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Volksbühnenstreit : Berliner Finten

Die Volksbühne, postfaktische Klassenkampfarena der Linken. Bild: dpa

Die Schaukämpfe um die Volksbühne lenken prima von echten Problemen ab, und der Bürgermeister verrenkt sich kunstvoll. Und das ist erst der Anfang mit der neuen Dreier-Koalition.

          Seit knapp einer Woche ahnt Berlin, was der Stadt so alles blühen könnte mit der neuen Dreier-Koalition. Noch ist keine Personalie entschieden, sind alle Namen für Senatoren vorläufig, bis der Regierende Bürgermeister sie offiziell ernennt. Erwartungsgemäß gab es heftigstes Flügelschlagen, weil nach zehn Jahren wieder ein eigener Kultursenator dabei sein wird: Klaus Lederer, auch noch ein Linker, von dem es heißt, er wolle die Causa Volksbühne, also den Vertrag mit deren künftigem Intendanten Chris Dercon noch einmal verhandeln.

          Das kann dem Bürgermeister nicht entgangen sein, vielmehr erhärtet sich der Verdacht, das sei so ausgehandelt worden. Denn kaum war die Personalie Lederer in der Welt, goss dieser, wie erwartet, Öl ins fast schon erloschene Kulturkampf-Feuer, das nun wieder wild lodert. Worum geht es? Erstens hat Lederer das seiner Basis versprochen, die ihn zudem noch bestätigen muss. Zweitens ist die Volksbühne für die Linke eine Art postfaktische Klassenkampfarena. In der hat ein Dercon nix zu suchen!

          Ablenkung von Lebensnotständen

          Haben die in dieser kaputten Stadt nichts Besseres zu tun?, fragt sich zwar langsam der chaosgepeinigte Berliner. Aber vielleicht ist Ablenkung von den wahren Lebensnotständen in der Stadt ja Sinn und Zweck dieses Schaukampfes. Über die angebotene Kapitulation, garniert mit allerlei ideologischen Ressentiments, will der belgische Star-Kurator wiederum nicht einmal nachdenken, sein Vertrag wurde schon Mitte 2015 unterzeichnet. Wer ihn auflösen wollte, müsste einige Millionen Euro Abfindung zahlen. Woher nehmen? Noch mehr fehlende Schulen nicht bauen? Vom Flurschaden ganz zu schweigen.

          Denn wie es hier zugeht, spricht sich herum in der weiten Welt, so dass erträumter Glanz von draußen nicht mehr so leicht zu importieren sein wird. Normalerweise wäre jetzt der erste Koalitionskrach fällig, müsste Michael Müller, in seiner Doppelgestalt als Regierender und Noch-Kultursenator, auf den Tisch hauen. Schließlich hat er den Vertrag unterzeichnet. Gestern sagte er endlich, er stehe zu Dercon. Politiker, die ein Amt übernehmen, müssten selbst sehen, ob man „Möglichkeiten sieht, mit getroffenen Entscheidungen auch anders umzugehen als bisher“. Das klingt nach doppelt geschraubten Salto wohin auch immer.

          Nur Müllers noch amtierender Kulturstaatssekretär Tim Renner, kalt ausgemustertes Wunderkind aus der letzten Amtsperiode, hatte lange vorher trotzig mitgeteilt, er sei stolz auf das von ihm Erreichte: mehr Geld, Chris Dercon, Sasha Waltz... Immerhin habe man bei der Intendantenwahl „über den Tellerrand geguckt“ und „auch Expertise und den Blick von außen aus Salzburg, Amsterdam, Stockholm, und London geholt“. Man kann vom Seiteneinsteiger Renner halten, was man will; aber so ein Satz klang im provinziellen Berliner Weltanschauungstheater fast revolutionär.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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