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Vladimir Jurowski im Gespräch : Der Poltergeist des Krieges

  • Aktualisiert am

Der Dirigent Vladimir Jurowski wird nicht vom Unglück verfolgt – er folgt nur dessen Einschlägen: 2001 in New York, 2005 in London, jetzt in Tel Aviv. Bild: dpa

Der Dirigent Vladimir Jurowski ist immer da, wo gerade Bomben fallen. Ein Gespräch über Konzerte bei Luftalarm in Tel Aviv und die Frage, was Tschaikowsky mit Terror zu tun hat.

          Herr Jurowski, am Freitag flog eine Rakete auf Tel Aviv, während Sie dort mit dem Israel Philharmonic Orchestra konzertierten. Sie haben einfach weiterdirigiert. Hatten Sie keine Angst?

          Vor dem Konzert kam die Ansage, dass man im Saal bleiben solle, wenn etwas passiert, da das sowieso das sicherste sei. Um kurz nach 13 Uhr fing die Vorstellung an. Wir spielten eine konzertante Aufführung der Oper „Pique Dame“ von Tschaikowsky. Etwa zwanzig Minuten später kam eine Durchsage mit einer Melodie, wie man sie in Fahrstühlen hört, so ein „Di-Di-Di“, ein absteigender Dreiklang. Dann war eine Frauenstimme zu hören.

          Haben Sie das verstanden?

          Nein, ich spreche kein Hebräisch. Aber jetzt, nachdem ich einige solcher Durchsagen hinter mir habe, weiß ich, was das war. Es war schon die Entwarnung: „Die Gefahr ist vorüber.“ Wir haben einfach angehalten, alle waren still. Dann habe ich einen der Musiker angeschaut, der nickte nur. Es waren insgesamt vielleicht fünf Sekunden, in denen die Musik verstummte. Danach haben wir da weitergespielt, wo wir aufgehört hatten, ich musste nicht einmal den Takt ansagen.

          Das scheint nicht sehr gestört zu haben.

          Insgesamt klang die Ansage nicht lauter als ein Mobiltelefon, das mitten im Konzert klingelt, was ja leider mitunter passiert. Aber wir unterbrechen ja nicht wegen jedes Mobiltelefons. In der Pause hat man uns dann erzählt, dass, während wir spielten, zwei Raketen in der Nähe von Tel Aviv explodiert waren.

          In welcher Szene der Oper war das?

          Das war die Szene mit Sergei Leiferkus, der Fürst Tomski sang; die Stelle, wo er von den drei Spielkarten berichtet, die todsicher gewinnen.

          „Das Einzige, was wir tun können, ist das Musizieren“: Wladimir Jurowski
          „Das Einzige, was wir tun können, ist das Musizieren“: Wladimir Jurowski : Bild: dpa

          Das alles passierte am Freitag, es gab noch keinen „Iron Dome“ gegen die fast eine Tonne schweren Raketen. Das hat Sie aber offenbar nicht beunruhigt?

          Die erste Rakete am Vortag war für uns ein Schock. Für mich war die Situation aber eigentlich nichts wirklich Neues, da ich im September 2001 auch schon mit einer Tschaikowsky-Oper in New York war.

          Am 11.September?

          Ja. Ich war zehn Tage vorher eingetroffen, um mit den Proben für „Eugen Onegin“ zu beginnen. Damals waren meine Frau und meine fünf Jahre alte Tochter dabei. Und das war eigentlich das Unangenehmste für mich: Ich hätte sie kaum beschützen können. Aber jetzt, wie damals, hatte ich das Gefühl, dass das Einzige, was wir tun können, das Musizieren ist. Es mag seltsam klingen oder sogar dumm, aber die Musik ist fast das Einzige an Schönheit, was den Menschen bleibt, wenn der Krieg ausbricht. Das war auch im Zweiten Weltkrieg so. Mein Großvater, ein Komponist, fuhr, wie damals viele Künstler, mit seinem Klaviertrio die ganze Front entlang und gab Konzerte.

          Waren Sie am Vormittag in New York bei der Probe?

          Nein, ich bereitete mich gerade in der Wohnung auf die Orchesterprobe vor, als ein aufgebrachter Anruf aus Berlin kam. Später konnten wir die Rauchschwaden und die mit weißer Asche bedeckten Autos beobachten, die gen Norden strömten. Die Tage darauf in New York waren sehr unangenehm. Es fühlte sich surreal an - wie der Beginn des Dritten Weltkriegs. Da musste ich mich an die Erzählungen meiner Großmutter vom 22.Juni 1941 erinnern, als Hitler die Sowjetunion überfiel.

          In Israel war das anders?

          Was in New York 2001 passierte, war ein Schock für alle. Jetzt, in Tel Aviv, war das eher eine unerwartete Steigerung der seit langem eskalierenden Situation. Das Land lebt mit dieser Anspannung seit Jahren. In Tel Aviv erinnert normalerweise nichts an den Krieg. Man vergisst dort, was wirklich passiert. Wenn man ein bisschen weiter ins Landesinnere fährt, sieht man schon Stacheldraht und Panzer.

          Sie haben dann die Vorstellungsreihe, die bis Samstag lief, zu Ende dirigiert.

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