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Virtuelle Datenwelten Den Profit streichen natürlich wir ein

Fortschritt bei den Computerspielen bedeutet vor allem Fortschritt bei der Datensammlung. Die Kunden merken nichts und arbeiten den Unternehmen in die Hände.

© dapd Angezapft: Mit den neuen digitalen Welten erreicht auch die Vermessung des Menschen eine neue Stufe

Menschliches Handeln aufzeichnen und dadurch vorhersehbar machen - das scheint möglich zu werden, wenn Google und Amazon Daten über unser Verhalten sammeln. Doch ihre Datenbanken sind lückenhaft und müssen durch statistische Annahmen ergänzt werden. Diese Lücken machen getroffene Vorhersagen fehleranfällig. Virtuelle Welten könnten vollständige Datenbanken erschaffen. Mit einem möglichen Nebeneffekt: Profitorientierte Unternehmen erlangen ein Monopol über die „Forschung in komplexen Systemen“.

Es ist wie im Schlaraffenland: Wir nutzen dieses praktische Telefon, das dank seiner Software selbst die Länge einer Wohnzimmerwand präzise misst. Unser Lineal ist eine kostenlose App. Doch die App meldet, wo sich die Wohnzimmerwand befindet, ob ein W-Lan in der Nähe ist und mehr. Das ist der Preis der Digitalisierung unseres Lebens. Jeder größere Schritt in diese Richtung ruft eine kurze Welle der Empörung hervor. War es gestern der per Volkszählung Daten sammelnde Staat, muss es morgen schon die soziale Netzwerke scannende Schufa sein, damit der ausspionierte Mensch sich regt. Doch nur beim ersten Reiz. Beim zweiten Reiz haben wir uns schon daran gewöhnt.

Google Streetview für Soldaten

Kleinere Unternehmen unterliegen selten dieser öffentlichen Sezierung ihres Tuns. Sie können unbefangener und unbemerkter agieren. Manchmal kommt es aber doch an die Oberfläche: So inhaftierten die Behörden der griechischen Insel Lemnos am 9. September dieses Jahres zwei im Urlaub befindliche Angestellte des Computerspiele-Entwicklers Bohemia Interactive. Dieser lässt den aktuellen Teil seines Militärspieles „ARMA 3“ auf der Insel stattfinden. Den Spieleentwicklern drohen bis zu zwanzig Jahre Haft.

Der Vorwurf lautet, dass geheime Militäranlagen in Stand- und Bewegtbildern festgehalten wurden. Das Unternehmen verteidigt sich: Google Maps habe genauso viel festgehalten - eine Aussage, die das griechische Verteidigungsministerium nach einer Prüfung des noch unveröffentlichten Spieles bestätigt. Der Fall scheint eindeutig: Die griechische Reaktion gegenüber dem Spiele-Entwickler ist überzogen - bis der Beobachter des Tochterunternehmens Bohemia Simulations gewahr wird. Dieses entwickelt Simulationen für das Militär, eine Art Google Streetview für Soldaten, in dem künftige Einsätze geübt werden.

Bohemia Interactive ist ein Grenzfall, der immer häufiger auftaucht. Unternehmen, deren Kerngeschäft eigentlich die Schaffung von Produkten für Endkunden ist, entdecken, dass diese Produkte ihnen Daten oder Erkenntnisse liefern, die auf einen schillernden Interessentenkreis stoßen. Das können Geheimdienste ebenso sein wie mafiös strukturierte Organisationen, das Militär, Behörden oder Marketingunternehmen. Aus dieser Renditeerfahrung heraus sind Unternehmen entstanden, die sich auf die Verwertung der einstigen „Abfallprodukte“ unternehmerischer Tätigkeit spezialisiert haben.

Zum Angebot degradierte Menschen

Die Grundlage dieses Geschäfts sind oftmals kostenlos nutzbare Produkte für den Endkunden. Erst eine regelmäßige, intensive Nutzung dieser Produkte lässt das Angebot entstehen, mit dem die Unternehmen dann Geld verdienen. Die ursprünglichen Endkunden werden durch die von ihnen durch die Produktnutzung gesammelten Daten in ihrer Gesamtheit zum Hersteller des eigentlichen Produktes. Ihre Aufbereitung ist das Angebot an den Markt.

Der zum Angebot degradierte Mensch bewegt sich momentan auf einer Oberfläche, deren dominierendes Element die Textdarstellung ist. Unterstützt wird der Text durch Bilder, Töne und Videos. Die Fortbewegung auf dieser Oberfläche erfolgt sprunghaft. Es ist kein spürbar zusammenhängender Raum. Das macht es schwer, die potentiellen Rohdaten zu greifen und nicht nur Datenhäufchen zu ergattern.

Bei einer Segmentierung der Datenbestände - selbst wenn sie nur zwischen zwei großen Anbietern erfolgt - ist die Unfähigkeit zur Komplettdarstellung systemimmanent. Kunden orientieren sich deswegen an jenen Unternehmen, die über den größten Datenbestand verfügen. Zur Aufwertung des Angebots werden die fehlenden Informationen mit statistischen Annahmen ergänzt und damit der Ungenauigkeit menschlicher Interpretation ausgeliefert.

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