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Vinyl und Politik Lass rocken, Alter

12.12.2007 ·  Von musikalischen Vorlieben sollte man nicht auf politische Auffassungen schließen. Denn Hitler zog sich heimlich russische Musik rein und der wahrscheinlich nächste russische Präsident Dmitrij Medwedjew hört gerne Hardrock und macht aus Öl Vinyl.

Von Edo Reents
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Als im Sommer eine Kiste mit Schellackplatten aus der Sammlung Hitler auftauchte, fragte man sich als Erstes, ob auch „undeutsche“ Musik dabei sei. Dass Hitler neben unseren Klassikern auch Tschaikowsky, Rachmaninow und Borodin hörte, ließ sich an den Gebrauchsspuren, welche die Scheiben aufwiesen, eindeutig nachweisen. Kulturpolitisch bedeutet das, dass Hitler seine eigene Konfrontationslinie unterlief, indem er sich heimlich die Russen reinzog. Mediennutzungstechnisch war er damit im Grunde schon ein Vinyl-Junkie.

Wie sieht es heute aus - haben die Politiker noch alle Platten im Schrank? Bei den deutschen ergibt sich ein buntscheckickes, aber erwartbares Bild: Merkel hört Wagner, Beck Bach und (Achtung!) Milva, von Beust Dylan, und Kauder neben Rockmusik „Konzerte mit Simon Rattle“ (offenbar egal, was für welche). Wir haben Abstand davon genommen, Politiker, die sich mit Unterhaltungsmusik zufriedengeben, für unseriös zu halten, und schließen nicht mehr von musikalischen Vorlieben auf politische Auffassungen; das konnte man ja schon bei Hitler nicht.

Der Präsident sammelt Vinyl

Deswegen ist die Nachricht, dass Dmitrij Medwedjew gerne Hardrock hört, nicht überraschend. Originell wird sie dadurch, dass der vermutlich nächste russische Präsident Vinyl sammelt, vorzugsweise Originalplatten, also gewissermaßen Erstpressungen. Das ist ein schönes, aber auch teures Hobby. Unter den Favoriten des ja quasi schon so gut wie gewählten Putin-Nachfolgers sind ausnahmslos olle Kamellen: Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin. Dafür muss man tief in die Tasche greifen.

Als prowestlicher Staatsmann wird Medwedjew sich unter www.popsike.com aber sicherlich einen Überblick über das Hochpreissegment verschafft und festgestellt haben, dass die erste Led-Zeppelin-Platte von 1969 schon für 468 britische Pfund den Besitzer wechselte, natürlich im englischen Original. Das ist für einen Aufsichtsratsvorsitzenden der Firma Gasprom noch keine ruinöse Summe, aber gerade bei Internetkäufen kann man leicht die Orientierung verlieren. Imagefördernd wäre ihm - siehe Nixon-Elvis, Reagan-Jackson - zu empfehlen, die Herren von Led Zeppelin einmal persönlich zu treffen. Bei der Gelegenheit ließe sich vielleicht auch lernen, wie man Volkes Stimme gewinnt: Für das Led-Zeppelin-Konzert Anfang dieser Woche in London waren zwanzig Millionen Kartenbestellungen eingegangen; aber nicht jede Stimme wurde berücksichtig. Doch so etwas soll es in der Politik auch geben.

Quelle: F.A.Z., 13.12.2007, Nr. 290 / Seite 33
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