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Vor dem Nahost-Einsatz Die Existenz unseres Staates ist bedroht

21.09.2006 ·  Ein klärender Blick auf die Stimmung im Land: Die europäischen Vermittler wissen nicht, was in Israel wirklich los ist. Die israelische Historikerin Fania Oz-Salzberger über Hoffnungen, Ängste und Mißverständnisse.

Von Fania Oz-Salzberger, Haifa
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In einem populären Satireprogramm des israelischen Fernsehens trat die Komikerin Alma Zack kürzlich als Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres Israel-Besuchs auf. Die „Kanzlerin“, dem Original zum Verwechseln ähnlich, wandte sich in einem deutsch gefärbten hebräisch, freundlich und respektvoll, an das Publikum. Plötzlich wechselte sie ins Deutsche, ihr Ton wurde hart und brutal, erinnerte die Zuschauer an die schlimmsten Dinge, die sie mit dieser Sprache in Verbindung bringen. Doch dann sprach Zacks Merkel wieder Hebräisch, plädierte mit freundlichen, einfühlsamen Worten für Frieden und Verständigung im Nahen Osten.

Dieser Sketch zeigt sehr treffend, welches Verhältnis viele Israelis nicht nur zu Deutschland, sondern zu Europa haben. In europäischen Stimmen, die einen Dialog zwischen Juden und Arabern fordern, scheint oft eine dunkle Vergangenheit mitzuschwingen. Das gilt nicht nur für Deutschland. Kürzlich warf der französische Botschafter in Israel dem israelischen Komiker Eli Yatzpan vor, Frankreich unablässig zu attackieren und die Franzosen als geschworene Feinde Israels darzustellen.

Zweifel an den Europäern

Ob humorvoll oder humorlos, solche Zweifel an den Europäern erklären, warum Israel sich in den letzten drei Jahrzehnten so stark auf Amerika und in den vergangenen beiden Monaten auf die „carte blanche“ der Regierung Bush gestützt hat. Während europäische Staaten (mit Ausnahme Großbritanniens) eine sofortige Waffenruhe im Libanon forderten, trat eine große Mehrheit der Israelis für eine Fortsetzung des Krieges ein - jedenfalls soweit dies von den Amerikanern toleriert würde -, um wenigstens einige Ziele zu erreichen. Man hoffte, die zwei entführten Soldaten zu befreien, das Raketenarsenal der Hizbullah komplett oder weitgehend zu zerstören, die Kämpfer Nasrallahs von der Nordgrenze zu vertreiben, die Anfang Juli dort unprovoziert auf israelisches Territorium vorgedrungen waren, und die Stationierung einer starken multinationalen Streitmacht im Südlibanon zu ermöglichen.

Zumindest die letzten beiden Ziele scheinen nun in Reichweite zu sein, ironischerweise dank starker europäischer Beteiligung. Die Ankunft des ersten italienischen Blauhelmkontingents im Südlibanon wurde in Israel mit Befriedigung vermerkt. Auch daß Deutschland sich taktvoll auf die Entsendung eines Marineverbands beschränkt, der den Waffenschmuggel für die Hizbullah unterbinden soll, wird gut aufgenommen. Zum erstenmal seit vielen Jahren schickt sich die Europäische Union an, eine aktive Rolle bei der Friedenssicherung im Nahen Osten zu übernehmen. Das ist eine positive Entwicklung. Europa sollte nun darangehen, die Blauhelmpräsenz in eine engagierte und sinnvolle Diplomatie zu verwandeln.

Ein Blick auf die Stimmung im Land

Wenn eine aktive europäische Beteiligung bei künftigen Friedensgesprächen zwischen Israel und dem Libanon, Israel und den Palästinensern und vielleicht sogar zwischen Israel und Syrien eine realistische Möglichkeit ist, dann sollten sich die künftigen Vermittler ein Bild von der Atmosphäre in Israel machen. Europäische Politiker begehen oft den Fehler, fast nur mit israelischen Politikern, Diplomaten und Intellektuellen zu reden. Hier also ein kurzer Blick auf die Stimmung im Land.

Dieser Krieg hat uns, den Israelis, wieder einmal eindringlich vor Augen geführt, wie gefährdet unsere staatliche Existenz ist. Gegenwärtig wird in Israel über alle möglichen Aspekte des Kriegs diskutiert - über seine Grundlage, seine Moral, sein Scheitern und die Chancen, die sich daraus ergeben. War ein umfassender Militärschlag als Reaktion auf die zweifellos inakzeptable Tötung und Entführung unserer Soldaten gerechtfertigt? Mußten bei den Bombenangriffen gegen Hizbullah-Stellungen in libanesischen Städten und Dörfern so viele Häuser der Zivilbevölkerung zerstört werden, auch wenn dort Raketen versteckt waren? Mußte die Infrastruktur des Libanons wirklich in diesem Ausmaß zerstört werden? Und hat Israel diesen Krieg vielleicht deshalb verloren, weil es die zivilen Wohngebiete, soweit möglich, geschont hat - in einem Guerrillakrieg gegen einen Feind, der die Zivilbevölkerung als Schutzschild benutzt?

Es geht um unsere Existenz

Wenn die europäischen Staaten wirklich als verläßliche Friedenssicherer und aufrichtige Vermittler akzeptiert werden wollen, müssen sie sich unsere internen Debatten anhören, darüber berichten und sogar daran teilnehmen. Man täusche sich nicht: Die meisten Israelis glauben, daß ihr Land das einzige auf der Welt ist, dessen Existenz in Frage gestellt wird, sei es von Präsident Ahmadineschad in Teheran oder von dem Schriftsteller Jostein Gaarder im „Aftenposten“. Wenn unsere europäischen Gesprächspartner versichern, daß der Brief des iranischen Präsidenten an die Bundeskanzlerin einfach töricht sei und Gaarder nur gepoltert habe, so werden sie damit nicht das Vertrauen der Israelis gewinnen. Unsere historische Erinnerung geht zu weit zurück, und viele Menschen hierzulande sind fest davon überzeugt, daß ihre Existenz den meisten Europäern gleichgültig ist.

Nach Ansicht vieler Israelis haben die europäischen Medien den israelischen Gegenangriff auf den Libanon weit kritischer beurteilt als die Angriffe der Hizbullah auf Israel. Wir wissen heute, daß die Zahl der zerstörten Häuser in beiden Ländern annähernd gleich war (wenngleich die libanesischen Verluste aufgrund fehlender Luftschutzeinrichtungen etwa viermal höher waren). Auch die Zahl der Flüchtlinge war mit etwa einer halben Million in beiden Ländern etwa gleich (obschon die Libanesen aufgrund der Zerstörungen der Infrastruktur viel mehr leiden mußten).

Jubeln am Grab von Kindern

Über solche Vergleiche läßt sich streiten, und natürlich kann man Israel kritisieren. Eines aber wird jede Bereitschaft abblocken, sich berechtigte Kritik anzuhören - der unbegründete und empörende Vorwurf nämlich, die israelische Armee habe mit Absicht zivile Ziele angegriffen und die Israelis hätten den Tod libanesischer Kinder gefeiert, wie Jostein Gaarder behauptet. Das war nicht der Fall. Vielmehr hat die Hizbullah unsere Wohnviertel, Schulen und Krankenhäuser beschossen, und zwar aus ihren Stellungen in libanesischen Wohnvierteln, Schulen und Krankenhäusern. Es sind die Hizbullah und einige Palästinenser, die jubeln, wenn israelische Kinder begraben werden.

Ein dritter Punkt betrifft die Verhandlungen über einen „Gefangenenaustausch“. Europäische Diplomaten spielen vielleicht schon eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang. Zwei Anmerkungen hierzu. Verhandlungen mit der Hizbullah (statt mit Libanon oder Syrien) dienen nicht dem Frieden, sondern wären ein Entgegenkommen gegenüber Erpressern. Die Hizbullah und ihr Pate Iran wollen keinen Frieden mit uns. Sie wollen unseren Tod.

Eine strengere Behandlung für Israel

Zweitens: In israelischen Gefängnissen mögen libanesische Gefangene sitzen, die freigelassen werden sollten. Doch einer der Gefangenen, die ganz oben auf Nasrallahs Wunschliste stehen, ist Samir Kuntar, der am Strand von Naharija einen jungen Vater vor den Augen seiner kleinen Tochter erschoß und das Mädchen anschließend mit dem Kopf gegen einen Felsen schmetterte. Wir würden gern erfahren, welcher israelische Soldat eine solche Tat verübt hat. Es wäre ein vertrauensbildender Schritt, wenn Europa den Israelis klarmachte, daß ihm von einer solchen Symmetrie nichts bekannt ist.

Überhaupt scheint ein Mißverständnis von verschiedenen Bildern herzurühren, die die Welt von Israel hat. Für manche Amerikaner ist Israel der gute Junge von nebenan, der niemandem etwas zuleide tut. Für manche Europäer ist Israel der einzige wohlerzogene Junge im Viertel, der daher strenger behandelt werden sollte als seine armen und unterprivilegierten Nachbarn. Für manche Muslime ist Israel der kleine Teufel, der aus dem Viertel vertrieben, am besten ganz und gar beseitigt werden sollte. Für viele Israelis ist er der ungeliebte Überlebende, der dafür sorgen muß, daß niemand ihn noch einmal zusammenschlagen kann.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Willkommen im Nahen Osten, ihr wohlmeinenden europäischen Vermittler!

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z., 21.09.2006, Nr. 220 / Seite 33
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