Robert Boyle, einer der Pioniere der Royal Society, entwickelte im siebzehnten Jahrhundert eine seinerzeit revolutionäre Praxis der Herstellung neuen Wissens, die seitdem ungeheure Fortschritte ermöglichte. Zu einem Eckpfeiler der Naturwissenschaften, forderte Boyle, müsse das Experiment im Labor werden. Dabei hervorgebrachte Phänomene müssten in einer Publikation detailliert beschrieben werden, damit auch Nichtanwesende zu unparteiischen Zeugen der Versuche werden könnten. Bevor ein Befund schließlich zu einer Tatsache werden könne, müssten dem kundige Gelehrte - Peers - im Diskurs und durch Wiederholung der Experimente Geltung verschaffen. Das Labor eröffne so einen autonomen Schutzraum für die Entstehung neuen Wissens und bilde eine Barriere gegen absolutes Wissen.
Boyles soziale Praxis der experimentellen Forschung legte den Grundstein der ersten Gelehrten-Gesellschaft, der Royal Society. In deren Hallen in London debattieren Forscher vom heutigen Dienstag an über die Biosicherheit eines heiklen Laborartefakts: ein künstlich erschaffenes Vogelgrippevirus, das anders als die Originale in der Natur erstmals von Säugetier zu Säugetier übertragbar ist und damit im schlimmsten Fall eine Pandemie von Menschenhand auslösen könnte. Der brisante Fall zeigt: Noch immer begehrt die Gesellschaft Schutz vor dem Schutzraum Labor, manchmal stößt die Autonomie der Wissenschaft schon vor einer Publikation ihrer Ergebnisse an Grenzen. Seit Jahrzehnten gilt es etwa als keine gute Idee, detaillierte Pläne einer Atombombe zu veröffentlichen.
Erkenntnismissbrauch bei Bioprojekten
Ähnliche Fragen nach dem Dual Use, dem guten wie schlechten Nutzen, biologischer Forschungen stellen sich nun auch, seit Wissenschaftler die Viren im Labor synthetisch anschärfen können. In der Hand von Bioterroristen könnten sie mehr als Unheil stiften. In wenigen Jahren könnte schon eine E-Mail mit den Buchstaben der kompletten Geninformation ausreichen, um einen biowaffenfähigen Erreger im Prinzip überall auf der Welt wieder zum Leben zu erwecken - mit guten, aber eben auch bösen Absichten.
Auslöser der aktuellen Debatte war der Niederländer Ron Fouchier vom Medical Center der Universität Rotterdam. Er hat Ende November einem Reporter der Zeitschrift „Science“ anvertraut, dass der von ihm erschaffene Vogelgrippekeim „vermutlich eines der gefährlichsten Viren“ sei, die man überhaupt herstellen könne.
Zwar war es bei seinen Experimenten um die unbestritten wichtige Frage gegangen, mit welchen evolutionären Tricks die Natur die Viren durch Mutation und Selektion zur Gefahr machen könnte. Als aber Ron Fouchier und unabhängig davon Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin in Madison ihre Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Zeitschriften „Nature“ und „Science“ veröffentlichen wollten, wurden beide Publikationen zunächst blockiert vom einem wenig bekannten amerikanischen Beratergremium: Das „National Science Advisory Board for Biosecurity“ (NSABB) entstand als Antwort auf die amerikanischen Anthrax-Attentate in Form von Briefbomben und ist insofern ein Kind der Terrorangst. Im Auftrag der amerikanischen Regierung durchleuchtet eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler seit 2005 Bioprojekte darauf hin, ob deren Erkenntnisse missbraucht werden könnten.
Vogelgrippe als Biowaffe ungeeignet?
Erstmals in seiner Geschichte empfahl das achtzehnköpfige Forschergremium Anfang Dezember 2011 einen redaktionellen Eingriff. Mit den von Fouchier und Kawaoka beschriebenen Vogelgrippeviren konnten erstmals schwere H5N1-Infektionen zwischen Säugetieren in Form von Tröpfcheninfektionen verbreitet werden. Eine komplette Publikation der Daten könnte Bioterroristen den Bauplan für eine verheerende Biowaffe liefern, befand das NSABB. Zudem könnten weitere Laboratorien die Experimente zu wiederholen versuchen, der Erreger dabei entkommen und womöglich unabsichtlich eine Pandemie auslösen. Beides müsse verhindert werden.
Sofort nach der vermeintlichen Zensur eröffneten Influenzaforscher ein argumentatives Sperrfeuer mit dem Ziel, die Autonomie der Forschung in der Tradition Boyles zu sichern. H5N1 sei nicht so bedrohlich wie behauptet. Es existierten Impfstoffe gegen das Virus. Als Biowaffe seien Vogelgrippeviren ungeeignet. Dank der entdeckten Mutationen sei eine Früherkennung natürlicher Pandemien schneller möglich. Für viele blieb durch das Publikationsverbot letztlich genau das im Dunkeln, was Boyle als matter of fact gefordert hatte.
Auch der Rest ist bald online verfügbar
Am Wochenende vollzog das NSABB nach hektischen diplomatischen Beratungen eine erste vorsichtige Kehrtwende. Die „Nutzen-Risiko-Kalkulation“ habe sich durch „zusätzliche Informationen“ verändert. Die revidierten Artikel enthielten nun keine Gebrauchsanleitung mehr, mit der Dritte die Viren unmittelbar herstellen könnten - insbesondere „keine endgültige Liste von Mutationen“. Zwölf der achtzehn Mitglieder empfahlen, das Manuskript Fouchiers zu veröffentlichen.
Die neue Entscheidung sei „rein praktisch“, vermutet der Biosicherheitsexperten Richard Ebright von der Rutgers University in Piscataway. Jede Menge Informationen über die Experimente seien längst bekannt, und für den kleinen Rest sei es sehr wahrscheinlich, dass er bald ebenfalls online verfügbar werde.
Ist die Natur der cleverste Bioterrorist?
Fatal wäre es, wenn die Debatte um die Biosicherheit nun mit den anstehenden Veröffentlichungen beendet würde. Die Entwicklung inbesondere in der synthetischen Biologie unterläuft die bisherige Logik der Kontrolle und Nichtverbreitung der bislang fünfzehn klassifizierten Erreger. Jede Forschung, auch die öffentliche, stellt inzwischen einen Wissenspool bereit, an dem sich „alle gesellschaftlichen Gruppen - gleich welcher Gesinnung - bedienen könnten“, schreibt die Politologin Petra Dickmann in ihrem Buch „Biosecurity“.
Selbst Forschung in rein ziviler Absicht drohe damit vermehrt militarisiert zu werden. Zwar bleibt das Kernargument der Influenzaforscher, wonach die Natur der cleverste Bioterrorist sei, vorerst korrekt. Doch verdeckt es die entscheidende Pointe: Die Natur publiziert ihre Kreationen nicht in Zeitschriften. Im Jahrhundert der Biologie als Informationswissenschaft wird sich die Frage nach dem vernünftigen Grad der Autonomie der Lebenswissenschaften dauerhaft stellen. Das ist keine Frage allein der Gelehrten, forderte schon Friedrich Dürrenmatt in seinem Werk „Die Physiker“. Robert Boyle würde zustimmen: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“
Eager Beaver
George Rauscher (misterpocket)
- 03.04.2012, 20:58 Uhr
Lernprozess
Günter Blümel (guenterbluemel)
- 03.04.2012, 16:05 Uhr