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Volksboutique Glück hilft nur manchmal, Arbeit immer

 ·  Widerstand gegen das digitale Zeitalter? In Berlin erlebt der klassische Laden seine Renaissance. Zumindest, wenn es um ganz ausgefallene Kunstwerke als Weihnachtsgeschenke geht, wie bei der Documenta-Künstlerin Christine Hill.

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Kaum hat die Weihnachtszeit begonnen, kommt uns diese Statistik auf den Tisch: Schon mehr als ein Drittel der Deutschen will in diesem Jahr nicht auf der Suche nach Geschenken durch liebevoll dekorierte Läden stöbern, nicht in Einkaufszentren unter der üblichen massiven Wham-Beschallung („Last Christmas, I gave you my heart, but ...“) und in überfüllten Shoppingmalls nach Geschenken fahnden; ein Drittel aller Deutschen will diesmal nicht in die Innenstadt gehen, sondern ins Internet und die Weihnachtsgeschenke dort kaufen.

Man kann das verstehen: Der Weihnachtsbummel erinnert, was das Gedränge betrifft, schließlich an den Versuch, nach Spielende aus einem überfüllten Fußballstadion herauszukommen, aber trotzdem ist es fast wieder ein bisschen schade, denn mit dem Verschwinden des Weihnachtsbummels wird irgendwann auch der kleine, hingebungsvoll dekorierte Einzelhandelsladen verschwinden. Andererseits naht für diese bedrohte Spezies gerade Rettung - aus der Kunst.

Mischwesen aus Ware und Konzeptkunst

Berlin hat verschiedene wundersame Läden hervorgebracht, die als Mischwesen zwischen Ware und Konzeptkunst existieren. Im Gesamtkunstwerk „Kioskshop“ auf der Schröderstraße verkauft der Künstler H. N. Semjon mit Wachs überzogene Produkte wie Zwiebackpackungen oder Coladosen, die aussehen wie schockgefrostet. Das Möbelgeschäft des Schriftstellers Rafael Horzon auf der Torstraße hat sich - mit einem einzigen minimalistischen Regalmodell im Angebot - auf die Fahnen geschrieben, Ikea vom Markt zu verdrängen. In Berlin sorgen die Künstlerdichte und die immer noch moderaten Mieten für einen idealen Nährboden für solche Unternehmungen. „In New York hätte ich das nie machen können“, sagt Christine Hill, die einen Kunst-Laden im Prenzlauer Berg eröffnet hat: „Allein die Vorstellung, so ein Projekt neben dem Beruf zu bestreiten, unmöglich!“

„Hier können Sie sich richtig austoben“, sagte der Vermieter zu der Künstlerin, als er ihr das mit einem Ladengeschäft verbundene Atelier zeigte. Doch das Klischee von dem farbschleudernden Künstler, der sein wildes Talent an seinen Leinwänden auslässt, oder dem saturnischen Bildhauer, der Skulpturen mit der Motorsäge schafft, trifft auf Christine Hill nicht zu. Ganz und gar nicht. Nichts ist ihr ferner, als sich auszutoben. Zu ihren Werkzeugen gehören Aktenordner, Locher und Klarsichtfolien, Stempel, Aufnäher und Aufkleber. Sie ist nicht nur ordentlich, aufgeräumt und gut organisiert, sondern eine geradezu penible Archivarin - eine Geschäftsfrau, die ihre Arbeit in den Rang der Kunst erhoben hat.

Die Buchhalterin unter den Künstlern

Christine Hill ist die Buchhalterin unter den Künstlern. Sie verbringt viel Zeit damit, Notizen zu machen, aber noch mehr Zeit damit, die Notizen zu lesen, zu ordnen und abzuheften. Ihr sorgsam gepflegter Kalender ist in jeder Hinsicht ein Kunstwerk. Hauptberuflich ist Christine Hill Lehrstuhlinhaberin an der Bauhaus-Universität in Weimar, wo sie als Professorin für Moden und öffentliche Erscheinungsbilder unterrichtet. Aber wenn sie freitags wieder in Berlin ist, kann man sie neuerdings hinter einem Schaufenster in der Choriner Straße 51, am Prenzlauer Berg, antreffen.

Freitags von 11 bis 18 Uhr grüßen Stelltafeln auf der Straße vor ihrem Schaufenster mit Botschaften wie „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden“ oder eine andere mit ebenso fröhlicher Typographie: „Glück hilft nur manchmal, Arbeit immer.“ Wer dann in das „Small Business“ eintritt, fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Die Künstlerin wacht über ihr Reich, ein sehr ordentliches und überschaubares Reich, das mit seinem funktionalen, antiquierten Mobiliar den amerikanischen Optimismus der fünfziger Jahren versprüht.

So altmodisch wie die Theke und Tapete

Doch die Kombination aus der verwunschenen Tapete mit Blütenzweigen und den kalten Neonröhren lässt keinen Zweifel daran, dass es ein zeitgenössischer Ort ist. Der Boden ist rot lackiert, die Wände salbeigrün. Im Zentrum steht eine vier Meter breite Vitrine aus einer alten Apotheke - ebenso als Barriere wie als Ort der Zusammenkunft zwischen Käufer und Verkäufer. Hier lehnt Christine Hill, aufmerksam und zum Kundengespräch bereit. „Small Business“ heißt übersetzt nicht nur kleines Geschäft, sondern bezeichnet auch ein mittelständisches Unternehmen - schon das klingt altmodisch, so altmodisch wie die Theke oder die Tapete. Durch die museale Aura kommt Sentimentalität ins Spiel: Sind solche Orte vom Aussterben bedroht?

Inspiriert von den amerikanischen Whitman-Pralinenschachteln ihrer eigenen Jugend, hat Christine Hill eine Box aus festem Karton mit Unterteilungen produzieren lassen, die nun von ihren Kunden ganz individuell gefüllt werden kann. „Besonders hat mich an der Schachtel damals die Legende im Deckel fasziniert“, erklärt sie. „Da kann man erkennen, um welche Schokoladen es sich handelt und welche Füllungen die Süßigkeiten haben.“

Jedes Objekt hat seine Eigenschaft

Die Pralinenschachtel war ein Mikrokosmos, in dem alles seine Ordnung hatte; mit ganz anderen Dingen können ihre Kunden nun die Schachteln füllen. Es handelt sich um Editionen von zwanzig Stück, aber am Ende ist jedes ein Unikat. In der Vitrine liegen fein säuberlich verwahrt ein Tee-Ei in der Form eines kleinen Häuschens, rosafarbene Radiergummis der amerikanischen Traditionsmarke „Pink Pearl“, verschiedene alte Schreibgeräte und Papierwaren, Aufkleber, ein Portemonnaie, Nähzeug und ein Nadelkissen.

Bei der Wahl der Gegenstände berät Christine unentschlossene Kunden und nimmt sich für ihre Dienstleistung auch gern eine halbe Stunde Zeit. Sie muss wissen, ob es sich um ein Geschenk handelt oder ob der Kunde für sich selbst einkauft. „Was wollen Sie darstellen?“ In einem Karteikasten liegen handbedruckte Schilder bereit, die jeweils auf Englisch und Deutsch beschriftet sind: Dankbarkeit, Perspektive, Beständigkeit, Leistungsfähigkeit, Treue, Bienenfleiß, Unerbittlichkeit, Klarheit und Willenskraft ist da zum Beispiel zu lesen.

Christine Hill ist ganz sachlich: „Jedes Objekt hat eine bestimmte Eigenschaft, und jede Box erhält ein Thema.“ Unter der Glasplatte der Theke liegen die unschuldigen Objekte, allesamt Überbleibsel aus einer anonymen Vergangenheit. Welches übt eine besondere Anziehungskraft aus, und was hat das zu bedeuten? Welches weckt schlummernde Sehnsüchte? Welches löst Heimweh oder Schuldgefühle aus? Da gibt es das alte, rötliche Brillenetui, mit Perlen bestickt, die verblasste Streichholzschachtel, ein kleines Handpüppchen mit blauem Stoffkleid, hellen Stoffhänden und dunkelhäutigem Gummikopf, allerlei mysteriöse Kästchen, Rähmchen und Kisschen. Manche lassen den Besucher kalt, andere rufen Erinnerungen an lang verstorbene Großmütter, an eigene Spielsachen oder an Geheimnisse der Jugend wach.

Die Wirkung von Talismanen

Wären die Objekte nicht so präsentiert wie kleine Kostbarkeiten, die meisten würden auf einem Flohmarkt kaum Beachtung finden. Aber hier, in der alten Apothekervitrine, warten sie wie verzauberte Talismane, um den Käufer zu finden, der in ihnen eine Bedeutung erkennt. Wenn jedes Fach der Schachtel einen Inhalt gefunden hat, füllt die Künstlerin ein vorgedrucktes Zertifikat aus, vermerkt das Datum, die verschiedenen Objekte und das Thema, sie stanzt und stempelt und verleiht dem Akt damit einen offiziellen Charakter. Auch für ihre eigene Unterlagen macht sie Notizen in einem Rechnungsbuch.

Es ist nicht der erste Laden, den Christine Hill eröffnet hat: 1996 hat die damals Achtundzwanzigjährige, die gleich nach dem Kunststudium von Baltimore nach Berlin gezogen war, auf der Invalidenstraße im alten Ostteil der Stadt den Secondhandladen „Volksboutique“ aufgemacht, ein „organizational venture“: Organisatorische Unternehmungen nennt sie ihre Kunstprojekte. Schon einen Monat später wurde Hill mit der Volksboutique zur Documenta in Kassel eingeladen. Der Name ist seitdem ihr Markenzeichen.

In „Do-it-yourself-Bauhaus“-Manier

Dienstleistung und Arbeit ganz allgemein sind für sie immer ein Thema, aber auch Ordnung und Einteilung mit all den Bedeutungszuweisungen, die Menschen für sich vornehmen. Auf der Biennale in Venedig 2007 war die Volksboutique mit fünf Überseekoffern vertreten, die für jeden Werktag die Kleidung und die Attribute einer anderen Arbeit beinhalteten, etwa die Rezeptionistin mit Schreibmaschine und Staubwedel und die Buchhalterin mit Taschenrechner und Bleistiften. Letztes Jahr wurde anlässlich der Bauhaus-Ausstellung im Gropius-Bau ihre große Installation „Do-it-yourself-Bauhaus“ gezeigt. In der Erscheinung eines Möbelhauses hat sie damit den Betrachter über das Thema Wohnen mit der Frage konfrontiert, wie er sein Leben organisieren will.

Oft nimmt der Kommerz überhand und stülpt sich trivialisierend über die Kunst. Bei der Volksboutique ist es umgekehrt. Hier vereinnahmt die Kunst den Kommerz. Unter den vielen Weisheiten in Hills Sammlung befindet sich auch ein Schild mit einem Zitat von Amédée Ozenfant: „Kunst ist die Demonstration, dass das Gewöhnliche das Außergewöhnliche ist.“

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