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Sprachgebrauchs-Glosse : Nichts für ungut

Da war noch nicht alles gut, aber auf gutem Weg: die Schöpfung des Himmels und der Erde aus dem Chaos auf einem Mosaik aus dem 12./13. Jahrhundert in der sizilianischen Kathedrale von Monreale. Bild: Picture-Alliance

Gegen redensartliche Beschwichtigungen etwas zu unternehmen scheint nahezu unmöglich. Was aber ist mit dem inflationär gebrauchten „Alles gut“ gemeint? Man kommt um einen Abstecher ins Theologische kaum herum.

          „Alles gut“: Die Leute meinen es bestimmt nicht böse, wenn sie das sagen; im Prinzip meinen sie es sogar „gut“. Aber sie sagen es zu oft, sie sagen zu oft, dass „alles gut“ sei, bei jeder Gelegenheit, schon seit langem, und darunter beginnt dieses „gut“ dann doch zu leiden, wie inflationärer Gebrauch eben Qualitätseinbußen nach sich zieht, man wird misstrauisch und möchte es irgendwann doch etwas genauer wissen: Wie „gut“ ist es wirklich, und was ist „alles“ gut?

          Gegen solche redensartlichen Beschwichtigungen etwas zu unternehmen scheint nahezu unmöglich, wie man ja auch gegen andere Alltagsmarotten wie zum Beispiel dieses ewige „o.k.“ gar nichts mehr ausrichten kann, dieses „o.k.“, das man, egal, was man sagt, zur Antwort bekommt, ob man nun sagt „Ich habe mir ein Auto gekauft“, „Ich höre gerne Bob Dylan“ oder „Ich habe neuerdings Bluthochdruck“ – immer kommt dann, wie aus dem Maul eines Wiederkäuers, so ein langgezogenes „okääiijhh“, das über die unterschiedlichsten Nachrichten und Sachlagen die Einheitssoße des Anheimstellend-Indifferenten, des schon ganz und gar Teilnahmslosen gießt und im Grunde doch bloß signalisieren soll: „Es interessiert mich nur mäßig, was du da redest.“

          Bei der Formel „alles gut“ liegen die Dinge gar nicht mal so anders, wobei der spontane Impuls, darauf mit einem gereizten „Gar nichts ist gut“ (Margot Käßmann) zu reagieren, nicht weiterhilft, die Lage wohl gar verschlimmert. Man kommt um einen Abstecher ins Theologische kaum herum. Die dafür einschlägige Bibelstelle ist leicht zu finden: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Buch Mose, 1, 31) Das von Gott für „sehr gut“ befundene „es“ schließt „alles“ hier logischerweise ein, denn Gott hatte sich ja „alles“ vorher noch einmal genau angesehen und kam dann zu seinem erfreulichen Urteil, wobei darauf zu achten ist, dass hier das Ganze mehr (im Sinne von „besser“) ist als seine Teile, denn die Teile – das Licht, den Himmel, das Wasser, die Pflanzen und so weiter – hatte er zuvor nur für „gut“ befunden: „Und Gott sah, dass es gut war“, heißt es in der Genesis zuvor leitmotivisch mehrmals hintereinander.

          Erst die Welt als ganze ist also „sehr gut“, daher ja wohl auch die Bezeichnung des Katholischen, welches auf das griechische katholikós zurückgeht, das „ganz“, „allumfassend“ bedeutet. Wenn nun Hinz, während wir ihn vielleicht in der Bahn aus Versehen angerempelt haben und dafür um Pardon bitten, und Kunz, während wir ihn womöglich mit etwas gekränkt haben und dafür um Verzeihung bitten, wenn nun also Hinz und Kunz sagen: „alles gut“, weder aber gottgleich noch gar Gott selbst sind, dann liegt hier eine glatte Gotteslästerung vor – ein Tatbestand, der offensichtlich kaum jemanden davon abhält, immer wieder und aufs Neue „alles gut“ zu finden. Gott, dem allein dies zusteht, wird es geahnt haben. Oder wie soll man es sonst verstehen, dass ausgerechnet nach der Erschaffung des Menschen die Feststellung „Und Gott sah, dass es gut war“ ausbleibt?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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