kreise, aber man kann das nur ungefähr sagen, es ist dunkel über den Hinterhöfen, auf die tagsüber endlich mal wieder etwas länger die Sonne geschienen hat, und das Schrauben und Dröhnen in der Luft fühlt sich eher wie eine Decke an, die sich über die Viertel Berlins legt, wo Prenzlauer Berg und Mitte aneinanderstoßen.

Im Halbschlaf steht man auf seinem Balkon und weiß, dass der Pilot dort oben theoretisch jetzt sehen könnte, wie man da steht und nach oben schaut, denn er hat eine Wärmebildkamera. Und man denkt - weil es so unwirklich ist, in eine polizeiliche Ermittlung zu geraten, und das auch noch in kurzen Hosen - an Hubschrauberfilme. Es gibt ja sonst keine Referenzen, wer wird schon von Hubschraubern verfolgt? Dann fallen einem die ersten Minuten von Robert Altmans „Short Cuts“ ein, wo große, gemeine, laute Hubschrauber über Los Angeles ausschwärmen und ein Insektizid versprühen, das sich, wieder wie eine Decke, über eine Stadt legt, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie langsam paranoid wird oder doch lieber weiter schlafwandelt wie bisher.

Klingt das nach Berlin? Das Schrauben und Dröhnen in der Luft klingt jedenfalls im Augenblick nach Berlin, Spätsommer, Wahlkampfsommer 2011.

Was hat das mit Politik zu tun?

Am Morgen nach dem Hubschrauber meldet die Berliner Polizei, neun Autos hätten in den Nachtstunden zuvor gebrannt, in Charlottenburg, in Tiergarten und in Lichtenberg. Diese Autos, etwa 300 sollen es in diesem Jahr schon sein, brennen sich inzwischen auch in den Berliner Wahlkampf ein, brennen das nächste Loch in einen Wahlkampf aus lauter Löchern: Denn dass die Parteien, die um die Macht in der Hauptstadt kämpfen, bislang kein richtiges Thema gefunden hätten, wie es anderswo ein unterirdischer Bahnhof oder Atomkraftwerke gewesen sind, darüber sind sich alle Zeitungen einig.

Und jetzt bemühen sich diese Parteien, mit den brennenden Autos zurechtzukommen. Brennende Autos, das hört man jetzt ständig, hätten nichts mit Politik zu tun, sondern mit Vandalismus, nichts mit dem Kampf gegen Gentrifizierung, wie man den Prozess nennt, wenn aus innerstädtischen Gegenden die alten Mieter vertrieben werden und sich neue ansiedeln, die mehr zahlen oder ihre Wohnungen kaufen können, nichts also mit Verdrängung und viel mit „Idioten“, wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagt.

Er steht im Sommeranzug und offenem Hemd auf einer Bühne, als er das mit den Idioten sagt, in der Wilmersdorfer Straße von Charlottenburg: Karstadt, Tchibo, Modeschmuck, jede Stadt hat so eine Fußgängerzone. Und fünfzig Meter hinter Wowereits Bühne, in der Pestalozzistraße, steht ein BMW mit ausgebranntem Motor. Versengte Kotflügel, geschmolzene Innereien, links vorn abgesackt, wie ein großes, schweres Tier, das nicht mehr konnte und in sich zusammenfiel. Der Airbag für den Beifahrer ist geplatzt, auf der Rückbank noch ein Kindersitz befestigt. Eine junge Mutter kommt vorbei, die Tochter zieht sie zur Fahrerseite, was willst du mir zeigen, fragt die Mutter. Vermutlich den Kindersitz. Gegenüber hat ein Lieferwagen der SPD-Kampagne geparkt, „Berlin fährt vor“, steht dran.

Auftakt der sogenannten Kieztour

Dienstagnacht hat dieser BMW gebrannt. Und zwar nicht am ruhigeren Ende der Pestalozzistraße, die sich vom Lietzensee bis zum Savignyplatz zieht, gesäumt von typischen Charlottenburger Altbauten, sondern fünfzig Meter entfernt von einer Fußgängerzone, die, weil es hier Schnellrestaurants gibt und die U-Bahn die S-Bahn kreuzt, auch nachts nicht richtig einsam wird. Wer auch immer den Grillanzünder auf den Reifen gelegt hat, muss sich sicher gefühlt haben.

Man weiß nicht, wer das tut und warum, anfangs, 2009, hieß es noch, es ginge um den Kampf gegen Gentrifizierung, weil teure Autos in Kreuzberg und Prenzlauer Berg und Friedrichshain und Mitte brannten, wo die Verdrängung für jeden sichtbar ist. Inzwischen brennen die Autos aber in der ganzen Stadt, bekennerschreibenlos, und nicht nur Porsche, auch Opel.

Klaus Wowereit kommt aus einer Opelgegend, Lichtenrade, im Südwesten, inzwischen wohnt er in einer Mercedesgegend, Nähe Kurfürstendamm, der nicht weit von der Bühne entfernt verläuft, auf der Wowereit jetzt zum Auftakt seiner sogenannten Kieztour vom Hubschrauber redet, der auch über Charlottenburg kreist, und dass die Leute mit aufpassen sollen und dass wir uns unsere schöne Stadt nicht kaputtmachen lassen und erst recht nicht mies machen, liebe Berlinerinnen und Berliner, und dann wird Wowereit noch nach der Hertha gefragt, die wieder in der Bundesliga spielt, und nach dem neuen Großflughafen im Südosten, um dessen Routen seit einem Jahr gestritten wird.

Nicht schon wieder Real Deal

Und Wowereit, der seit zehn Jahren regiert, sagt, dass dieser Flughafen vermutlich 4000 neue Arbeitsplätze bringe und dass es ja sein Vorgänger Diepgen von der CDU gewesen sei, der Schönefeld wollte, die SPD sei für Sperenberg gewesen, aber nun, und es ist ein schöner Nachmittag, endlich ein schöner Nachmittag in einem August, der sich seit Juli wie September anfühlt, und dann wirft Wowereit Wowibären ins Publikum, kleine Stofftiere, und schon quält einen wieder die Bluesband Real Deal, begrüßen Sie Real Deal, hatte der Moderator gebrüllt, als der Bürgermeister noch auf sich warten ließ, als wären das die Stones und nicht drei Typen mit Zopf, und sein Real Deal holt einen etwas später auch noch vier Kreuzungen weiter wieder ein, und man will ja ein guter Bürger und kein Snob sein und wählen gehen und sich mit dem Angebot beschäftigen, aber im Kopf kreist es wie am Ende dieses anderen Hubschrauberfilms: The Horror, the Horror.

Muss so der Wahlkampf sein? Eine Bluesband und ein Kandidat, der wie keiner seiner Gegner die Mischung aus Schlagfertigkeit und intellektueller Verkürzung realer Verhältnisse auf eine Weise hinbekommt, dass die Leute lachen und ihn mögen und nach Stofftieren springen? Am nächsten Tag, auf dem Alexanderplatz, unter dem größten Himmel Berlins, der tiefblau ist, und der Wind weht heftig, beginnt die Linke ihren Wahlkampf. Mit Gregor Gysi, Attacken gegen Banken und Konzerne - immerhin erwähnt er die Weltwirtschaft, in einer Woche, in der sie wankt wie selten zuvor - und einer Dixie-Band.

Blues und Dixie, durch so eine Jazzbahnhofstimmung müssen offenbar alle Themen erst mal hindurch, Bildung, Mieten, S-Bahn, Wasserwerke, Tourismus, und wie klein und schwer das ist mit der Lokalpolitik, merkt man Renate Künast an, der Spitzenkandidatin der Grünen, die vor Monaten Wowereit eingeholt hatte in den Umfragen, um die 30 Prozent, und jetzt mit Frank Henkel von der CDU gleichauf liegt bei 22 Prozent.

Renate Künast redet vor der sogenannten Berliner Immobilienrunde, vor Finanzinvestoren und Maklern, Männern in engen blauen Anzügen und braunen Schuhen, die im Augenblick am liebsten wohl auf jeden noch so kleinen freien Fleck der westlichen und östlichen Innenstadt einen Neubau stellen würden und mit energetischen Sanierungen die Mieten ihrer Altbauten frisieren. Theoretisch ist hier, im öde-blauen „Maritim“-Hotel in der Friedrichstraße, Konferenzraum, erster Stock, ein Publikum versammelt, vor dem Renate Künast einen Plan von Berlin aufzeichnen könnte, der dem Bild entspricht, das nicht nur die Grünen von sich selbst haben: die Partei der Großstädte, einerseits gentrifizierend, andererseits dagegen und sich vor allem dessen bewusst.

Und Künast fordert diesen Plan auch, so wie New York einen hat, „Weltstadt werden“ müsse Berlin, sagt sie, „Probleme der Zukunft angehen“ müsse Berlin, und dass es doch auch im Sinne der Immobilienunternehmer sei, wenn die Mischung der Stadt nicht kaputtgehe, aber sie sagt eben auch „ich sach mal“, und zwar ständig, und sie, die im Bundestag aus dem Stand scharf reden kann, wirkt unkonzentriert, erschöpft, sie wirkt jedenfalls zur Mittagszeit im „Maritim“-Hotel nicht so, als wolle sie jetzt und sofort mit größter Lust diese große Stadt noch größer machen. Dabei hat der Wahlkampf eben überhaupt erst begonnen. Eigentlich wirkt Renate Künast schon genauso wie dieser Wahlkampf.

Was wirklich lähmt, sind die Plakate. Eine Partei, die sich in Berlin „die neue FDP“ nennt, schreibt Fragen auf ihre blau-gelben Poster, die sich so noch keiner gestellt hat: „Warum teilt die FDP nicht den Traum von einer autofreien Stadt?“ Tja, also, mal nachdenken. „Weil keine Frau der Welt mit dem Fahrrad zum Kreißsaal möchte.“ In den Hubschraubergebieten von Prenzlauer Berg liegen diese Poster eher zerrissen auf dem Pflaster, als dass sie noch an Laternen hingen. Auf der Friedrichstraße tritt Roland Kaiser für die SPD an, bis man merkt, dass der schwarzweiße Mann zwar Roland Kaiser ist, es aber um ein Konzert am 2. September und nicht um die Wahl am 18. geht. Der andere schwarzweiße Posterboy ist Klaus Wowereit, der dritte Frank Henkel von der CDU.

Die CDU wirbt hier für Briefwahl

Henkel, ein großer Mann im Politikeranzug, offenes Hemd wie Wowereit, randlose Brille, besucht am Donnerstag das Gründerinnenzentrum Weiberwirtschaft, einen renovierten Industriehof in der Anklamer Straße, bestes Hubschraubergebiet, die Sonne scheint. Er kommt mit Ursula von der Leyen, und nach dreißig Sekunden gehört ihm dieser Wahlkampftermin schon nicht mehr, weil nur noch die Frauen miteinander reden, die Arbeitsministerin und die Gründerinnen dieses Zentrums, sie reden über die lange Warteliste für die hauseigene Kita und darüber, dass Mütter sich häufig selbständig machten, weil sie so ihre Familien, die übrigens auch immer größer würden, zwei Kinder, drei Kinder, leichter mit dem Beruf vereinbaren könnten, und dass auch für das Gründerinnenzentrum, eine Fahrschule gibt es hier, ein Modeatelier, die Warteliste lang sei, und da sagt die Arbeitsministerin, das sei doch ein schönes Thema für die Kommunalpolitik, und guckt Henkel an, und der nickt, was soll er sagen, und Erwin Teufels Probleme mit der Welt sind sehr weit weg von der Welt an diesem Donnerstagvormittag mitten in Berlin.

Auf der anderen Seite der Stadt, in einem Viertel ohne renovierte Altbauten, steht ein dunkler BMW unter einem Ahorn, mit ausgebranntem Motor, links vorn abgesackt, offenbar sehen diese Brandwracks alle gleich aus, aber der hier steht in einer Gegend, wo seit den sechziger Jahren Sozialwohnungen gebaut wurden, Charlottenburg-Nord, Heilmannring. Die CDU wirbt hier für Briefwahl, und wenn man nur den Rollator sieht, der etwas den Heilmannring hinunter vor einer Praxis wartet, ahnt man, warum.

Hinter dem Parkplatz mit dem Wrack wird ein Wohnblock energetisch saniert, also auch hier, aber nicht heute, und bevor es idyllisch wird, kommt eine junge Frau zum Wrack, kann ich Ihnen helfen, fragt sie, es ist die Freundin des Besitzers, aber sie will nicht drüber reden. Dann erzählt sie doch kurz, wie es war, als die Feuerwehr klingelte, Dienstagnacht, und dass sie jetzt auf einen Gutachter warteten, deswegen stehe der Wagen noch hier. Über den verkohlten Motorblock hat eine Spinne ihren Faden gezogen, man kann das sehen, wenn man sich richtig zum Gegenlicht stellt. Vor dem, was mal der Kühlergrill war, liegt eine Visitenkarte auf dem Asphalt: „Wir kaufen Pkw, Lkw, Bus, Motorrad.“ In Berlin beginnt jetzt der Altweibersommer.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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