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Veröffentlicht: 16.06.2017, 15:00 Uhr

Das Ende einer Legende Walden Flop

Das verschlafene Städtchen Concord in Massachusetts wird dank seiner Kulturlegenden als „amerikanisches Weimar“ gepriesen. Doch der Vergleich hinkt. Höhepunkt des touristischen Angebots ist ein Badesee.

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© AP Henry D. Thoreau ist sogar eine Briefmarke gewidmet. Ihr übergroßes Pendant erstrahlt an jenem Ort, an dem er einst sein Haus in den Walden Woods bei Concord in Massachusetts errichtete.

Ein schon sommerlich warmer Freitagnachmittag in Concord, Massachusetts. Hier schlug im neunzehnten Jahrhundert das literarische Herz Amerikas: Ralph Waldo Emerson, Nathaniel Hawthorne, Louisa May Alcott lebten und schrieben hier. Ihre Häuser sind die Hauptanziehungspunkte der kleinen Stadt, doch zum „amerikanischen Weimar“, wie die Reiseführerprosa lautet, fehlt der Rummel. Verschlafen sind Gebäude, Museum und die Handvoll Kulturtouristen darin. Dabei gab es einen großen Mann von hier, der in seinem berühmtesten Buch prahlt: „Ich bin ziemlich viel in Concord herumgekommen“, als wäre das die Welt.

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Henry D. Thoreau war das, der große Einsame, der in Concord geboren und dort auch gestorben ist. Als er doch einmal aus der Stadt herauskam, schrieb er dieses berühmteste Buch: „Walden oder Leben in den Wäldern“, benannt nach dem abgeschiedenen Walden Pond, einem Teich. An dessen Ufer hatte Thoreau sich 1845 eine Hütte gebaut und lebte „allein im Walde und verdiente meinen Lebensunterhalt mit meiner Hände Arbeit“, zwei Jahre und zwei Monate lang. Sein Buch erschien 1854 und wurde zum Inbegriff amerikanischer Selfmade-Mentalität, aber auch als Programmschrift der Rückbesinnung auf die Natur findet es ungebrochen Leser, besonders in diesem Jahr, zum bevorstehenden zweihundertsten Geburtstag Thoreaus. Was also sollte näherliegen, als ihm aus dem ruhigen Concord in die noch ruhigeren Wälder zu folgen?

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Doch schon die Anfahrt von gerade einmal einem Kilometer zum Walden Pond hätte Warnung sein müssen, auf der Straße reiht sich am beginnenden Abend Wagen an Wagen. Dann ein Hinweisschild: „Walden Pond“, der Parkplatz, auf den es uns leitet, ist noch immer fast voll, denn ständig treffen neue Besucher im Auto ein. Die Parkgebühr beträgt pauschal zehn Dollar, für einheimische Fahrzeuge acht – happig dafür, dass es am Teich selbst nichts zu sehen geben soll als eine Gedenktafel und den Grundriss von Thoreaus Hütte; das selbstgezimmerte Mobiliar haben wir schon im Museum gesehen. Und wieso sind die Literaturpilger so leicht gekleidet? In Badehosen, Bikinis und Sandalen strömen sie aus dem Wald heraus und in den Wald hinein. Da wird es klar: Der Walden Pond ist heute Badeteich.

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Wo Thoreau die Stille pries – „um menschliche Gesellschaft zu genießen, musste ich die früheren Bewohner dieser Wälder heraufbeschwören“ –, herrscht heute lautstarker Massenschwimm- und -spielbetrieb. Was ihm früher als betriebsam galt – Concord –, hat heute alle Betriebsamkeit an seinen Rückzugsort verschickt. Wir wenden uns und das Gefährt mit Grausen: die Parkgebühr gespart, eine Summe, von der Thoreau in seiner Zeit leicht einen Monat hätte leben können.

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