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Veröffentlicht: 29.03.2016, 20:07 Uhr

Berufe der Terroristen Die Dschihad-Ingenieure

Überdurchschnittlich viele islamistische Attentäter haben ein Ingenieursstudium absolviert. Zwei Soziologen untersuchen, warum gerade dieser Studiengang unverhältnismäßig oft mit dem Terror verbunden ist.

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© AFP Brüder des Terrors: Chérif Kouachi (32) und sein Bruder Said Kouachi (34).

Die Ursachen des islamischen Terrorismus sind schon überall gesucht worden. Manche finden sie im Islam selbst, als einer vermeintlich aggressiven Religion. Wieder andere bestreiten, dass es religiöse Konservative sind, die zum Terror finden, und sehen den Terrorismus gerade im Kampf mit traditionellen Auffassungen des Islam. Wie aus Saddam Husseins Palastwachen die scheinheiligen Krieger des IS werden konnten, erklärt jedenfalls keine Koranlektüre. Darum erkennen viele in den Krisen des arabischen Raums, an denen sich der Westen beteiligt hat, die Ursachen für den Terror. Oder es ist die prekäre Lage von Migranten, die herangezogen wird. Mal soll Armut eine Ursache dafür sein, dass gewalttätige religiöse Ideologien Anhänger finden, mal aber auch Reichtum, der ihre Verbreitung finanziert. Oder der Kolonialismus, oder der Kapitalismus, oder die Despotie im Orient.

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Es liegt auf der Hand, dass derlei Wolken der Ursächlichkeit stets in Gefahr sind, gar nichts zu erklären. Das gilt auch für viele Beschreibungen der Terroristen. Sie sind fast ausnahmslos Männer, sie sind zumeist jung, und sie sind Muslime - aber was sind sie noch? Mal erscheinen sie als gut ausgebildete Personen, mal als Taugenichtse aus der Prekariatszone. Mohammed Atta, der das erste Flugzeug in die Twin Towers lenkte, war der Sohn eines ägyptischen Rechtsanwaltes und studierter Stadtplaner. Chérif Kouachi hingegen, der jüngere der Brüder, die „Charlie Hebdo“ massakrierten, fuhr Pizzas aus, hatte eine Ausbildung zum Elektrotechniker abgebrochen und war im Besitz eines Fitnesstrainer-Diploms. Abdelhamid Abaaoud, der die Anschläge im November 2015 in Paris plante, kam aus einer wohlsituierten Familie marokkanischer Einwanderer nach Belgien. Ismael Mostefai wiederum, der im Konzerthaus Bataclan in die Menge schoss und sich dann in die Luft sprengte, wuchs in der Pariser Banlieue auf und war zuvor Insasse einer Sozialunterkunft.

Auffällig viele Ingenieure unter den Terroristen

Fehlt also jeder Anhaltspunkt dafür, was Menschen zu Terroristen macht? Nicht ganz. Diego Gambetta, Soziologe in Oxford und Florenz, hat zusammen mit Steffen Hertog, Politikwissenschaftler an der London School of Economics, ein biographisches Muster untersucht, das der islamische Terror vom 11. September 2001 an zeigte. Ihren Befund hatten sie schon vor Jahren in einem vielbeachteten Aufsatz skizziert. Jetzt liegt ihre These in Buchform vor: Unter den muslimischen Terroristen finden sich ihr zufolge überzufällig viele Ingenieure und Studenten technischer Disziplinen („Engineers of Jihad“. The Curious Connection between Violent Extremism and Education, Princeton University Press 2016).

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