Die Münchner sollten am Samstag, wenn das Oktoberfest eröffnet wird, noch nicht alle sechseinhalb Millionen Maß Bier leersaufen und nicht alle 500000 Hähnchen sowie 120 Ochsen auffressen, sonst liegen sie am anderen Morgen da wie Max und Moritz, mit dicken Bäuchen, ein Schenkel ragt ihnen noch aus dem Mund, und sie kriegen dann nichts mit von dem, was sich hinter den Kulissen so zusammengebraut hat die vergangenen Tage. Für den Sonntag, wenn der Trachtenumzug durch die Stadt marschiert, sollte man nüchternen Sinnes sein, sonst verpasst man etwas: ein Wagenrennen von solcher Dimension und Dramatik, wie es dies seit „Ben Hur“ wohl nicht mehr gegeben hat.
In der Rolle des Judah Ben Hur: Oberbürgermeister Christian Ude, als Messala: Dieter Reiter, seines Zeichens Wirtschaftsreferent und nun erstmals Oktoberfest-Chef, gefördert übrigens von Ude, den er als OB beerben darf, aber nun doch schon ein Verräter. Reiter hat nämlich einen teuflischen Plan: Er will, mit allem Brauch brechend, auf dem Umzug nicht unter ferner liefen mitfahren wie normale Oktoberfestoberbefehlshaber; Reiter will seine eigene Pferdekutsche, und die soll der des Oberbürgermeisters und der des Ministerpräsidenten Seehofer vorausfahren!
Wie die Sache, nach legendären, extrem spannenden zwanzig Minuten, im Film ausging, haben wir oft genug gesehen: Der Gute, also Ben Hur, besiegt den bösen, von Ehrgeiz zerfressenen Messala, allerdings nicht ohne dass dieser die Schuld, die er auf sich geladen hat, sterbend dem einstigen Freund beichtet. Bis zu dieser Entscheidung geht – das hat bei den elf Oscars damals sicherlich nicht geschadet – allerhand zu Bruch, Räder, Knochen, ganze Leiber, und zwar von Mensch und Tier. Für ein solches Spektakel kommt in München nur die Ludwigstraße in Frage, die dürfte breit genug sein, ein Siegestor steht praktischerweise auch schon bereit, durch das die Kontrahenten, nachdem alle anderen Wagen abgehängt oder einfach zur Seite gedrängt wurden, dann, aus den Pferden peitschenknallend das Letzte herausholend, hindurchbrettern können.
So etwas bedarf allerdings auch zu Münchens fünfter Jahreszeit der Genehmigung. Zur Not sollte man die Sache verlegen auf die herrscherlose Zeit zwischen September 2013, dann wird Ude (vielleicht) bayerischer Statthalter, und März 2014, dann wird Reiter (vielleicht) Münchner Stadthalter. Für ein faires Rennen scheint gesorgt: Beide sind als Sozialdemokraten schon von Haus aus für „Chancengleichheit“.