Herr Jurowski, am Freitag flog eine Rakete auf Tel Aviv, während Sie dort mit dem Israel Philharmonic Orchestra konzertierten. Sie haben einfach weiterdirigiert. Hatten Sie keine Angst?
Vor dem Konzert kam die Ansage, dass man im Saal bleiben solle, wenn etwas passiert, da das sowieso das sicherste sei. Um kurz nach 13 Uhr fing die Vorstellung an. Wir spielten eine konzertante Aufführung der Oper „Pique Dame“ von Tschaikowsky. Etwa zwanzig Minuten später kam eine Durchsage mit einer Melodie, wie man sie in Fahrstühlen hört, so ein „Di-Di-Di“, ein absteigender Dreiklang. Dann war eine Frauenstimme zu hören.
Haben Sie das verstanden?
Nein, ich spreche kein Hebräisch. Aber jetzt, nachdem ich einige solcher Durchsagen hinter mir habe, weiß ich, was das war. Es war schon die Entwarnung: „Die Gefahr ist vorüber.“ Wir haben einfach angehalten, alle waren still. Dann habe ich einen der Musiker angeschaut, der nickte nur. Es waren insgesamt vielleicht fünf Sekunden, in denen die Musik verstummte. Danach haben wir da weitergespielt, wo wir aufgehört hatten, ich musste nicht einmal den Takt ansagen.
Das scheint nicht sehr gestört zu haben.
Insgesamt klang die Ansage nicht lauter als ein Mobiltelefon, das mitten im Konzert klingelt, was ja leider mitunter passiert. Aber wir unterbrechen ja nicht wegen jedes Mobiltelefons. In der Pause hat man uns dann erzählt, dass, während wir spielten, zwei Raketen in der Nähe von Tel Aviv explodiert waren.
In welcher Szene der Oper war das?
Das war die Szene mit Sergei Leiferkus, der Fürst Tomski sang; die Stelle, wo er von den drei Spielkarten berichtet, die todsicher gewinnen.
Das alles passierte am Freitag, es gab noch keinen „Iron Dome“ gegen die fast eine Tonne schweren Raketen. Das hat Sie aber offenbar nicht beunruhigt?
Die erste Rakete am Vortag war für uns ein Schock. Für mich war die Situation aber eigentlich nichts wirklich Neues, da ich im September 2001 auch schon mit einer Tschaikowsky-Oper in New York war.
Am 11.September?
Ja. Ich war zehn Tage vorher eingetroffen, um mit den Proben für „Eugen Onegin“ zu beginnen. Damals waren meine Frau und meine fünf Jahre alte Tochter dabei. Und das war eigentlich das Unangenehmste für mich: Ich hätte sie kaum beschützen können. Aber jetzt, wie damals, hatte ich das Gefühl, dass das Einzige, was wir tun können, das Musizieren ist. Es mag seltsam klingen oder sogar dumm, aber die Musik ist fast das Einzige an Schönheit, was den Menschen bleibt, wenn der Krieg ausbricht. Das war auch im Zweiten Weltkrieg so. Mein Großvater, ein Komponist, fuhr, wie damals viele Künstler, mit seinem Klaviertrio die ganze Front entlang und gab Konzerte.
Waren Sie am Vormittag in New York bei der Probe?
Nein, ich bereitete mich gerade in der Wohnung auf die Orchesterprobe vor, als ein aufgebrachter Anruf aus Berlin kam. Später konnten wir die Rauchschwaden und die mit weißer Asche bedeckten Autos beobachten, die gen Norden strömten. Die Tage darauf in New York waren sehr unangenehm. Es fühlte sich surreal an - wie der Beginn des Dritten Weltkriegs. Da musste ich mich an die Erzählungen meiner Großmutter vom 22.Juni 1941 erinnern, als Hitler die Sowjetunion überfiel.
In Israel war das anders?
Was in New York 2001 passierte, war ein Schock für alle. Jetzt, in Tel Aviv, war das eher eine unerwartete Steigerung der seit langem eskalierenden Situation. Das Land lebt mit dieser Anspannung seit Jahren. In Tel Aviv erinnert normalerweise nichts an den Krieg. Man vergisst dort, was wirklich passiert. Wenn man ein bisschen weiter ins Landesinnere fährt, sieht man schon Stacheldraht und Panzer.
Sie haben dann die Vorstellungsreihe, die bis Samstag lief, zu Ende dirigiert.
Zum letzten Konzert kam der Chefdirigent der Oper, David Stern, der Sohn von Isaac Stern. Er erzählte, dass er gerade Alban Bergs „Wozzeck“ an der Israeli Opera probe. Das ist schon eine seltsame Fügung: Auch 2001 liefen an der New Yorker Met „Wozzeck“ und eine Tschaikowsky-Oper gleichzeitig! Ist es immer mit Tschaikowsky und Berg, dass man in solch prekäre Situationen gerät?
Am Samstag gab es auch wieder Luftalarm in Tel Aviv.
Ja. In der letzten Vorstellung ist nichts passiert, aber davor. Ich hielt Mittagsschlaf, als mich die Sirene aus dem Bett holte. Wir wurden aufgefordert, in den Luftschutzraum zu gehen, obwohl man die Rakete in der Luft abfangen wollte.
Weil wenige Stunden zuvor die fünfte Batterie des Raketenabwehrschilds im Süden Tel Avivs aufgestellt worden war.
Genau. Und da habe ich dann Christoph Eschenbach getroffen. Er sagte mir, er sei zum ersten Mal nach fünfundzwanzig Jahren in Israel, habe eben mit den Proben angefangen. und dann komme er gleich in so eine Situation...
Worüber redet man mit einem Dirigentenkollegen im Luftschutzraum?
Ach, worüber Dirigenten so sprechen: wo man zuletzt war, mit welchem Orchester, welche neuen Stücke anstehen. Und dann erzählte Eschenbach mir, er bereite sich gerade auf seinen ersten „Eugen Onegin“ in Budapest vor. Da habe ich ihm von meinen persönlichen „Onegin“-Erfahrungen in New York lieber nichts erzählt. Ich wollte ihm nicht die Lust an dem Stück rauben. (Lacht).
Waren Sie zuvor schon mal in Israel?
Nein. Das war das erste Mal, und ich habe meine Zeit dort trotz der Ereignisse sehr genossen! Zu den Sirenen muss ich sagen, dass sie gar nicht das Beunruhigendste an der ganzen Geschichte waren; viel unangenehmer war mir der Hotelalarm, der in jedem Zimmer im Schrank versteckt ist. Es ist so ein Lautsprecher, der bei jeglicher Gefahr angeht - doch die Ansage kommt nicht sofort. Zuerst ist nur ein Husten, Piepsen und Klopfen zu hören. Erst später kommt die Durchsage mit der Anweisung, in den Luftschutzkeller zu gehen.
Würden Sie wollen, dass man die Stelle mit dem Alarm in dem Mitschnitt Ihres Tel Aviver Konzerts belässt?
Nicht unbedingt. Die Stelle klang nicht gerade nach einem Kriegsdrama, und die Außensirene haben wir ja nicht gehört. Wenn man das vergleicht mit einer Aufnahme der Vierten Symphonie von Brahms mit den Berliner Philharmonikern unter Furtwängler von 1944 - da hört man im Hintergrund tatsächlich Bomben explodieren!
Wie hat Ihr Publikum reagiert?
Es war ganz still. Das einzig Richtige war weiterzuspielen. Und besonders am Samstag gab es sehr warmen Applaus. Die Leute haben uns einfach nicht gehen lassen wollen. Der Unterschied zu New York war der, dass die Vorstellungen 2001 vor halbleeren Sälen liefen. In Israel ist das umgekehrt: Je mehr Anschläge, desto mehr Leute kommen ins Theater.
Warum, glauben Sie, ist das so?
Solche Angriffe von außen geben den Leuten Energie weiterzumachen. Das hat mich eher an das Verhalten der Londoner nach den Anschlägen 2005 erinnert. Da war ich übrigens auch gerade in der Stadt.
Da waren Sie auch dabei? Im Juli 2005?
Mich hat es irgendwie immer wieder erwischt, dass ich da war, wo geschossen wurde oder etwas explodiert ist. Nach New York kam ich Ende 2001 nach London. Zwei Wochen später gab es in der U-Bahn Bombenalarm. Damals kam nur die Hälfte der Musiker zur Probe. Im Juli 2005 war ich auch in London.
Etwa zu einer Tschaikowsky-Probe?
Nein, im November 2001 waren das Proben zu Strawinskys „The Rake’s Progress“, und im Juli 2005 probten wir Verdis „Otello“. Sie sehen: Allein an den Stücken kann es nicht liegen...
Haben Sie keine Angst, dass man Sie nicht mehr einlädt, weil Sie als „Unglücksbringer“ gelten könnten?
Diese Angst habe ich seit langem nicht mehr - obwohl ich mich selbst eher als „Unruhestifter“ denn als „Unglücksbringer“ bezeichnen würde; außerdem halte ich es in diesem Punkt mit Leo Tolstoi: Man tue, was getan werden muss, und dann geschehe, was geschehen soll. Mehr kann ein Mensch nicht ausrichten.
Der 1972 in Moskau geborene Vladimir Jurowski stammt aus einer Musikerfamilie. Sein Vater Michail Jurowski, ebenfalls Dirigent, war ein enger Freund von Dmitri Schostakowitsch. Nach Studien in seiner Heimatstadt, in Dresden und Berlin wurde Vladimir Jurowski 2001 musikalischer Leiter des Opernfestivals in Glyndebourne. 2007 übernahm er von Kurt Masur den Posten des Chefdirigenten beim London Philharmonic Orchestra. Jurowski lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.