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Vladimir Nabokovs Briefwechsel : Du bist mein Leben

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In gewisser Beziehung tut es nicht nur ihm Leid, dass diese Korrespondenz ein Ende nimmt: Véra und Vladimir Nabokov. Bild: philippe halsman / Magnum Photos

Fenster in das Herz eines Schriftstellers: Vladimir Nabokovs Briefe an seine geliebte Frau Véra, mit der er vierundfünfzig Jahre zusammen war.

          Im achtzehnten Jahrhundert entwickelte sich der Brief zum vorzüglichen Medium der wechselseitigen Selbstentzifferung von Individuen. Beim jungen Goethe und bei den Romantikern zumal löste sich der Liebesbrief aus konventionellen Floskeln, in der Liebeserklärung zeigte sich ein Ich im Verhältnis zur Welt als ein fühlendes Wesen. Die Philologie des neunzehnten Jahrhunderts betrachtete Briefe als wertvolle Dokumente zur Rekonstruktion des Erlebens eines Schriftstellers und fügte sie daher in die Werkausgaben ein. Allerdings enthalten gerade Briefe von bedeutenden Autoren Elemente der Fiktion, der Selbststilisierung und der Verstellung.

          Vladimir Nabokovs Briefe an seine Frau Véra, mit der er vierundfünfzig Jahre zusammen war, erscheinen nun als vierundzwanzigster und wohl letzter Band der von Dieter E. Zimmer besorgten Werkausgabe zum ersten Mal auf Deutsch. Bewunderungswürdig ist die entsagungsvolle Arbeit des Übersetzers Ludger Tolksdorf. Grundlage ist zwar die von Brian Boyd und Olga Voronina herausgegebene englische Ausgabe, jedoch ist Tolksdorf in allen Zweifelsfällen noch einmal auf die Originale zurückgegangen und hat zudem den reichhaltigen Anmerkungsapparat für deutsche Leser gründlich überarbeitet. Weiterhin enthält der Band zahlreiche Fotografien und je im Text neben Faksimiles der Handschriften auch die kleinen Zeichnungen, die Nabokov in die Briefe einfügte. Besonders charakteristisch gelingen ihm neben Schmetterlingen fahrende Züge und Autos, was vielleicht die Mobilität bezeichnet, die nicht nur freiwillig das Leben der Eheleute prägte.

          Nabokov wollte sein Russisch nicht verderben

          Nabokov hatte Véra Slonim, die Tochter eines jüdischen Händlers aus St. Petersburg, 1923 auf einem Ball der Kolonie russischer Revolutionsflüchtlinge kennengelernt, die sich in Berlin gebildet hatte, um später großenteils nach Paris weiterzuziehen. Nabokov, damals noch alias W. Sirin, hatte sich schnell einen Namen als Dichter gemacht. Die Berichte über seine Lesungen in den Briefen zeigen, dass er in Berlin wie in Paris oder Prag weitgehend in der Emigrantenszene verblieb und auch die Sprachen nicht lernen wollte, um sein Russisch nicht zu verderben. Nur aus England, wo er in Cambridge studiert hatte, berichtet er von anderen Kontakten. Früh schon bereitete er sich darauf vor, auf Englisch zu publizieren.

          Diese Passagen der Briefe sind durch die Überzahl an Namensnennungen für den an biographischen Einzelheiten weniger interessierten Leser ziemlich uninteressant. Für die biographische Entwicklung geben die Briefe im Übrigen wenig her. Dazu fehlen entscheidende Phasen und Faktoren. Über die potentielle Bedrohung Véras durch das Naziregime und die Abreise nach Amerika, über die Phase des Welterfolgs durch „Lolita“ und die Gründe der Rückkehr nach Europa erfährt der Leser kaum etwas, dafür umso mehr über seinen Charakter, seine Freundlichkeit und Kinderliebe und seine Abneigung gegen Wichtigtuerei. Das ist nicht verwunderlich, denn die Briefe sind ganz offensichtlich nicht im Blick auf spätere Leser geschrieben worden, sondern dafür, Véra für sich einzunehmen.

          Bereits in den ersten erhaltenen Briefen betont Nabokov die Einzigartigkeit der Beziehung. Véra erscheint ihm unmittelbar als diejenige, die einzig ihn versteht. „Ja, ich brauche Dich, mein Märchen. Denn Du bist der einzige Mensch, mit dem ich reden kann – über den Schatten einer Wolke, über das Lied eines Gedankens – und darüber, dass heute, als ich zur Arbeit hinausging und einer hochgewachsenen Sonnenblume ins Gesicht sah, diese mich mit all ihren Samen anlächelte.“

          Nicht nur Muse, sondern sein „Glück“

          Bei den Bildern der Einzigkeit sollte es lebenslang bleiben. Seine Frau wurde ihm Muse, Sekretärin und Lektorin, ihr widmete er fast alle seine Bücher. Sie feiert er unentwegt in einer Überfülle von Metaphern und – für den deutschen Leser ungewohnt, gelegentlich enervierend – einer Kaskade von Koseworten und -namen. „Du bist mein Glück, mein Schatz“ wird oft in einem einzigen Brief gebetsmühlenartig zehnfach und öfter wiederholt, als müsste das Glück fliehen, wenn es nicht permanent angerufen wird. Freilich erscheinen diese Formeln auch dann, wenn Nabokov wie etwa 1937 in Paris auf amourösen Abwegen wandelt. So dienen sie auch in der Camouflage noch der Stabilisierung der Ehe.

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