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Vom Bewunderer zum Feind Amerikas : Der Krieg gegen sich selbst

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Tamerlan Tsarnaev (rechts) mit seinen Boxtrainern bei einem Wettkampf in Massachusetts, 2006 Bild: Anne Rearick / VU / laif

Wie wird man vom Bewunderer Amerikas zu dessen Feind? Der pakistanische Autor Mohsin Hamid hat diese Frage in einem Roman erforscht, den man nicht lesen kann, ohne an die Brüder Tsarnaev zu denken. Ein Gespräch.

          Noch weiß man wenig über die Motive der Brüder Tsarnaev, über den Weg, der sie zuerst nach Amerika führte und am Ende offensichtlich dazu, dieses Land zu hassen. Und wer die Bruchstücke der bisherigen Ermittlungen zu einem Puzzle zusammenfügen will, der kommt meist auch nicht weiter als bis zu dem Phantombild des „homegrown terrorist“, jener Figur, deren Profil kriminologisch schon deshalb so nutzlos ist, weil dessen Unschärfe sich aus den ganz normalen Ambivalenzen einer multikulturellen Identität ergibt.

          Amerika war schon immer der Fluchtpunkt solcher Identitäten, und wie es passieren kann, dass die Identifikation mit dem Traum, den man den amerikanischen nennt, in Antipathie oder offene Feindschaft umschlägt, das beschrieb der pakistanische Autor Mohsin Hamid, 41, vor ein paar Jahren in seinem Buch „Der Fundamentalist, der keiner sein wollte“ (erschienen bei Hoffmann und Campe). Es geht um einen pakistanischen Immigranten namens Changez, der in Princeton studiert und bei einer großen Unternehmensberatung Karriere macht, und wie brüchig sein Gefühl ist, dazuzugehören zu dieser Welt, das merkt er erst am 11. September 2001. Als die Türme einstürzen, muss er lächeln, was ihn zuerst verblüfft und dann so sehr verunsichert, dass er beginnt, sich auf seine Herkunft zu besinnen. Er spürt die Ressentiments seiner neuen Heimat, und die Bomben, die Amerika über seinem Nachbarland Afghanistan abwirft, entfremden ihn erst recht. Am Ende bleibt offen, welche Ausmaße der Hass von Changez annimmt.

          Natürlich ist Hamids Buch nicht das Drehbuch für die Biographien der Brüder Tsarnaev, aber wer es heute noch einmal liest, kommt kaum umhin, es auch als Psychogramm der Attentäter zu lesen, zumal in dieser Woche auch noch Mira Nairs Verfilmung des Romans in Amerika Premiere hatte. Anlass genug für ein paar Fragen an Hamid, den wir am Telefon in New York erreichen.

          Mir ist bewusst, dass Ihr Roman keine Blaupause für die Ereignisse in Boston ist und dass auch Sie nicht wissen können, was die Motive der beiden Brüder waren. Aber wenn wir so tun, als wären das fiktive Charaktere: Was, glauben Sie, würde in ihnen vorgehen?

          In gewisser Weise sind solche Spekulationen ja genau das, was die Medien die ganze Zeit tun, ohne zuzugeben, dass sie es tun.

          Vielleicht ist es ja ein Unterschied, wenn man es zugibt?

          Ich denke es ist ein großer Unterschied. Also: Ich glaube, es gibt vielleicht drei Fäden, die man da ziehen kann. Ein Faden wäre natürlich die amerikanische Außenpolitik. Der überlebende Bruder hat darüber gesprochen, und es ist ja bekannt, dass die militärischen Aktionen der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt viel Feindseligkeit verursachen. Das wäre gewissermaßen das bewusste Motiv unserer Figur. Dann gibt es eine weniger bewusste Ursache, und das wäre das spannungsgeladene Wesen der Erfahrung eines Immigranten. Jeder Immigrant erlebt gleichzeitig ganz verschiedene Dinge, wenn er in ein anderes Land kommt. Einerseits nähert er sich dem Land an, in das er einwandert, er will hineinpassen, und im Fall dieser beiden jungen Männer scheint das zunächst ja auch erstaunlich gut geklappt zu haben.

          Seine Freunde beschreiben Dzhokhar Tsarnaev als lebenslustigen und kontaktfreudigen Menschen, er war Kapitän der Ringermannschaft. Und auch Tamerlan scheint vor seiner Hinwendung zum Islam einen eher westlichen Stil gepflegt zu haben. Sein ehemaliger Boxtrainer sagt, er wäre angezogen gewesen, „als würde er gleich auf den Laufsteg hüpfen“, mit Trenchcoat, engen Jeans und silberfarbenen Schuhen.

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