19.01.2009 · Die Bundesrepublik wird sechzig Jahre alt, und auch Volkswagen will mitfeiern. Unter dem Motto „Sechzig Jahre Wertigkeit“ versucht man, die eigene Werksgeschichte mit der Staatsgeschichte zu synchronisieren - und lässt dabei zehn Jahre einfach unter den Tisch fallen.
Von Niklas MaakDie Bundesrepublik wird dieses Jahr sechzig Jahre alt, da wollen alle mitfeiern - auch der Autohersteller Volkswagen. „2009 wird die Bundesrepublik sechzig Jahre alt“, heißt es auf der Website des Konzerns, „und von Anfang an hat Volkswagen dazugehört.“ Unter dem Motto „Sechzig Jahre Wertigkeit“ und dem Slogan „Gemeinsam haben wir viel erlebt - gemeinsam haben wir viel vor“ sollen zu einem Wettbewerb die „schönsten Volkswagen-Geschichten“ eingereicht werden. „Am 8. Oktober 1949“, rechnet uns Volkswagen vor, „wurde der jungen Republik die Treuhänderschaft über das Volkswagen-Werk übertragen: der Beginn unserer gemeinsamen Geschichte.“
Sechzig Jahre Volkswagen ... sechzig? Wenn wir uns nicht verrechnet haben, wurden hier ein paar Jährchen unter den Nierentisch gefegt - schließlich war der Volkswagen, Treuhänderschaft hin oder her, als es 1949 mit Bundesrepublik, Buttercremetörtchen und Touren nach Italien losging, schon zehn Jahre alt und hatte, unter seinem alten Namen KdF-Wagen, auch schon ein paar Touren nach Polen hinter sich. Historisch korrekt müsste es also eher heißen: „Siebzig Jahre Wertigkeit - gemeinsam hatten wir viel vor. Gemeinsam haben wir viel erlebt, was wir lieber nicht erlebt hätten“ - aber das ist sowieso eine der erstaunlichsten ikonographischen Wendungen in der Produktmythologie des zwanzigsten Jahrhunderts: wie der KdF-Wagen, den Porsche in den dreißiger Jahren im Auftrag Adolf Hitlers entwarf, nur ein Vierteljahrhundert später, ästhetisch völlig umcodiert, zum Lieblingsgefährt amerikanischer Teenager und Hippies wurde, die ihm Wimpern anmalten, ihn Herbie nannten und überhaupt als lustiges, defensives Blechkugeltierchen betrachteten, als motorisierten Gegenentwurf zu den aggressiven amerikanischen Muscle-Cars.
Man kann diesen Weg von Hitler zu Herbie nur als eine subtile Form von Exorzismus lesen. Währenddessen haben andere Autohersteller weniger Skrupel, ihre NS-Geschichte ins Licht zu rücken: Im neuen Porsche-Museum beginnt die Geschichte mit dem „Berlin-Rom-Wagen“ von 1939. Der große Kühlergrill der neuen Audis wurde mit der Studie „Audi Rosemeyer“ erstmals vorgestellt - und die ist im Namen und in der Form eine Hommage an die Autos des Rennfahrers und SS-Hauptsturmführers Bernd Rosemeyer, der 1938 bei über 400 Stundenkilometern in einem Testwagen verunglückte.