13.01.2010 · Lohnt es sich, gleich die Vertrauensfrage zu stellen, wenn der Sekt nicht das hält, was sein Etikett verspricht? Oder ist die grassierende Rede vom Vertrauensbruch nur das Ergebnis besoffener Vorstellungen?
Von Christian GeyerSie möchten auf den Zauber eines neuen Anfangs anstoßen. Würden Sie, in so einem Fall, zu einer Flasche Rotkäppchen-Sekt greifen? Vermutlich nicht, es sei denn, Sie wollten dem Anfangszauber ein dickes Ende bereiten. Also werden Sie sich die Flasche für besondere Anlässe lieber etwas kosten lassen, deren Symbolwert eher hochpreisig veranschlagen. Mit anderen Worten: Nicht jede Plörre taugt für jeden Anlass. So etwas lernt jedes Kind, wenn es beginnt, die Kakaosorten zu unterscheiden und die eine lieber als die andere zu mögen.
In der Grundschule spricht man vom Lernziel der realistischen Erwartungsbildung. Erwartungen zu bilden will tatsächlich gelernt sein in einer Öffentlichkeit, die den Sinn für Bedeutungen erstickt, weil sie alles gleichermaßen wichtig und alarmträchtig nimmt. Nur wer vom Rotkäppchen-Sekt erwartet, dass er mit Kupferberg Gold in einer Liga perlt, kann sich über die jetzt vom Fernsehmagazin „Frontal 21“ produzierte Nachricht erregen, dass Rotkäppchen zu 32 Prozent industriell hergestellte Kohlensäure enthält statt ausschließlich solche Kohlensäure, die aus der alkoholischen Gärung stammt (die Marke Schwarze Mädchentraube schießt mit 80 Prozent fremder Kohlensäure unter den Sektsorten sogar den Vogel ab).
Besoffene Vorstellungen
Abgesehen davon, dass es von der chemischen Zusammensetzung her ohnehin keine besser oder schlechter perlende Kohlensäure gibt, ist das aufwendigere Verfahren der sekteigenen Gärung erwartungsgemäß den teuren Marken vorbehalten. Dennoch ist nun vom „Vertrauensbruch am Verbraucher“ die Rede (so Norbert Schindler, Präsident der rheinland-pfälzischen Landwirtschaftskammer, nach einem tiefen Schluck aus der Pulle), wenn Rotkäppchen, die Schwarze Mädchentraube und andere nichts anderes tun, als was man fürs Geld von ihnen erwarten kann. Wieso Vertrauensbruch? Wenn sich beim Gesöff die Vertrauensfrage stellt, dann spricht das nicht gegen das Gesöff, sondern gegen die besoffene Vorstellung von Vertrauen, die da gepflegt wird. Es reicht, wenn der Schaumwein mundet, er braucht nicht auch noch vertrauenswürdig zu sein.
Welcher Sekt schmeckt und welcher nicht, werden die Verbraucher durch Versuch und Irrtum schon selber herausfinden können. Einem vertrauensseligen Verbraucher, der Qualität in den Kategorien von Testsiegern und -verlierern denkt, ist nicht zu trauen. Es ist eine Geschmacksverirrung, seinen guten Geschmack auf die Notenskala der Stiftung Warentest zu eichen. Lasst dem Rotkäppchen-Sekt doch sein kleines Kohlensäure-Geheimnis! Und traut keinem Schampus unter drei Euro neunundneunzig!