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Von Wulff zu Lanz Unsere Besten

19.02.2012 ·  In dieser Woche hat das Land einen Bundespräsidenten verloren, aber einen Moderator für „Wetten, dass..?“ gefunden. Nun beginnt alles wieder von vorn. Die Suche und das Scheitern.

Von Marcus Jauer
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© dapd, dpa Zwei Männer ohne Eigenschaften: Markus Lanz und Christian Wulff.

Das ist nun also die Woche geworden, in der das Land einen Bundespräsidenten verloren und einen Showmaster gefunden hat. Christian Wulff verlässt das Schloss Bellevue, und Markus Lanz bezieht die Couch von „Wetten, dass..?“. Der eine geht, der andere kommt.

Und wo stehen wir?

Wer die beiden Personalien in den letzten Wochen verfolgte, wer zusah, wie der eine den Ansprüchen seines Amtes immer weniger genügte, während für das andere Amt niemand zu finden war, der den Ansprüchen genügte, der bekam das Gefühl, als würden die beiden Fälle einander kommentieren. Als könne die eine Personalie die Fragen beantworten, welche die andere stellte - und umgekehrt.

Die Väter unserer Gemeinschaft

Auf den ersten Blick scheinen das Amt des Bundespräsidenten und die Moderation von „Wetten, dass...?“ nicht vergleichbar zu sein. Der Bundespräsident arbeitet in der Politik, der Moderator im Fernsehen, aber das ist in Wirklichkeit schon der einzige Unterschied zwischen ihnen. Beide haben es in die jeweils höchste Position ihrer Branche geschafft, beide prägen dort die mentale Verfassung des Publikums, das jeweils wir alle sind. Sie verfügen über keinerlei Macht, sie verfassen keine Gesetze, sie verhandeln nicht über Gebühren, sie haben nur die Kraft ihrer Persönlichkeit, und damit arbeiten sie an unserem Gewissen und unserem Gemüt. Sie sind das, wofür andere Ländern Könige haben - die Väter in unserer Gemeinschaft.

Wenn der Moderator von „Wetten, dass...?“ auf seine Couch einlädt oder der Bundespräsident zum Empfang ins Schloss, dann stehen sie für den Rest Aristokratie, den wir uns in der Demokratie leisten. Wir verzeihen dem einen seinen albernen Aufzug, die toupierten Haare, die anzügliche Bemerkung, wie wir dem anderen seine Gehemmtheit und das distanzierte Gehabe verzeihen.

Wir verlangen das Unmenschliche

Solange sie uns nur vertreten, wie wir das selbst nicht könnten. Der muss zeigen, dass sich die Stars aus Hollywood im deutschen Fernsehen nicht langweilen, obwohl es in der Sendung, in der sie sitzen, offensichtlich darum geht, dass irgendjemand einen Lastwagen auf Schnapsgläser stellen oder Frauenfüße am Geruch erkennen kann, während neben ihnen ein Komiker namens Otto herum hampelt. Dem anderen soll zu den Veränderungen unserer Zeit immer wieder eine Geschichte einfallen, wie wir sie uns selbst nicht erzählen könnten.

Die Lage des Landes und des Samstagabends, das sind die Felder, für die jene Positionen geschaffen wurden und für deren Bestellung wir den Männern, und es waren ja bislang nur Männer, die sie innehaben, jeden Kredit einräumen, solange sie ihn nur großzügig nutzen, eine Haltung haben, ein Herz. Es ist doch gerade das, was wir nicht vermögen, das gleichsam Übermenschliche, was wir von ihnen verlangen. Menschen sind wir selber schon. Trotzdem moderieren wir nicht „Wetten, dass...?“, und wir glauben auch nicht, Bundespräsident sein zu können.

Die Frage ist nur, wie wir dann ausgerechnet auf Christian Wulff und Markus Lanz kommen konnten.

Nie hat uns Wulff überrascht

Es war das womöglich schwerwiegendste Missverständnis von Christian Wulff, dass es beim Amt des Bundespräsidenten darum gehe, Mensch zu sein und dass sich dieses Menschsein darin auszeichnet, Fehler zu machen, vom Zugeben mal zu schweigen. Nach den Einzelheiten seiner Affäre, die nun zu seinem Rücktritt führte, wird ihm daraus kaum jemand einen Vorwurf machen können, offensichtlich hatte er nichts anderes zur Verfügung als eben dieses Menschsein.

Ob es nun um das geliehene Handy, die geschenkten Urlaube oder das in bar beglichene Hotelzimmer geht, nach jeder neuen Wendung sah Christian Wulff noch immer so aus wie auf dem Foto, auf dem wir ihn rasensprengend vor seinem geliehenen Häuschen in Großburgwedel sahen. Ein freundlicher Familienmann, der versucht, über die Runden zu kommen. Acht Wochen Affäre, jede Menge Details, und doch haben wir keinen neuen Christian Wulff kennengelernt. Nie hat er uns überrascht. Damit ist nicht die Unterstellung gemeint, jeder habe von Anfang wissen können, dass unter diesem Häuschen etwas begraben liegt. Es war etwas anderes, das jeder von Anfang wissen konnte, und es war ganz offensichtlich.

Es ging nicht darum, als Mensch zu überzeugen

Anfang der neunziger Jahre, Thomas Gottschalk war zu einem Privatsender gewechselt, übernahm der Moderator Wolfgang Lippert „Wetten, dass..?“. Er hatte sein Handwerk in der DDR gelernt, wo er als aufmüpfiger Spaßmacher galt, nun sollte er eine Show moderieren, die damals bereits internationales Renommee erreicht hatte, und natürlich versuchte er es mit den Witzen, die im Ostfernsehen gut funktioniert hatten. Nach nur neun Sendungen war für ihn Schluss. Noch Jahre später konnte er die Einschaltquoten aufsagen, die er während dieser Zeit geholt hatte und die tatsächlich nicht schlechter waren als zuvor und immer noch etwas besser als danach. Auch Wolfgang Lippert hatte versucht, als Mensch zu überzeugen. Er verstand gar nicht, dass es darum nicht gegangen war.

Thomas Gottschalk hat aus „Wetten, dass..?“ eine Institution gemacht, so wie Gustav Heinemann aus dem Amt des Bundespräsidenten eine Institution gemacht hatte. Bis dahin war es nur eine Sendung gewesen, wie es zu dieser Zeit einige im deutschen Fernsehen gab - „Der Große Preis“, „Einer wird gewinnen“, „Auf los geht’s los“. Sie galten als Vorbilder für das Format, bis er mit dessen Vorgaben brach, andere Gäste einlud, andere Gespräche führte, die Sendezeit überzog. Er schöpfte seine eigenen Möglichkeiten aus und damit die der Sendung. Doch erst, als er sie im vergangenen Jahr abgab, wurde klar, dass niemand sich vorstellen konnte, wer sie an seiner statt moderieren könnte. Er war mit der Show gewachsen und dann verwachsen. Mehr ist an dieser Stelle nicht zu erreichen.

Wir verzeihen keinen Größenwahn

Nach dem Rücktritt von Christian Wulff scheinen die Monate, in denen das Fernsehen nun schon einen Nachfolger für Thomas Gottschalk sucht, wie ein Vorgriff auf die kommenden Wochen, in der ein neuer Bundespräsident gesucht werden muss. Es gab einen Kandidaten der Herzen, der es nicht werden wollte, danach fielen immer wieder nur dieselben Namen. Die Moderation der größten Unterhaltungsshow Europas war zu vergeben und gefragt wurden Jörg Pilawa, Bully Herbig oder Barbara Schöneberger. Lauter kleine gemeinsame Nenner, deren Persönlichkeit sich nicht an einem Format stößt, das andere geprägt haben. Zuletzt sprang sogar die blonde Frau noch ab, mit der ein bisschen frischer Wind in die Veranstaltung kommen sollte, so wie mit derselben Idee ein bisschen frischer Wind ins Schloss Bellevue hatte einziehen sollen.

Vielleicht hätte man das Amt des Bundespräsidenten abschaffen sollen, nachdem es Richard von Weizsäcker abgegeben hat. Aber man schafft ja nicht einmal „Wetten, dass...?“ ab, nachdem es Thomas Gottschalk nicht mehr moderiert. So muss es irgendjemand machen, und doch ist es der Größenwahn, den wir diesen Leuten nicht verzeihen. Gestern war es Christian Wulff, heute ist es Markus Lanz. Zwei Männer ohne Eigenschaften.

Als Harald Schmidt ebenfalls Anfang der neunziger Jahre „Verstehen Sie Spaß?“ übernahm, das damals bereits eine Institution war, setzte er sich einmal an den Flügel, den es bis dahin nicht gegeben hatte, spielte ein bisschen was und ließ danach den Metronom laufen. Eine Weile lang war es ganz still im Publikum, dann wandelte sich die Konzentration in wortloses Entsetzen, und als es so aussah, als würden die Leute gleich zu weinen anfangen, fragte Harald Schmidt sie in die Stille hinein: „Wissen Sie eigentlich, was eine Sendeminute am Samstagabend kostet?“

Einen solchen Moment, ausgelöst durch einen Bundespräsidenten, will man sich natürlich nicht vorstellen. Man kann sich aber auch schwer vorstellen, was nun kommen wird.

Vielleicht sollte einfach Thomas Gottschalk Bundespräsident werden. Christian Wulff bekommt eine Kochsendung im Fernsehen. Und Markus Lanz? Übernimmt etwas anderes.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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