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Veröffentlicht: 07.08.2009, 12:23 Uhr

Völkermord im Lehrplan Die armen Schüler

Brandenburg ist das einzige Bundesland, das über die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich aufklärt. Nun möchte die Türkische Gemeinde in Deutschland den Völkermord aus dem Lehrplan haben.

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© dpa Gehört der Genozid an den Armeniern in den Lehrplan oder nicht?

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sorgt sich um das Wohlergehen der türkischstämmigen Schüler. Das ist nicht neu, das ist seine Aufgabe; die Wahrnehmung der Belange und Interessen der Deutschlandtürken gegenüber staatlichen Institutionen und der Öffentlichkeit gehört zu den erklärten Zielen seiner im Jahr 1995 gegründeten Organisation. Mal bemüht sich Kolat darum, die Sprachförderung an den Schulen zu verbessern, mal darum, die Zahl der türkischstämmigen Schüler mit Schulabschluss und den Anteil der türkischstämmigen Elternvertreter zu erhöhen. Das alles ist gut und oft auch richtig. Nun aber hat Kolat sich in einer schulpolitischen Frage zu Wort gemeldet, in der es ihm wohl weniger um das Wohlergehen der türkischstämmigen Schüler, als vielmehr um die Interessenwahrung des türkischen Staates geht - auch wenn Kolat dies natürlich nicht so etikettiert.

Karen Krüger Folgen:

Im brandenburgischen Lehrplan werden die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 bis 1918 als „Genozid“ bezeichnet. Dies, so Kolat in dieser Woche in der türkischen Zeitung „Hürriyet“, setze die türkischstämmigen Schüler unter einen „psychologischen Druck“, der sie in ihren schulischen Leistungen beeinflusse, und es „gefährde den inneren Frieden“. Er werde sich deshalb mit dem Brandenburger Ministerpräsidenten treffen und diesen darum bitten, die Vorwürfe aus dem Lehrplan zu streichen, kündigte Kolat an. Auch die geplante Gedenkstätte für den Potsdamer Pfarrer Lepsius, der den Genozid dokumentierte, will Kolat verhindern - der Brief an Angela Merkel sei schon unterwegs.

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Im Ministerium in Potsdam wird man bei diesen Ankündigungen die Augen verdreht haben. Man sei sich bewusst, dass es andere Auffassungen über die Ereignisse von damals gebe, sehe aber keinen Handlungsbedarf. Es werde keine Änderungen in den Unterrichtsmaterialien mehr geben, hieß es dort. Schon einmal hat sich an dem Lehrplan - der brandenburgische ist der einzige in Deutschland, der den Genozid an den Armeniern erwähnt, und wurde deshalb schon von vielen als Meilenstein gefeiert - ein politischer Streit entzündet. Im Januar 2005 ließ der damalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck den Verweis auf den Völkermord an den Armeniern aus dem Lehrplan streichen, weil türkische Diplomaten dagegen vehement protestiert hatten.

Kenan Kolat © dpa Vergrößern Kenan Kolat möchte die Massaker an den Armeniern aus dem Lehrplan haben

Aufgeschreckt durch die Debatte, die dann ins Rollen kam, korrigierte die Schulbehörde einige Monate später den fatalen Fehler wieder, indem sie den brandenburgischen Geschichtslehrern eine umfangreiche Handreichung zum Thema „Völkermorde und staatliche Gewaltverbrechen im zwanzigsten Jahrhundert“ zur Verfügung stellte. Das Unterrichtsmaterial, erstellt vom Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg und dem Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum, behandelt neben dem Völkermord an den ruandischen Tutsi und an den Herero auch auf achtzehn Seiten das Ereignis und die politischen Hintergründe, die zur Auslöschung vieler Armenier im Osmanischen Reich führten: Unter jungtürkischer Verantwortung wurden fast anderthalb Millionen Armenier umgebracht.

Striktes Verneinen des Armenier-Völkermords

Es sei die Aufgabe der Historiker, solche geschichtlichen Ereignisse zu untersuchen und zu bewerten, dies aber sei bisher unzureichend und einseitig behandelt worden, meint Kolat in der „Hürriyet“. Er wiederholt damit, was auch Vertreter der türkischen Regierung zur Armenier-Frage gerne sagen. Für das Gros der Historiker ist dabei die Frage der Authentizität des Genozids längst entschieden - die Leugner werden in ihrer wissenschaftlichen Disziplin kaum noch ernst genommen.

Und dennoch hat Kolat Angst, dass die türkischstämmigen Schüler, konfrontiert mit historischen Wahrheiten, vor Schreck vergessen, ihre Hausaufgaben zu machen? Oder dass es in Brandenburg deshalb zu ausländerfeindlichen Übergriffen kommen könnte? Diese Vorstellung ist nicht nachzuvollziehen. In Deutschland leben fast drei Millionen Türken, zu deren Sprachrohr sich die Türkische Gemeinde in Deutschland oft erklärt, auch wenn sie nicht aller Interessen vertritt. Denn es ist längst nicht so, dass alle hier lebenden Türken einhellig der Meinung sind, die Massaker an den Armeniern seien kein Völkermord gewesen. Besonders die Vertreter türkischer Minderheitenorganisationen in Deutschland setzen sich seit Jahren bei der Bundesregierung für die Anerkennung der Massaker als Genozid ein und fordern Gleiches von der Regierung in der Türkei.

Kolats Intervention ist, so gesehen, auch der diskriminierende Versuch, türkische Schüler zu entmündigen. Das mag den Verhältnissen in der Türkei entsprechen - am 14. April 2003 hat das türkische Erziehungsministerium alle Schuldirektoren verpflichtet, die gesamte Schülerschaft auf striktes Verneinen irgendeines Armenier-Völkermords durch die Türkei einzuschwören. Der deutschen Schulmaxime, Jugendliche zu frei denkenden Bürgern zu erziehen, entspricht es jedoch nicht.

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