05.03.2003 · Deutschland diskutiert über seine miserable Bildung. Derweil lernen wir aus der Geschichte, dass der Irak-Konflikt ganz andere Ursachen hat als bisher angenommen: In Wirklichkeit steckt die kriselnde Pharma-Industrie dahinter, behauptet ein Naturheiler.
Die weiteren Teilergebnisse der „Pisa“-Studie haben die Bildungsdiskussion wieder belebt. Wie lassen sich Ausländerkinder besser integrieren? Hat man nicht schon immer gewusst, dass Noten ungerecht vergeben werden?
Wozu aber ist die ganze Bildung eigentlich gut? Dies sagt uns Jürgen Kluge, der Chef des Unternehmensberaters McKinsey Deutschland. In einem jüngst erschienen Buch fordert er „Schluss mit der Bildungsmisere“, in einem Interview mit der „taz“ antwortet er auf die Frage, warum ihm die Bildungsfrage wichtiger sei als beispielsweise der Irak-Krieg oder das Dosenpfand. „Wir haben eine rapide alternde Bevölkerung. In dreißig Jahren wird eine Stadt von der Größe Berlins rund 100.000 Pflegefälle mit Alzheimer oder ähnlich schweren Krankheiten zu versorgen haben.“
Wozu Bildung?
Brauchen wir also mehr Geschichtsunterricht, um einer Gesellschaft der Gedächtnislosen vorzubeugen? Nicht zufällig setzt ja Arnulf Baring in der „Bild“-Zeitung, die ansonsten das Thema Bildung heute offenbar vergessen hat, seine Nachhilfelektionen in neuerer deutscher Geschichte fort: „Amerika schenkte uns das Wirtschaftswunder“.
Aber Kluge meint eigentlich etwas anderes, wenn er bessere Bildung fordert: Die „radikale Produktivitätssteigerung, die wir brauchen, damit künftig ein Arbeitnehmer einen Rentner miternähren kann, die müssen wir aus geistigen Produkten erwirtschaften. Egal, ob es sich dabei um Software oder einen Kinofilm dreht, um Theaterstücke oder eine neue Ausbildung.“
Ist auch dieses Wirtschaftswunder ein Geschenk der Amerikaner? Im Grunde ja, denn Kluge vertraut ganz auf angelsächsische Prinzipien: knallharter Wettbewerb und ebenso rigide Standards. Wenn Eltern aus einem Bildungsangebot wählen, wenn „man den Schulen die Freiheit gewährt, sich ihre Lehrer auszusuchen, ihre Budgets selbst zu verwalten und sich inhaltlich zu differenzieren, dann muss man auf der anderen Seite sagen: Es muss eisenharte Standards geben.“ Bedeutet das: Schulbehörden nach dem Vorbild der amerikanischen Börsenaufsicht?
Die Einheit des Wissens
Kluge nennt Informatik und Filmschaffen als wichtige „Branchen der Wissensgesellschaft“, auf die wir unseren Nachwuchs bereits im Kindergarten behutsam vorbereiten müssen. Ähnlich interdisziplinär denkt auch Dr. med. Matthias Rath, der in der „Frankfurter Rundschau“ einen ganzseitigen offenen Brief „an den US-Präsidenten George Bush und an die Menschen der Erde“ inseriert.
Die Fächer Medizin und Geschichte führt Rath zu einer überraschenden Einheit zusammen. Genau vor siebzig Jahren habe der Reichstagsbrand als Vorwand gedient, „um eine Demokratie in eine Diktatur umzuwandeln - im Interesse des damals größten europäischen Chemie-Kartells“, der IG Farben, dem „Hauptnutznießer“ des Zweiten Weltkriegs.
Raths „Lehren aus der Geschichte“ sind klar: Es geht beim wahrscheinlich bevorstehenden Irak-Krieg gar nicht darum „Terrorismus zu bekämpfen oder Ölfelder zu erobern“, wie viele von uns überzeugt sind. Handelt es sich nicht vielmehr darum, „die größte Investment-Branche der Erde - die Pharma-Industrie - vor dem Zusammenbruch zu schützen?“
Schreckliche Nebenwirkungen
Pharmaunternehmen leiden unter Klagen gegen die Nebenwirkungen ihrer Medikamente. Der Lipobay-Skandal hat jüngst das ehemalige IG Farben-Unternehmen Bayer arg gebeutelt. Aber als Anleger führte man die allgemeinen Kursverluste eher auf auslaufende Patente, leere Produktpipelines, Unsicherheiten des Gesundheitswesens und eine restriktivere Zulassungspraxis seitens der amerikanischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde zurück.
Jetzt jedoch lehrt uns die „Geschichte“, dass die Pharmabranche strukturell so marode ist, dass sie vor der Konkurrenz der nebenwirkunsgfreien Naturheilpraxis - sie vertritt zufällig Dr. med. Matthias Rath - sogar „langfristige internationale Konflikte, Kriege“, gar „den Einsatz von Massenvernichtungswaffen“ dazu benutzt, „einen psychologischen Zustand der Angst zu erzeugen“, um ihre „globale Kontrolle aufrechtzuerhalten“ und „jegliche Opposition auszuschalten“.
Jede gute Verschwörungstheorie muß einen wahren Kern haben. Tatsächlich schreibt die „Washington Post“ heute über die gewaltigen Summen, mit denen die amerikanische Pharmaindustrie die letzten beiden Wahlkämpfe der Republikaner unterstützt haben: 30 Millionen für Bushs Partei, nur acht Millionen für die Demokraten. Jetzt scheint die Saat aufzugehen. Präsident Bush hat gestern seine Pläne zur Privatisierung der bundesstaatlichen Krankenversicherung Medicare vor der amerikanischen Ärztevereinigung bekräftigt und heftigen Applaus geerntet. Einem Kritiker der Demokraten kommt der Plan vor, als bitte man die Pharmaunternehmen, die Gesetzentwürfe selbst zu schreiben.
Ungewiss bleibt nach all dem nur, ob zur Verschwörung der Pharmazeuten auch ein Mittel gegen Verschwörungstheorien gehört, das man vielleicht schon bald unserem Trinkwassser beimengt. Doch selbst wenn es der Pharma-Industrie gelänge, ein Mittel gegen Alzheimer auf den Markt zu bringen - die Nebenwirkungen wären in jedem Fall schrecklich, wie die Anzeige von Dr. Rath zeigt. Denn gegen historische Analogien wären selbst Jürgen Kluges eiserne Standards machtlos.