Home
http://www.faz.net/-gqz-7199j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vom Kaiser zur Partei Chinas verborgene Regeln

 ·  Seit Jahrhunderten haben die Chinesen eine inoffizielle Moral verinnerlicht, die neben der offiziellen existiert. Wer etwas erreichen will, darf die Schattengesetze nicht missachten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (13)

Ein unterschätztes chinesisches Unterscheidungsmerkmal zwischen innen und außen, zwischen chinesischer und nichtchinesischer Perspektive betrifft die Bedeutung, die schriftlichen Regeln beigemessen wird. Ausländer neigen dazu, öffentlich erklärte Regeln wie zum Beispiel die Verfassung, die Gesetze oder sonst wie fixierte Normen beim Nennwert zu nehmen, selbst dann, wenn sie deren fortgesetzte Verletzung beklagen; sie fordern dann, dass sich die defizitäre Realität den Regeln anpasst. Chinesen sehen dagegen in allem, was offiziell proklamiert wird, schon von vornherein dessen Relativierung eingebaut. Seit Kindesbeinen rechnen sie damit, dass es noch eine zweite normative Ebene gibt, zu der sich niemand öffentlich bekennt, die aber niemand missachten darf, der etwas in der Wirklichkeit erreichen will.

Jeder weiß - um ein Beispiel aus der Basisdemokratie auf dem Lande zu nehmen, von der die Parteipropaganda häufig spricht -, dass der gewinnbringende Posten eines Dorfvorstehers gern durch gezielten Stimmenkauf erworben wird. Oder dass eine Schule Prüfungsergebnisse so lange manipuliert, bis eine ausreichende Zahl von Absolventen das Examen besteht und die Schule selbst gegenüber den Schulämtern gut dasteht. Chinesen, die, so wie „Ausländer“ das tun würden, bei chinesischen Behörden auf die Einhaltung von Gesetzen pochen, werden nicht selten unlauterer Motive bezichtigt: Offensichtlich spielten sie bloß Theater, um feindliche Kräfte im Westen zu beeindrucken; als Chinesen müssten sie ja Bescheid wissen. Ausländer werden dagegen lieber nicht korrigiert.

Nicht als neutrale Beschreibung gemeint

Nach dem Sturz von Bo Xilai und vor dem 18.Kongress der Kommunistischen Partei im Herbst, da in China wieder viel von Reformen geredet wird, ist es hilfreich, sich diese Zweiteilung zu vergegenwärtigen. Im Lande selbst gibt es einen eigenen Begriff dafür, der es in den letzten Jahren sogar zur stehenden Redewendung gebracht hat: „verborgene Regeln“. Der Erfinder des Ausdrucks ist Wu Si, ein zurückhaltender, ernst dreinblickender Mann um die fünfzig, der inmitten der dunklen, von Büchern und Zeitungen angefüllten Redaktionsräume der Parteizeitschrift „Yanhuang Chunqiu“ so aussieht, als komme er direkt aus den Achtzigern, als Intellektuelle ihre Energie in Grundsatzdebatten steckten und Fragen des Markenstyling für eher unwichtig hielten.

Als Historiker hat Wu Si über ein Strukturmerkmal der Ming- und Qing-Dynastie geschrieben, dem er den Namen „verborgene Regeln“ gab, dessen durchschlagende Wirkung beim Publikum aber daher rührte, dass da im historischen Gewand unzweifelhaft von der Gegenwart die Rede war. Das Buch wurde zuerst verboten, darf aber seit 2009 wieder erscheinen. „Verborgene Regeln“ ist nicht als neutrale Beschreibung gemeint; von vornherein ist das Wort negativ konnotiert, weil die Regeln, um die es da geht, bewusst versteckt werden.

Wie früher unter dem Kaiser so heute unter den Kommunisten

„Es handelt sich um ein kompliziertes System“, sagt Wu Si mit leiser, aber bestimmter Stimme. Er wählt als Beispiel die Steuern. Offiziell galt für Bauern in früheren Jahrhunderten ein Steuersatz von 3,3 Prozent auf Boden und Ernte. Doch jeder wusste, dass die Wirklichkeit eine andere war. Die kaiserlichen Beamten, die die Steuern eintrieben, nahmen viel höhere Abgaben von den Bauern. Einen Teil dieser Zusatzeinnahmen verwendeten sie, um ihre Posten auf Dauer abzusichern: Sie mussten die Fürsprecher, denen sie das Amt verdankten, die Vorgesetzten, von deren Gnade sie abhingen, und die Kollegen, deren Verrat zu fürchten war, durch Zuwendungen günstig stimmen.

So setzte sich das System immer weiter nach oben fort. Da die einträglichen Posten verkauft wurden, obwohl die Ämter unter den Beamten eigentlich alternieren sollen, mussten sich auch die, die über die Vergabe der Posten entschieden, schützen, indem sie jene bezahlten, die über ihr eigenes Amt bestimmten. Wenn der Kaiser misstrauisch wurde, schickte er Gefolgsleute zur Überprüfung; aber auch die, sagt Wu Si, wurden häufig gekauft.

„Das rote Täschchen“ – so heißt die Bestechungszahlung

Die Korruption wird also weniger als individuelles Verhalten beschrieben denn als Sich-Einfügen in eine gesellschaftliche Konvention, die nicht weniger allseits bekannt war als das normative Regelwerk, das sie hinterging. Das kollektive Bewusstsein ließ die Welt der Gesetze und die Welt von deren Übertretung unverbunden nebeneinander bestehen. So wurde in der Qing-Zeit ein System von Bezeichnungen für die verschiedenen Zuwendungen entwickelt, die man aus Anlass von fünf Ereignissen im Jahr (Frühlingsfest, Mondfest, Drachenbootfest, Geburtstag des Beamten, Geburtstag seiner Frau) mit öffentlicher Billigung vornehmen konnte. Die Autorität der Moral, die bloße Bestechung unstatthaft findet, wurde nicht angetastet.

„Der Kern des heutigen Systems ist eigentlich der gleiche wie der des alten“, sagt Wu Si. Er will es nicht als Hauptziel der Partei in ihrer Kampfzeit gelten lassen, dass sie mit der Korruption aufräumen wollte: „Das Ziel der Partei war, eine Gesellschaft aufzubauen, in der das Proletariat die Macht hat. An die Stelle des Kaisers trat die Partei.“ Einige verborgene Regeln, die der persönlichen Bereicherung dienten, wurden zwischenzeitlich abgeschafft, aber kaum dass wieder ein individuelles Wirtschaften zugelassen wurde, traten sie abermals in ihr Recht.

Heute benutze man statt der vielfältigen Umschreibungen von früher ein einfaches Wort dafür: rotes Täschchen, hongbao, der Umschlag, in dem die Loyalität sichernde Zuwendung steckt. Das System könne wie früher als ein „Beamten-Eigentums-System“ bezeichnet werden. Zwischen der Staatsspitze und dem Volk steht eine ausgedehnte Hierarchie, die sich bei ihrem Bestreben, das Beste für sich herauszuholen, gegenseitig stützt und deckt.

Demokratie, Recht und Transparenz sind nötig

Die große Leistung des Historikers Wu Si besteht darin, die damit einhergehende Bewusstseinsspaltung ihrerseits ins Bewusstsein zu heben. Westliche Leser könnten durch Wu Si, wenn sein Buch einmal in eine westliche Sprache übersetzt würde, lernen, dass die jetzige Lage Chinas Ursachen hat, die über die Parteigeschichte weit hinausreichen. Für Chinesen aber erhellt es über die Vergangenheit die Befangenheiten der Gegenwart. Mittlerweile ist der chinesische Ausdruck für „verborgene Regeln“, qian guize, so populär geworden, dass er sogar in Alltagsgesprächen seinen Platz findet. Wer davon spricht, dass eine Schauspielerin „qian guize“ wurde (eine Konstruktion, die grammatisch nur im zwischen Substantiv und Verb oft nicht unterscheidenden Chinesisch möglich ist), meint, dass sie mit dem Produzenten schlafen musste, um eine Rolle zu bekommen.

Aber natürlich reicht die Bewusstwerdung nicht, um die Realität der verborgenen Regeln aufzulösen. Dazu hält Wu Si Demokratie, Recht und Transparenz für nötig. Die Leute unten, vor allem die Bauern, müssten die Möglichkeit bekommen, ohne große Kosten gegen das unrechtmäßige Verhalten von Beamten zu klagen. Bisher seien die Gerichtskosten zu hoch. Sie müssten Unrecht durch die Medien öffentlich machen können. Sie müssten sich bei Abgeordneten ihres Bezirks beschweren können, statt fruchtlose Petitionen in Peking einzureichen. Es müsse eine funktionierende Gewaltenteilung geben.

Die List der biographischen Vernunft

Das Gespräch hat den Rahmen längst verlassen, den man beim Chefredakteur eines Parteimagazins vermuten würde. Allerdings überschreitet die Zeitschrift selbst den Horizont des herrschenden Systems. Sie wurde zwar erst 1991 gegründet, aber von einflussreichen pensionierten Kadern aus dem Medienbereich. Wu Si erzählt, viele der Mitarbeiter seien Kommunisten, die vor der Gründung der Volksrepublik nach Demokratie und Freiheit gestrebt hätten, dann aber Maos Weg in den Autoritarismus mitgegangen seien. Nach Maos Tod hätten sie das als Fehler erkannt und wollten nun wieder zu ihren Ursprüngen zurückkehren. So macht die List der biographischen Vernunft es möglich, dass „Yanhuang Chunqiu“, gedeckt durch die schützende Hand mächtiger alter Funktionäre, eine der kritischsten und demokratischsten Presseerzeugnisse ist, die man in der Volksrepublik zurzeit kaufen kann.

Von außen sieht man ihr das nicht an. Mit ihrer völligen Abwesenheit von Layout wirkt sie wie ein anachronistisches Überbleibsel der Vergangenheit. Die einzige Anzeige wirbt für Hörgeräte von Siemens, was die Altersstruktur nicht nur der Autoren, sondern auch vieler der geschätzten fünfhunderttausend Leser (Auflage: 150000) jäh erhellt. Gerade besucht ein begeisterter Leser die Redaktionsräume und muss wegen seines vorgerückten Alters von zwei etwas jüngeren Frauen gestützt werden. Doch ebendiese Zeitschrift ist es, die heute ein realistisches, keine Schattenseite ausblendendes Bild der Parteigeschichte zu geben versucht. Und die als Forum der Demokratisierer innerhalb der Partei gilt. In der jüngsten Ausgabe schreibt ein früherer Sekretär von Mao, dass der 18.Parteikongress mehr innerparteiliche Demokratie zulassen sollte. Er müsste eigentlich wissen, wovon er spricht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 7