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Versteigerung von Goebbels-Schriften : Judas, mein alter Kampfgenosse

„Der Mutter Gebet. Ein Idyll aus dem Kriege.“ um 1917/1918, rund 60 Seiten Bild: AFP/ALEXANDER HISTORICAL AUCTIONS

Als der Propagandist noch Germanist war: In Connecticut werden Vorlesungsmitschriften und Liebesbriefe von Joseph Goebbels versteigert.

          Börne konnte nicht dem deutschen Volke Führer sein.“ Eine klare Aussage. Sie schloss Anerkennung der Person des 1786 in Frankfurt geborenen und 1837 in Paris gestorbenen Feuilletonisten nicht aus. Denn der nächste Satz lautet: „Er meint es ehrlich und gut.“ Das schrieb Paul Joseph Goebbels, Bonner Student der Philologie, im Kriegsjahr 1917. Es sind allerdings nicht seine Worte. Er saß im Hörsaal und schrieb mit. Das Auktionshaus Alexander Autographs in Connecticut versteigert morgen ein umfangreiches Konvolut von Aufzeichnungen und Dokumenten aus den Jugendjahren des Propagandaministers, darunter sieben Hefte mit Vorlesungsmitschriften.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In dem autobiographischen Rückblick, den Goebbels 1923 aus Anlass der Aufnahme seiner Tagebuchaufzeichnungen niederschrieb, vermerkte er selbst über sein Bonner Jahr: „Kaum zur Universität.“ In dieser „Zeit des Gärens“, der „Qual und Unruhe“, habe er gesucht und nichts gefunden. Die Mitschriften erwecken den Eindruck der Beflissenheit. Goebbels schreibt alle Literaturangaben auf und notiert sich in Klammern biographische Hinweise, wenn ihm die Namen nichts sagen.

          Ein „Vielschreiber im schlimmsten Sinne“

          Das Nachlasspaket in Connecticut enthält das Manuskript der Heidelberger Doktorarbeit über die Dramen des nach der Übersetzung der Memoiren Casanovas zum Katholizismus konvertierten Berliner Romantikers Wilhelm von Schütz. Gestellt hatte das Thema Max Freiherr von Waldberg, an den Friedrich Gundolf Goebbels verwiesen hatte.

          Es ist wohl kein Fall von professoralem Humor, dass Waldberg dem in den Schriftstellerberuf drängenden Doktoranden einen Autor zu studieren gab, über den Goebbels in der Allgemeinen Deutschen Biographie lesen konnte: „Die schlecht beherrschte Form - S. wagt sich an komplizierte Strophengebäude - lässt die dichterische Impotenz des Verfassers klar hervortreten, der seine ,Niobe‘ auf der Bühne zu Stein werden lässt.“

          Dass dieser „Vielschreiber im schlimmsten Sinne“, den nach Meinung August Wilhelm von Schlegels „wahnwitzige Eitelkeit zu Grunde gerichtet“ hatte, sein geplantes Drama über Heinrich den Löwen nicht ausführte, darf nach Ansicht des Verfassers des ADB-Artikels, des Bonner Literaturhistorikers Oskar Walzel, „mit Hinblick auf die kindlich unbeholfene Form“ der vollendeten Dramen „nicht bedauert werden“.

          „Wilhelm von Schütz als Dramatiker“: Deckblatt von Goebbels Dissertation

          Am 9. Juli 1943 hielt Goebbels in der Heidelberger Universität aus Anlass der festlichen Erneuerung seiner Promotionsurkunde eine Rede über den geistigen Arbeiter im Schicksalskampf des Reiches. Die Witwe seines Doktorvaters, dem 1935 die Lehrbefugnis entzogen worden war, hatte sich am 10. April 1942 das Leben genommen.

          In den Mitschriften aus Bonn, Freiburg, Würzburg und Heidelberg begegnet man dem alltäglichen akademischen Antisemitismus in der Gestalt historischer Gemeinplätze. Der erste Satz, den Goebbels in einer Freiburger Vorlesung über die Geschichte der Reformation und Gegenreformation festhielt, lautet: „Das Judentum zersetzte den Katholizismus Spaniens.“

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