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Virtual-Reality-Reportage : Nachrichten zum Anfassen

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So, wie es wirklich war? Szene aus der Virtual-Reality-Reportage „VICE News VR: Millions March“ Bild: Chris Milk, VICE News

Eine neue Form des Journalismus? Der Regisseur Chris Milk hat zusammen mit dem Onlinemagazin Vice News die erste Virtual-Reality-Reportage der Welt gedreht. Das Ergebnis ist eindrucksvoll.

          „Ich kann nicht atmen mit euch in meinem Nacken!“, schreit der Aktivist, und immer wütender: „Ich kann nicht atmen!“ Adressat seines Protests ist die New Yorker Polizei. Wir stehen im Washington Square Park und demonstrieren gegen die exzessive Gewaltanwendung der NYPD, durch die der unbewaffnete Afroamerikaner Eric Garner ums Leben kam. Jetzt kommt der Aktivist auf uns zu, wir müssen uns entscheiden, ob wir ihm solidarisch auf die Schulter klopfen oder ihm doch lieber aus dem Weg gehen sollen, schon ist sein Gesicht direkt vor unserem – doch halt, stopp, ist das denn alles real? Nun, beinah: Wir befinden uns in einer virtuellen Realität, genauer gesagt mitten in der ersten Virtual-Reality-Reportage der Welt.

          In Zusammenarbeit mit dem Online-Nachrichtenkanal „Vice News“ haben die Filmemacher Chris Milk und Spike Jonze einen achtminütigen Beitrag über die „Millions March“-Proteste produziert, die am 13. Dezember letzten Jahres in New York stattfanden. Das Besondere: Der Betrachter hat darin 3D-Rundumsicht. Möglich wird dies durch die Aufnahme der Umgebung mit einer 360°-Kamera. Zu sehen ist der Beitrag über die von Milk entwickelten App „VRSE“; die dritte Dimension liefert ein klobiger  Pappkasten namens „Cardboard“, den man sich vors Gesicht klemmt. Beim Google-Produkt handelt es sich um eine Art Brillengestell zum Selberbasteln. Setzt man darin sein Smartphone ein, erhält man ein simples wie effektives Virtual-Reality-Gerät. In Zukunft soll man die App auch mit nativen Datenhelmen wie etwa Facebooks Oculus Rift verwenden können.

          Kein Film, sondern eine Erfahrung

          Was Milk und Jonze geschaffen haben, ist in jedem Fall erstaunlich. Es fühlt sich tatsächlich an, als würde man mit der Reporterin durchs nächtliche Manhattan laufen. Menschen, die direkt vor einem zu stehen scheinen, möchte man die Hand schütteln; die Rufe der Protestierenden erklingen, je nachdem, wohin man sich dreht, einmal von rechts, einmal von links, und als der Slogan „Whose streets? Our streets!“ ertönt, kann man den Zorn, aber auch die Entschlossenheit der Demonstranten förmlich spüren. Man fragt sich: Schaue ich hier noch einen Film? Oder mache ich nicht eher: eine Erfahrung.

          Die Idylle täuscht: „Clouds Over Sidra“ transportiert einen direkt in ein syrisches Flüchtlingslager Bilderstrecke
          Die Idylle täuscht: „Clouds Over Sidra“ transportiert einen direkt in ein syrisches Flüchtlingslager :

          Regisseur Chris Milk ist in jedem Fall enthusiastisch, was die Möglichkeiten der neuen Technologien angeht, die er „Empathie-Maschinen“ nennt. „Wir hacken uns in die auditiven und visuellen Bereiche unseres Gehirns,“ so Milk gegenüber der New York Times. Ein wichtiger Teil von Journalismus sei, Menschen einen Eindruck davon zu geben, wie es war, wirklich dort gewesen zu sein. Virtual Reality ermögliche dem Betrachter genau dieses Erlebnis. Tatsächlich bietet die Technologie dem Journalismus eine völlig neue Form. Das berichtete Ereignis wird vom Rezipienten quasi nochmals durchlebt.

          Bestürzend real wird es, wenn man im zweiten auf VRSE verfügbaren Film Kinder durch ein syrisches Flüchtlingslager begleitet. Die kurze Dokumentation drückt zwar mit ihrer sentimentalen Klaviermusik etwas zu arg auf die Tränendrüse, trotzdem ist es berührend, wenn man sich in der kargen Behausung von Sidra, der Protagonistin, umsieht, oder ganz am Ende von einer Schar syrischer Jungen und Mädchen umringt wird. Hier bieten sich für Regisseure große Möglichkeiten, den Zuschauer mehr denn je in die Welt der Figuren eintauchen zu lassen.

          Einmal als Vogel fliegen

          „Vice News VR: Millions March“ wurde der Öffentlichkeit erstmals auf dem am Sonntag endenden Sundance-Filmfestival präsentiert. Dort gibt es erstmals eine eigene Kategorie für Virtual-Reality-Filme. Für „Birdly“ legt sich der Betrachter mit dem Bauch auf eine Liege und bekommt die Arme angeschnallt, um das erste Mal als Vogel durch die Luft zu flattern. Ventilatoren imitieren dabei den Luftzug. Doch auch bestürzende Erlebnisse lassen sich nachbilden: In „Perspektive; Chapter I: The Party“ feiert der Betrachter auf einer Collegeparty einmal als Mann, einmal als Frau mit – und erlebt auch den sich anschließenden sexuellen Übergriff aus unterschiedlichen Perspektiven.

          Zwar ist das Medium noch nicht perfekt: Mit Google Cardboard sieht man hier und da kantige Übergänge und dem Bild fehlt insgesamt die Schärfe. Zudem ist das Sichtfeld recht eingeschränkt, und wenn man sich in der virtuellen Realität bewegt, real aber stillsteht, stellt sich ein gewisses Unwohlsein ein. Die Zukunft lässt jedoch Entwicklungssprünge erwarten, denn gleich mehrere große Namen steigen zur Zeit groß ins Virtual-Reality-Geschäft ein. Facebook hat auf dem Sundance-Festival für sein Gerät Oculus Rift mit „Lost“ ebenfalls den ersten Film vorgestellt, weitere sollen folgen. „Samsung Gear VR“ nennt sich das Gerät des südkoreanischen Konzerns und auch Microsoft hat zuletzt mit seiner HoloLens Schlagzeilen gemacht. Statt einer vollständig virtuellen Realität erschafft die Brille eine sogenannte „Augmented Reality“. Dabei verschmelzen reale Welt und virtuelle Objekte zu einer Wirklichkeit.

          Für Chris Milk liegt der Fokus zunächst auf der Produktion weiterer Dokumentationen und Nachrichtenbeiträge für seine Plattform „VRSE“. Auch die Kooperation mit Vice News soll fortgeführt werden. Das wahre Potential der virtuellen Realität für den Journalismus, sagt er, liege darin, Menschen auf nie dagewesene Art miteinander zu verbinden. Die Chancen, dass die Technologie nicht wie zu Beginn der Neunziger wieder im Nirvana verschwindet, stehen gut.

          Quelle: FAZ.NET

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