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Vokabel der Verunsicherten Genau!

Inzwischen finden fast alle alles richtig. Das Bedürfnis nach Schonung hat aus uns ein Volk von Genau-Sagern gemacht. Passt uns das? Wo bleibt die Unschärfe?

Je härter die Zeiten, desto freundlicher der Ton. Genau. Versuchen Sie heute mal, sich aus einer Bäckerei oder Drogerie zu verabschieden, ohne nach dem Tschüs nicht auch gleich noch den „Schönen Tag!“ hinterhergerufen zu bekommen. Genau. Auf demselben Holz wie der schöne Tag wächst das Wörtchen „Genau!“. Die Leute sind auf Schonung aus und denken: Wenn ich die anderen bestätige, dann bestätigen sie auch mich. Genau. Und deshalb sagen sie zu allem, was nicht niet- und nagelfest ist: „Genau!“. Einerseits als Pausenfüller: Wo man sich früher geräuspert hat, vernimmt man jetzt ein „Genau“.

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Will sagen: Äh. Und andererseits löst „Genau“ das althergebrachte „Ja“ ab, mit einem präzisierenden Habitus, der festhält, dass die Welt vielleicht nicht im Großen und Ganzen, wohl aber unter Exaktheitsbedingungen vollkommen in Ordnung geht. Genau? Genau! Man muss also nicht gleich sein Ja zum Dasein sprechen (solche romantischen Sinnansprüche sind heute vom Tisch), wenn es mit „Genau“ auch eine Nummer kleiner geht: Es passt schon. Genau sogar. Wer „genau“ sagt, will es so genau auch gar nicht wissen, will dem anderen nur zu verstehen geben: Ich finde richtig, was du sagst, egal, was du sagst, ich hacke dir kein Auge aus, hacke du bitte auch mir keins aus. Genau.

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Und so kommt es, dass wir ein Volk von Genau-Sagern geworden sind. Genau, genau, genau. Es ist damit ein Maßstab fürs Weltverhältnis errichtet, der sich in der Passgenauigkeit erfüllt. Genau, nachgerade punktgenau. Die Dinge, das eigene Leben, das Leben der anderen sind genau dann gut zu nennen, wenn sie mit irgendwelchen momentan gehegten Erwartungen und zufällig getroffenen Vereinbarungen übereinstimmen.

Genau. Der Raum des Ungenauen dagegen wird sorgfältig versiegelt und mit ihm alles Zögern und Zaudern, alles Unabsehbare, das sich nicht eindeutig machen lässt. Also genaugenommen nur die Abläufe stört, die Stabilität ruiniert. Bloß keine Überformungen des nackten Genau mehr, die sich so genau nicht messen lassen. Genau diese nicht! Der letzte Schrei der Genau-Sagerei besteht darin, „Genau“ zu sagen, noch bevor man irgendetwas anderes gesagt hat: „Genau, meine Damen und Herren! Ich freue mich sehr, dass Sie heute Abend alle hier versammelt sind.“ Genau. Da haben wir’s dann in Reinkultur, das aus dem Nichts geblasene Genau.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.11.2012, 11:04 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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