20.07.2001 · Eine Videoinstallation des Kölner Künstlers Marcel Odenbach konfrontiert auf der Zugspitze mit Bildern von Hitler auf dem Obersalzberg.
Von Katja BlombergEiner der bedeutendsten deutschen Videokünstler stellt sein jüngstes Werk an ungewöhnlichem Ort aus: Nicht in einer Galerie oder in einem freundlichen Museum ist „Das große Fenster - Einblick eines Ausblicks“ von Marcel Odenbach zu sehen, sondern inmitten des Sommertourismus auf der bayerischen Zugspitze.
Der Kölner Künstler verzahnt Medien, Ton und realen Raum zu provokanten Installationen, die sich mit der jüngeren deutschen Geschichte befassen. Historische Filmaufnahmen, eigene Bilder und die wirkliche Umgebung mischen sich in seinen Installationen mit Musik und Sprache. Sie sind emotional aufgeladen und bringen unterschiedliche visuelle und akustische Komponenten zur Deckung. Nun setzt Odenbach die idyllische Alpenlandschaft des Obersalzberges, die Adolf Hitler schätzte, mit der Wirklichkeit auf der Zugspitze in Beziehung - und wieder bietet seine Kunst Sprengstoff für Diskussion.
Der vorbelastete Blick
„Das große Fenster“ kreist um die Frage, wie befangen unser Blick auf die Geschichte ist. Unser mediales Gedächtnis lässt es nicht zu, dass wir eine x-beliebige Frau, die aussieht wie Prinzession Diana vorbehaltlos ansehen, oder uns bei einem dramatisch schönen Sonnenuntergang nicht an Bilder von Caspar David Friedrich erinnern. Oder - angesichts einer idyllischen Alpenlandschaft - vielleicht auch an die Propaganda der Nazis denken.
„Das große Fenster“ beschäftigt sich mit diesem Phänomen. Es zeigt historische Filmaufnahmen von Adolf Hitler im Kreis seiner engsten Vertrauten, Soldaten und zerstörte Städte. Dazu ertönen Stubenmusik, Vogelgezwitscher und Wagnerklänge. Odenbach hat eine Videocollage komponiert, die an dem Ort verankert ist, an dem sich der Diktator am allerliebsten aufgehalten hat: vor dem großen Alpenpanoramafenster auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden.
Alpenlandschaftstheater
Wie in einem Kasperletheater öffnet sich in Odenbachs Video ein rosaroter Samtvorhang. In mehreren Aufzügen führt der Blick durch die Sprossen eines der größten jemals gebauten Panorama-Fenster auf die grandiose Berglandschaft Berchtesgadens. Dazu ertönt erst folkloristische Musik, dann eine Kinderstimme:
„Du bist der Führer, Deutschlands Retter, Du bist die Treue, Du bist die Liebe, unser Glaube, ich liebe Dich aus Herzensgrund, Dein will ich sein, Dir will ich dienen, jeden Tag und jede Stunde als treuer Kämpfer, tapferster Soldat.“ Dann folgt Glockengeläut und schließlich tragische Musik aus der Feder Richard Wagners.
Visuelles Gedächtnis als historischer Speicher
Wie aus dunkler Erinnerung erscheinen die historischen Aufnahmen als Projektionen und Überblendungen auf dem Fenster oder auf dem Vorhang im Film. Im Hintergrund der Videoinstallation aber eröffnet ein reales Panoramafenster den Blick in eine wirkliche Alpenlandschaft: das Allgäuer Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich.
Die historischen Aufnahmen erscheinen vor realen Bildern. Wer das Video in diesem Kontext sieht, kann auf die Wirklichkeit nicht mehr so unbefangen blicken wie zuvor. Odenbachs Botschaft besteht nach Lucius Griesebach, Direktor des Neuen Museums in Nürnberg, der für die Ausstellung auf der Zugspitze verantwortlich zeichnet, darin, dass es keine Wahrnehmung ohne kulturelle Prägung, keine Erkenntnis ohne Voraussetzung gibt.
Gefahr von Missverständnissen
Im Vorfeld der Ausstellung hatte es Auseinandersetzungen zwischen dem Vorstandsvorsitzenden der Zugspitzbahn AG, Peter Hirt, - der sich für den Kunstraum auf der Zugspitze stark macht - und einigen Mitarbeitern der Zugspitzbahn gegeben.
So erzeugten die Probeläufe des Videoprojektes heftige Diskussionen darüber, ob eine engagierte Vergangenheitsbewältigung mit Nazideutschland ausgerechnet an einem Ort stattfinden müsse, wo Ausflüglern aus aller Herren Länder den größten Anteil ausmachten. Bis zu 80 Prozent der Touristen seien Ausländer, und die meisten seien von ihnen auf ein Kunst-Projekt nicht vorbereitet. Sie könnten es daher missverstehen.
Dass Kunst provoziert, ist an sich nichts Neues. Missverständnis liegt hier ganz nah neben Erkenntnis. Bereits nach wenigen Minuten wird jeder Betrachter merken, was der Künstler bezweckt. Dennoch wird das kritische Video von Marcel Odenbach nun nur unter Aufsicht und mit Erläuterungen in mehreren Sprachen vorgeführt.