09.08.2010 · Dem Rauchverbot wird bald das Alkoholverbot folgen. Die politischen Anstrengungen dazu laufen schon und sind kaum aufzuhalten. Vom zwangsläufigen Verschwinden eines Giftes, das wir ein Kulturgut nennen.
Von Peter RichterTypische Reaktion auf das bayrische Rauchverbot: Und als Nächstes werden sie das Bier verbieten, oder was? Einzig realistische Antwort: Selbstverständlich! Exakt darauf läuft es hinaus: das Alkoholverbot. Und warum eigentlich auch nicht?
Wenn in der kommenden Woche Mechthild Dyckmans aus dem Urlaub zurück ist, wird sie sich an die Ausarbeitung jener „nationalen Strategie“ zur Alkoholprävention setzen, die sie, weil sie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist, vor der Sommerpause im Bundestag angekündigt hatte. Sie hat zwei Möglichkeiten: Sie kann Gas geben. Oder sie kann ein bisschen bremsen. Nur anhalten können wird sie die Sache nicht. Der Zug ist, wie man so sagt, im Rollen.
Eine Welt ohne Alkoholika können sich viele im Moment überhaupt nicht vorstellen. Ich übrigens auch nicht. Aber das ist kein Argument. Ich konnte mir auch eine Welt ohne Glühbirnen nicht vorstellen. Oder eine Welt, in der Fahrradhelme normal sind. Bereits in wenigen Jahren wird das nicht mehr nachzuvollziehen sein. Noch weniger vorstellen konnte ich mir ein Rauchverbot beim Trinken; und schon jetzt, so kurze Zeit später, ist es ein regelrechter Schock, wenn in Österreich oder der Schweiz der Kneipenrauch nach einem greift wie ein Gespenst aus der Vergangenheit. An das Unvorstellbare gewöhnt man sich erstaunlich schnell.
Die Verabschiedung des Alkohols aus der Alltagskultur wird vermutlich etwas länger dauern. Der Drink war schließlich auch eine ganze Weile eher in der Welt als die Zigarette dazu. Aber dass er am Ende den gleichen Weg gehen wird, das ist seit spätestens vier Jahren gewiss: 2006 arbeitete der für Verbraucherschutz zuständige EU-Kommissar Markos Kyprianou an einer Anti-Alkohol-Strategie der Europäischen Union. Was er empfahl, waren überwiegend die Rezepte aus dem Kampf gegen den Tabak: höhere Steuern, Verkaufsbeschränkungen, Werbeverbote, Warnhinweise auf den Flaschen. Trinken schädige Gesundheit, Arbeitsleistung, ungeborene Kinder.
Einer geht noch
Den Getränkeherstellern gelang es, den Entwurf zu entschärfen; Wein und Bier, in dem Kyprianou-Papier als Rauschdrogen behandelt, konnten als Genussmittel und Kulturgüter rehabilitiert werden, die von der überwiegenden Mehrheit der Konsumenten verantwortungsvoll genutzt würden. Diese Schlacht ging an die Lobbyisten und an die Politiker, denen das Tribalistische noch am Herzen liegt. Aber selbst ein Horst Seehofer musste seinen Bierbrauern im Anschluss mitteilen, dass damit der Krieg erst begonnen habe. Alle Beteiligten wussten, dass der Alkohol nun dort stand, wo der Tabak vor dreißig Jahren war. Der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen freute sich, dass sich die Alkoholindustrie genauso zu winden begann wie die Tabakkonzerne, wenn sie ihre Zigaretten mit C schrieben. Firmen wie Bacardi fingen an, „Verantwortungsvoller Genuss ab 18 Jahren“ auf die Etiketten zu drucken. Wenn die Hersteller „Genuss“ und „Verantwortung“ erst einmal derart betonen, ist das in den Augen ihrer Kritiker aber nichts anderes als ein Zugeständnis, dass ihre Produkte eben auch unverantwortlich konsumiert werden können, also gefährlich sind - und damit ein erster Riss in der Mauer.
Und dann fiel in Berlin nach einem Tequila-Wetttrinken ein Sechzehnjähriger ins Koma. 2007 war das. Kaum einer, der danach nicht forderte, dass die Jugend endlich wirksamer vor dem Alkoholmissbrauch zu schützen sei. Unter diesen Eindrücken machte sich schließlich Sabine Bätzing als Drogenbeauftragte der Bundesregierung ein Jahr später an ihr Strategiepapier für ein „nationales Aktionsprogramm zur Alkoholprävention“. Sie hatte ähnliche Vorschläge wie zuvor der EU-Kommissar - und wie er scheiterte sie an der Gegenwehr der Brauer, Winzer und Wirtschaftspolitiker. Dialektisch betrachtet wieder eine Niederlage, die den Gesamtsieg ein Stück näher gebracht hat.
Jetzt ist Mechthild Dyckmans dran und muss es wieder versuchen. Das schreibt ihr schon die Rolle vor. Da ihr Job „Drogenbeauftragte“ heißt, wird sie die Droge Alkohol noch konsequenter bekämpfen müssen. Um liberalere Regelungen wird es hingegen nicht gehen können, wenn sie nicht als Agentin der Industrieinteressen dastehen will - auch wenn Dyckmans in der FDP ist. Vielleicht hilft es ihr ja, dass die Nüchternheit als Errungenschaft des tätigen Bürgertums definiert worden ist. So könnte sie das immerhin bei Wolfgang Fritz Haug nachlesen. Die Durchsetzung einer normativen Nüchternheit ist sozusagen der Kampfauftrag der von ihr vertretenen Klasse. Und nüchtern betrachtet - also nicht mit dem Interesse, den eigenen Alkoholkonsum intellektuell und kulturell irgendwie zu legitimieren -, ganz nüchtern betrachtet und zu Ende bedacht, ist ein Alkoholverbot nichts als ein Gebot der Vernunft und die logische Konsequenz aus der Lage und Entwicklung der Dinge.
Was man alles nicht mehr darf
Das Alkoholverbot wird „kommen“ - mit der gleichen erbarmungslosen Unentrinnbarkeit, mit der, wie es immer heißt, „die Globalisierung kommt, ob wir das wollen oder nicht“. Das Einzige, was einem zu entscheiden bleibt, ist die Frage, ob man vorwärts in die Zukunft fahren will oder rückwärts, ob man fortschrittsfreudig durch das Leben gehen möchte - oder als Reaktionär, der dauernd „Nichts darf man mehr“ mault, so wie allerdings auch die, die gern wieder Herrenwitze erzählen dürfen würden und Sekretärinnen in den Po kneifen.
Die Zeichen der Zeit sind in nüchternen Statistiken abzulesen. Vor vierzig Jahren haben fast alle geraucht, heute nur noch eine Minderheit. Dass Teile der Kulturelite aus Protest gegen die Rauchverbote in den Prominentenlokalen jetzt noch ein bisschen Helmut Schmidt spielen (einfach mal eine anzünden und schauen, wen der Kellner rausschmeißt und wem er einen Aschenbecher bringt): Das sind kulturelle Rückzugsgefechte, spätrömische Kapriolen. Schon bald, so wollen es Europäische Union wie Weltgeist, wird die Menschheit es sich abgewöhnt haben wie zuvor das Spucken.
Nicht anders ist es mit dem Trinken: Seit seinem Gipfel im Jahr 1980 ist der Alkoholkonsum der Deutschen rückläufig. Das Volk, dessen Hang zum Pokulieren einer erstaunten Welt viele Jahrhunderte als nationales Wesensmerkmal galt, steht heute international nur noch auf Platz fünf im Pro-Kopf-Verbrauch. Und der Abstieg in die zweistelligen Ränge ist absehbar. Den „Four-Martini-Lunch“ kennen die Jüngeren nur noch aus der Fernsehserie „Mad Men“. Noch vor zehn Jahren war das aber auch bei uns ein beliebtes Spiel: Wer kann wie viel ab, und wer kann danach noch arbeiten? Jedes Mittagessen ein Armdrücken, nur eben mit der Leber. Es gab Zeiten, da war die Cognacflasche im Büroschrank so selbstverständlich wie ein Aktenordner. Heute wäre sie ein Kündigungsgrund.
Akte der Emanzipation
Das Trinken ist weitgehend aus dem Arbeitsleben verschwunden. Warum nicht demnächst auch aus der Freizeit? Wie wäre es denn, wenn jemandem, der „nein, danke“ sagt, nicht mehr automatisch unterstellt würde, dass er alkoholkrank, eine schwangere Frau oder Islamist ist? Wie wäre es, wenn man den Leuten mit den Gläsern mal ihre sozialindikatorischen Krücken aus der Hand nehmen würde - dem Bauarbeiter das Bier und der Literaturbetriebsangehörigen den Rotwein (oder wenn beide für den Anfang zumindest mal tauschten)? Wenn Männer aufhören könnten, sich Mut anzutrinken. Und Frauen Gelassenheit. Wenn die Männer keine Trinkfestigkeit mehr beweisen müssten, während Frauen dazu verdammt sind, nicht ganz so viel zu vertragen. Es wären lauter Akte der Emanzipation.
Es ist auf allen Ebenen das Gebot der Gleichbehandlung, das ein Alkoholverbot praktisch unausweichlich macht. Dazu gehört vor allem eine strenge Ächtung des Weins. Wieso sollten die Weinberge an der Mosel anders behandelt werden als die Plantagen der Kokabauern in den Anden? Auch die bauen eine uralte Kulturpflanze an, mit deren Früchten sie verantwortungsvoll umgehen können und Rituelles verbinden. In Deutschland fällt auf Wein nicht einmal Alkoholsteuer an, er wird als Kulturdenkmal behandelt. Beim Wein ist der Alkohol, wie das die Kenner so schön formulieren, grundsätzlich „gut eingebunden“ - und zwar in tanninreiche Strukturen aus Kultur, Tradition, Prestige und Ehrfurcht. Ähnlich elaboriert ließe sich aber auch über das einst nicht wegdenkbare Kulturgut Pferd reden. Trotzdem vermisst keiner die Kutschen. Die Trennung von Bier und Wein in ein niedriges Trinken und ein kulturell gehobenes ist sachlich nicht hinnehmbar, solange man theoretisch auch mit einem Château Margaux binge drinking betreiben kann. Praktisch ist es ja nur eine Frage des Geldes.
Das geht nicht mehr
Der Alkohol, heißt es, hat den Menschen in der Eiszeit gewärmt, gestärkt und sesshaft gemacht, er hat über Jahrtausende die Lebensmittel haltbarer und das Dasein erträglicher gemacht. Das alles muss er heute nicht mehr; wir haben Heizungen, Kühltruhen und eine Bundeskulturstiftung.
Das Spirituelle und Urtümliche, das der Mensch im Alkoholkonsum aufsucht, ist damit ein Atavismus. Wer Abenteuer sucht, kann nach Afghanistan gehen. Es kann kein Recht auf Rausch geben, außer man schließt, wie bei Extremsportarten, Zusatzversicherungen ab. Das Elend der Alkoholiker spricht das Urteil über die Freuden der Genusstrinker. Noch ist deren Mehrheit zwar erdrückend, aber auch die wird bröckeln, hier wirkt ein Alkoholverbot als self fulfilling prophecy. Am Ende wird man die Abhängigen in Apotheken versorgen. Apothekenpreise haben die meisten Drinks ja heute schon. Die Griechen wussten, warum sie sich Dionysos als einen Gott dachten, der den Seinen zwar Frieden und Frohsinn und fette Hüften gibt, diejenigen, die sich ihm widersetzen, aber rachsüchtig schindet und martert. Der „Herrscher der Zirrhosen“ (Durs Grünbein) ist ein grausamer Gott, die Personifizierung von etwas, das später Suchtkrankheit heißen wird. Selbst die platonischen Symposien, auf die sich Weinapologeten wie der englische Philosoph Roger Scruton gern berufen, sind, wenn man einmal genau nachliest, im Kern gesundheitsschädliche Gelage, Wettkampftrinken mit Gerede.
Die Welt als Fahrradhelm
Auch als Kulturfetisch enthält Wein Alkohol; Alkohol ist eine Gefahr für Leib und Leben, die Menschen müssen davor geschützt werden, und da individuelle Verantwortung sich der Regulierbarkeit entzieht, ist ein Totalverbot die einzige Möglichkeit, so gut das Zeug auch schmecken mag. Sicherheit, körperliche Integrität und langes Leben sind ein hohes Gut, von dem sämtliche Generationen vor uns nur träumen konnten. Das alte Bild dafür war das Paradies. Ein aktuelleres wäre die Welt als Fahrradhelm.
Wem das nicht passt, der kann das ja als Dystopie auffassen, als Schreckensbild, das ihn jedes Bier ab sofort genießen lassen wird, als sei es sein letztes. Wer aber hofft, dass dies der Punkt ist, an dem dieser Text gewissermaßen in den Feierabend einbiegt und endlich zugibt, dass diese Aussichten nur auszuhalten sind, indem man sich sofort so nachhaltig wie möglich betrinkt (und bei der Gelegenheit gleich auch mit dem Rauchen wieder anfängt), dem kann ich nur sagen: Diese Pointe ist zwar meilenweit absehbar. Aber ich kann sie hier leider nicht liefern. Schon weil Alkohol und Zigaretten das gar nicht mehr leisten könnten.
Das müssten schon andere Drogen sein. Drogen, von denen wir uns heute noch gar keine Vorstellung machen. Zu einem anständigen Fortschrittsglauben gehört allerdings auch die Gewissheit, dass daran längst gearbeitet wird.
Peter Richter Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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