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Vietnam : In den Köpfen der Jungen ein anderes Land

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„State of Youth“ – die Serie beschäftigt sich mit der zeitgenössischen Jugendkultur Vietnams. Bild: Jamie Maxtone-Graham

Offiziell sozialistischer Einparteienstaat, inoffiziell vom Geld getriebene Anarchie – vierzig Jahre nach dem Ende des Krieges hat Vietnam viele Veränderungen überstanden. In welche Richtung sich das Land entwickelt, wird sich mit dem bevorstehenden Generationswechsel zeigen.

          An manchen Frühlingstagen durchdringt die kühle Feuchtigkeit der Luft in Hanoi die Kleidung so sehr, dass man beinahe friert. Es ist ein unbestimmter Zustand, irgendwo zwischen warm und kalt, so wie in dieser Stadt und in diesem Land überhaupt alles in einem unbestimmten Zustand ist.

          Als ich mein Geburtsland vor 25 Jahren verlassen habe, war es noch immer ein Nachkriegsland, und seitdem komme ich jedes Mal, wenn ich heimkomme, in ein anderes Land, sehe andere Straßen, andere Gebäude, ein anderes Denken bei den Menschen. Das Einzige, was bleibt, sind die stetige Veränderung und die fortwährende Skepsis.

          Als würden die Adern der Straße ausbluten

          In diesem Frühling erlebe ich eine solche Veränderung. Als ich durch die Straßen der Stadt fahre, sehe ich Alleen mit gefällten Bäumen. Das zerschlagene Holz mitten auf der Straße ist so rot und dunkel, dass es fast aussieht, als würden die Adern der Straßen ausbluten. Auf Nachfrage erzählt mir mein Onkel, dass die Stadt beschlossen hat, 6.700 der 29.600 Bäume zu fällen. Viele der Bäume seien alt und krank, und die unterschiedlichen Baumarten seien eine optisch unbefriedigende Wahl und sollen durch eine einheitliche Bepflanzung ausgetauscht werden, hieß es von offizieller Seite.

          Aber da, wo gefällt wurde, sieht es eher nach Kahlschlag aus, und Politikern vertraut in diesem Land schon lange niemand mehr. Vo Nguyen Giap, der General, der in Dien Bien Phu gegen die Franzosen siegte, ist vor zwei Jahren gestorben, er war der Letzte, der noch Vertrauen in der Bevölkerung genoss, und auch er kritisierte zu Lebzeiten den Werteverfall im Land. Die Hanoier vermuten diesmal, dass wieder korrupte Politiker am Werk sind, die das wertvolle Tropenholz der jahrhundertealten Bäume illegal verkaufen oder Platz für Bauprojekte schaffen wollen, und sind so aufgebracht, dass sich über Facebook und in den Straßen Protest organisiert, etwas, das in dem sozialistischen Land selten passiert.

          Eine von Geld getriebene Anarchie

          Ich frage meinen Onkel, ob das ein Zeichen dafür sein könnte, dass die Zivilgesellschaft sich stärker engagiert und sich in der Politik etwas ändert, doch er winkt ab. Gegen die Politiker sei nichts zu machen, die machten, was sie wollten, sagt er. Und die Menschen hier leben ohnehin schon seit Jahren an der Politik vorbei. Desinteresse ist es nicht, aber die Ohnmacht hat eine Handlungsapathie geschaffen, die nur selten aufbricht. Offiziell ist das Land ein sozialistischer Einparteienstaat, inoffiziell eine von Geld getriebene Anarchie.

          Das Chaos, die Korruption, die Zensur der sozialistischen Regierung, die französische Kolonialherrschaft und tausend Jahre chinesischer Besatzung haben Spuren im politischen Verständnis und Verhalten der Menschen hinterlassen. Die Vietnamesen betreiben eine Vermeidungsstrategie gegenüber der Obrigkeit.

          Szene aus der Serie „State of Youth“ – Vierzig Jahre nach Kriegsende ist Vietnam ein anderes Land geworden. Bilderstrecke
          Szene aus der Serie „State of Youth“ – Vierzig Jahre nach Kriegsende ist Vietnam ein anderes Land geworden. :

          Das merkt man vor allem in Ho-Chi-Minh-Stadt, das jeder nach wie vor Saigon nennt. Hier scheinen die Machthaber so weit entfernt, dass es fast schon westlich wirkt. Dass es nicht ganz so ist, merkt man, sobald man hinaufschaut. An den Bäumen hängen in Vorbereitung auf die Jubiläumsfeierlichkeiten zum Kriegsende kitschige Lichtdekorationen mit der Nationalflagge von Vietnam und der Vietcong-Flagge, die von Kirschblüten und Friedenstauben umrahmt sind. Ob das nicht ein bisschen absurd sei, frage ich meinen Taxifahrer. Ohne es direkt auszusprechen, lässt er mich seine Verachtung spüren, während wir durch Straßen fahren, die dieselben Namen tragen wie oben im Norden, Namen von Nationalhelden und -heldinnen wie Tran Hung Dao, Le Loi oder Hai Ba Trung, die im heutigen Vietnam niemanden mehr interessieren.

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