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Willy Fleckhaus : Wie der Regenbogen ins Regal fand

Die Venus ist perdu: Die letzte von Willy Fleckhaus gestaltete Ausgabe des Frankfurter Allgemeine Magazins Bild: David Finn

Mit der Regenbogenreihe revolutionierte Willy Fleckhaus die deutsche Bücherlandschaft. Über drei Jahrzehnte galt er als einer der wichtigsten Grafikdesigner. Nun würdigt die Villa Stuck seine bedeutendsten Werke.

          Wer durch die Ausstellung über den Designer Willy Fleckhaus in der Villa Stuck geht und in der alten Bundesrepublik aufgewachsen ist, wird von Melancholie heimgesucht. Man wandert durch die eigene Bildungserlebnisgeschichte. Nein, Bildungserlebnisverheißungsgeschichte. Das Geschäft des Katholiken Fleckhaus, der 1925 in Velbert im Bergischen Land geboren wurde und 1983 in der Toskana an einem Herzanfall starb, war die Gestaltung von Umschlägen, Titelbildern und Plakaten. Versprechungen, Ankündigungen, Setzungen: Fleckhaus stellte vor Augen, was man gelesen haben musste und gesehen haben wollte. Er machte das augen- und sinnfällig mit einer Zeichensprache, die man dann ein für alle Mal mit dem jeweiligen Verlag, Magazin oder auch Rundfunksender verband. Als Schüler oder Student kannte man, obwohl er im Impressum stand, den Namen Willy Fleckhaus nicht, wie die Leser der Donald-Duck-Hefte jahrzehntelang nicht wussten, dass der „gute Zeichner“ Carl Barks hieß. Im Rückblick kann man einen Fleckhaus-Effekt bestimmen: eine berauschende Nüchternheit, das strenge Raster als Platzhalter und Chiffre unendlicher Variationen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Man betrachte die größte Tat von Fleckhaus, die Regenbogenreihe der von 1963 an erscheinenden edition suhrkamp. Keine Bildmotivik, nur Schrift, mit sachlicher Aura (Garamond), und Linien. Autor, Titel, Untertitel, Reihe, Verlag (abgekürzt: SV), alles in derselben Schriftgröße: das informative Minimum (und Maximum). Die Linksbündigkeit und die Linierung erinnern an die Karteikarten eines Bibliothekskatalogs – nur dass ein Pop-Art-Zauberer jede Karte einzeln in einen Leuchtfarbtopf getaucht hat. Wie die Weste eines Schülerlotsen ist der gesamte Umschlag Signal. Der individuelle Titel macht unverhohlen für sich Reklame. Stellt man das Buch zurück ins Regal, wechselt die Farbe die Funktion. Sie markiert nicht mehr Individualität kraft Intensität, sondern ist Medium der Vermittlung in der durchnumerierten Serie, produziert Momente des subtilen Übergangs, der gefälligen Evolution.

          Eine Homogenität des Kanonischen

          Zwanglos zwang das Design von Fleckhaus die Buchhändler, die Taschenbücher aus der „es“ in der Reihenfolge des Erscheinens aufzustellen. Nur dann entfaltete das Kulturschauspiel des Regenbogenspektrums seine volle Pracht. Die Farben hatten keine semantischen Konnotationen, das Blau war nicht der Lyrik zugeordnet oder das Rot der Politik. Der Gesamteindruck: eine Homogenität des Kanonischen unter Abstrahierung von allen Kriterien, nach denen die Auswahl getroffen wurde. Das einheitliche Erscheinungsbild der Reihe stand ein für die Urteilskraft des Lektorats, der die Leser vertrauen sollten.

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          Die Ausstellungsmacher, Hans-Michael Koetzle, der auch der Hauptleihgeber ist, und Carsten Wolff, halten das Zeitschriftendesign für die Königsdisziplin von Fleckhaus und zitieren aus einem Gespräch mit dem Zeichner Heinz Edelmann: „Seine Welt begann ab 64 Seiten.“ Als die Hauptwerke müssen dann die Jugendzeitschrift „twen“ (erschienen von 1959 bis 1970) gelten und das Frankfurter Allgemeine Magazin, das dieser Zeitung von 1980 bis 1999 freitags beigelegt wurde und als opus postumum den Genius von Fleckhaus bezeugt, die Begabung, etwas sofort Wiedererkennbares und scheinbar Dauerhaftes zu schaffen.

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