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Verse für Obama Zur Amtseinführung ein Gedicht

20.01.2009 ·  Welche Ehre für Elizabeth Alexander, dass man sie gebeten hat, ein Gedicht zur Amtseinführung Präsident Obamas zu verfassen - und welch ein Albtraum! Der amerikanische Schriftsteller Charles Simic über die traditionellen Schwierigkeiten, die passenden Worte für den großen Anlass zu finden.

Von Charles Simic
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Welche Ehre für Elizabeth Alexander, dass man sie gebeten hat, ein Gedicht zur Amtseinführung Präsident Obamas zu verfassen - und welch ein Albtraum! Es ist nicht leicht, Gedichte auf Bestellung zu schreiben, selbst wenn es um die Hochzeit eines Freundes oder eine Trauerfeier geht, ganz zu schweigen von einem solchen Anlass, bei dem die ganze Nation aufmerksam jedes Wort verfolgt. Walt Whitman hätte die Chance vermutlich gern ergriffen und etwas sehr Respektables abgeliefert. Auch Allen Ginsberg hätte sich über eine Einladung sehr gefreut, obschon er keinem unserer bisherigen Präsidenten willkommen gewesen wäre, denn der alte Beatnik hätte höchstwahrscheinlich etwas in dieser Art gesagt:

America when will you be angelic?
When will you take off your clothes?
When will you look at yourself
from the grave?
When will you be worthy of your
million Trotskyites?

Amerika wann wirst du engelsgleich sein?
Wann wirst du deine Kleider ablegen?

Wann wirst du dich vom Grab aus betrachten?

Wann wirst du deiner Million Trotzkisten endlich würdig sein?

Was soll ein Dichter in einer Demokratie bei einem solchen Anlass sagen? Soll er dem Mann schmeicheln, die Größe unseres Landes preisen oder nicht ganz so subtil darauf hinweisen, was aus einem Präsidenten werden kann, dem die Macht zu Kopf steigt? Sollte man die beiden Kriege erwähnen, die wir gegenwärtig führen und die bereits länger andauern als jeder andere Krieg mit amerikanischer Beteiligung und wohl auch nicht so bald beendet sein werden? Sollte man Folter und Misshandlung von Häftlingen und die anderen schlimmen Dinge, die unsere Politiker in der letzten Zeit getan haben, mit Schweigen übergehen? Würde ein Gedicht, das all diese Dinge ausblendet, etwas taugen? Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, sollten wir vielleicht betrachten, was zu früheren Amtseinführungen geschrieben wurde.

Vor der diesjährigen Poetin sind erst drei Kollegen das Risiko eingegangen, sich vor der ganzen Nation zu blamieren. Der erste war Robert Frost. 1961 stand er, sechsundachtzigjährig, an einem klaren, kalten Januartag mit windzerzaustem Manuskript auf dem Podium und versuchte, das Gedicht zu lesen, das er für John F. Kennedy geschrieben hatte, konnte aber, geblendet von der gleißenden Sonne, nichts sehen und trug daher aus dem Gedächtnis ein älteres Gedicht vor. Das ursprünglich geplante („Widmung“) ist siebenundsiebzig Zeilen lang. Es erinnert an wichtige Momente in der Geschichte Amerikas, feiert seine demokratischen Traditionen und schließt mit der Ankündigung eines Augusteischen Zeitalters unter dem jungen Präsidenten und der (ein wenig vagen) Prophezeiung eines Goldenen Zeitalters, in dem Dichtung und Macht zusammenfinden. Trotz einiger schöner Formulierungen („Ein armseliger Narr hatte ihm ins Ohr gesagt / Ruhm ist nicht mehr gefragt in Leben und in Kunst“) ist es ein Gedicht, das kein vernünftiger Mensch gern ein zweites Mal hören oder lesen würde.

Peinliche Parabel

Maya Angelous Gedicht zur ersten Amtseinführung von Bill Clinton 1993, diese Parabel vom singenden Fluss, dem weisen Fels und dem Baum, war ziemlich schlimm. Ich entsinne mich eines Saals voller Leute, durchweg keine Dichter, die peinlich berührt dastanden und die Augen verdrehten.

There is a true yearning to respond to
The singing River and the wise Rock...
So say the Asian, the Hispanic, the Jew,
The African and Native American, the Sioux,
The Catholic, the Muslim, the French, the Greek,
The Irish, the Rabbi, the Priest, the Sheikh,
The Gay, the Straight, the Preacher,
The privileged, the homeless, the Teacher,
They hear. They all hear
The speaking of the Tree...
History, despite its wrenching pain,
Cannot be unlived, and if faced
With courage, need not be lived again

Es gibt eine wahre Sehnsucht nach Kommunikation mit
Dem singenden Fluss und dem weisen Fels...

Das sagen der Asiate, der Hispanic, der Jude,

Der Afroamerikaner und der Ureinwohner, der Sioux,

Der Katholik, der Muslim, der Franzose, der Grieche,

Der Ire, der Rabbi, der Priester, der Scheich,

Der Schwule, der Hetero, der Prediger,

Der Privilegierte, der Obdachlose, der Lehrer,

Sie hören. Sie alle hören

Die Worte des Baums...

Die Geschichte, trotz ihrer heftigen Schmerzen,

Ist nicht rückgängig zu machen und muss,

Mutig angenommen, nicht wiederholt werden.

Miller Williams' Gedicht „Von Geschichte und Hoffnung“ zu Clintons zweiter Amtseinführung 1997 konnte nur besser werden. Es wurde besser. Und zum Glück auch viel kürzer. Unsere großen namenlosen Toten, so der Dichter, fragen, wohin unser Weg führt. Werden wir noch die Menschen sein, die wir sein wollten? Seine Antwort: Wir müssen mit den Augen unserer Kinder in eine Zukunft schauen, die wir nicht erleben werden, und prüfen, was sie gemacht haben aus dem, was wir ihnen mitgegeben haben. Also, welche Welt werden wir ihnen hinterlassen? Das ist eine gute Frage und ein starkes Gefühl, aber es gelang Williams nicht, ein eindrucksvolles Gedicht daraus zu machen.

Heute weiß kaum jemand, dass es noch einen Dichter gab, der gebeten wurde, zur Inauguration ein Gedicht zu verfassen. 1977 schrieb James Dickey zu Jimmy Carters Amtseinführung das Gedicht „Die Kraft der Felder“, das er aber nicht bei der Vereidigungszeremonie, sondern bei der Gala vortrug. Es war ein mittelmäßiges Gedicht eines Lyrikers, der gelegentlich wunderbare Sachen schreiben konnte. Carter, wie Dickey aus Georgia stammend, muss sich den Kopf gekratzt haben. Das Gedicht - mit dem Bild einer nächtlichen Kleinstadt im Süden, den Motten im Schein der Straßenlaternen und dem Geräusch von Güterzügen - ist zu intim für einen solchen Anlass. In meiner Erinnerung reagierte das Publikum im Kennedy Center mit ratlosem Schweigen, trotz der einen oder anderen gelungenen Zeile.

Tell me, freight-train,
When there is no one else
To hear. Tell me in a voice the sea
Would have, if it had not a better one: as it lifts,
Hundreds of miles away, its fumbling, deep-structured roar
Like the profound, unstoppable craving
Of nations for their wish.

Sag mir, Güterzug,
Wenn niemand sonst

Zuhört. Sag mir in einer Stimme, in der das Meer

Spräche, hätte es nicht eine bessere: wenn es,

Hunderte von Meilen entfernt, sein stammelndes, tiefes Donnern erhebt

Wie die starke, unaufhaltsame Sehnsucht

Von Nationen nach ihrem Wunsch.

All diese Präsidenten, die am 20. Januar einen Dichter an ihrer Seite haben wollten, waren Demokraten. Die Republikaner mit ihrer unablässigen Sorge um die Werte von Religion und Familie, die sie in unserer Gesellschaft gefährdet sehen, betrachten Kunst und Literatur mit Argwohn. Dichter haben sie im Verdacht, subversiv, libertär, sexbesessen und wahrscheinlich noch Schlimmeres zu sein. Man kann es ihnen nicht völlig verdenken. Unter all den guten Dichtern, die Amerika in den letzten hundertfünfzig Jahren hervorgebracht hat, sind nicht sehr viele, die man seiner Mutter vorstellen und in seiner Kirche gern hören würde. Jedes Gedicht, das zweimal zu lesen sich lohnt, wird irgendwelche Spießer vor den Kopf stoßen. Die Herausforderung für die Inauguraldichterin besteht darin, dass sie die Öffentlichkeit durch Eloquenz bewegen soll, aber selbstverständlich nicht zu deutlich aussprechen darf, was wir uns und anderen Nationen in jüngster Zeit angetan haben.

Elizabeth Alexander, ich wünsche Ihnen viel Glück!

Charles Simic war in den Jahren 2006/2007 Poet Laureate Amerikas. Auf Deutsch erschien zuletzt der Band „Die Wahrnehmung des Dichters. Über Poesie und Wirklichkeit“.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork, der auch die neben den Dichterfotos stehenden Gedichtauszüge übersetzte.

Quelle: F.A.Z.
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