08.01.2004 · In seinem Film „Der letzte Samurai“ bringt Edward Zwick seinen Star Tom Cruise als amerikanischen Samurai in Japan eine kostbare knappe Stunde lang zum Klingen. Der Rest ist Pulverdampf.
Von Andreas KilbWenn ein Hollywoodstar und ein zeitgeschichtliches Thema zusammenstoßen, muß es nicht immer hohl klingen. Es gibt interessante Problemfilme von Robert Redford ("Milagro - Der Krieg im Bohnenfeld") und Jodie Foster ("Das Wunderkind Tate"), und als Kevin Costner vor zehn Jahren in "Der mit dem Wolf tanzt" den Western auf den neuesten Stand brachte, wurde er gleich mit mehreren Oscars und einer kulturhistorischen Fernsehserie ("500 Nations") für seine Einblicke ins authentische Indianerleben belohnt. Die großen Filmstudios sehen es auch nicht ungern, wenn ihre Zugpferde sich ein Anliegen zulegen; denn es schärft deren menschliches Profil, und im schlimmsten Fall treibt das Scheitern ihres Herzensprojekts die Idole desto sicherer in die Arme ihrer angestammten Imageverwalter zurück.
Doch dies hier ist Tom Cruise, der größte Kassenheld, der weiße Wal im Wassertank der Filmindustrie. Kein wirklicher Flop hat seine makellose Karriere bisher befleckt, auch deshalb, weil Cruise sich wohlweislich davor hütet, bei seinen Projekten Regie zu führen; lieber produziert er sie und überläßt die Spielleitung einem Fachmann seiner Wahl. Dennoch sieht spätestens seit "Mission: Impossible" (1996) fast jeder Film mit Tom Cruise wie ein Tom-Cruise-Film aus. Es gibt eine bestimmte Art der Cruise-Regisseure, mit dem Körper ihres Stars umzugehen, eine gewisse Perspektive auf sein Gesicht und seine Gestik, die man als vorbeugende Monumentalisierung bezeichnen könnte: Noch der intimste Augenblick hat bei Big Tom etwas Cäsarisches. Als er in Paul Thomas Andersons "Magnolia" (1999) einen durchgeknallten Fernsehprediger spielte, der seinen Sexismus als Lebensphilosophie verkauft, wollte man zuerst seinen Augen nicht trauen, so gut parodierte Cruise sich selbst. Aber der Auftritt blieb eine Episode; seither meint es Tom Cruise wieder ernst mit seinem Image und seinem Erfolg.
Großzügiges Angebot
Damit ist er das genaue Gegenteil des Mannes, den er am Anfang von Edward Zwicks Film "Der letzte Samurai" verkörpert. Captain Nathan Algren, Offizier der U.S. Cavalry unter dem unlängst bei Little Big Horn gefallenen General Custer, hat sich aufgegeben; er hat die blutigen Siege im Indianerkrieg, das Abschlachten von Frauen und Kindern in Zeltdörfern, seelisch nicht verkraftet. Volltrunken preist er in den Bühnenshows eines Waffenverkäufers die Vorzüge des neuen Winchestergewehrs, bis ihn sein Arbeitgeber entläßt. Da kommt ein großzügiges Angebot aus Japan: Algren soll die Truppen des dortigen Reformkaisers Meiji für den Kampf gegen eine Sippe aufständischer Samurai ausbilden. Ein Schiff bringt ihn nach Yokohama, wo er die Rekruten des Kaisers zu schleifen beginnt, doch viel zu früh wird sein Bataillon in die Schlacht geschickt; die Linien zerreißen, die Salven gehen in die Luft, die Schwerter der Samurai-Reiter mähen die Flüchtenden nieder. Algren, der sich wie ein Besessener wehrt, wird schwer verletzt in die Bergfestung des edlen Katsumoto (Ken Watanabe) gebracht - ein Amerikaner im Verlies, fremd, gefangen, allein.
Bis hierher ist "Der letzte Samurai" ein gefälliger postmoderner Abenteuerfilm mit ein paar hübschen historischen Postkartenmotiven. Erst jetzt, im Bergdorf der Samurai, verwandelt er sich in ein Tom-Cruise-Vehikel der klassischen Art. Denn wenn dieser Schauspieler, jenseits des Kultes, der ihn umgibt, eine echte Begabung hat, dann ist es die, Lernprozesse darzustellen - sich selbst in die Leinwand zu verwandeln, auf die ein anderer seine Wahrheiten schreibt, sei es Paul Newman in "Die Farbe des Geldes", Dustin Hoffman in "Rain Man" oder der unsichtbare Stanley Kubrick in "Eyes Wide Shut". In "Der letzte Samurai" ist es nun eine ganze archaische Kulissenwelt, die sich in Nathan Algrens Gesichtszügen spiegelt, die Welt des sterbenden Rittertums, der Bauern und Krieger mit ihren altmodischen Begriffen von Tapferkeit und Ehre, wie sie Algren in seinen Tagen als Westerner bitter entbehrt hat. Das alles ist natürlich eine romantische Lüge, aber so, wie Cruise diese Fiktion aufsaugt, wirkt sie wider besseres Wissen glaubhaft, weil die Sehnsucht, die hinter ihr steht, wahrhaftig ist. Es ist, als schwebte der Kino-Götze in einer Luftblase in eine Vergangenheit, die von seinesgleichen noch nichts ahnte, um sich an ihren Bildern zu erlösen.
Dann ist der Zauber vorbei, aber die Show muß weitergehen. Algren steigt wieder aufs Pferd, um an der Seite seiner neuen Freunde zu fechten, und Edward Zwick hüllt seinen Film in Pulverdampf, um ihn über die Zeit zu bringen. Je länger "Der letzte Samurai" dauert, desto lauter und flacher wird die Geschichte, bis sie am Ende in martialischem Kitsch ertrinkt. Aber eine kostbare knappe Stunde lang hat dieser Film seinen Star zum Klingen gebracht. Und für diese Stunde hat sich der Weg nach Japan gelohnt.