27.07.2010 · Oliver Stone plant eine zehnteilige Dokumentarserie über die „geheime Geschichte Amerikas“ und bringt bereits in einem Interview vorab die abgenutzteste aller Verschwörungstheorien auf den Tisch: die von der „jüdischen Dominanz“ in den amerikanischen Medien.
Von Andreas KilbLange nichts gehört von Oliver Stone. Früher begann in seinen Filmen jeder Tag mit einer Schusswunde oder einer Weltverschwörung, heute scheint sich der alte Krawallkämpe mit Fortsetzungen einstiger Erfolge – siehe „Wall Street 2“ – zu begnügen. Aber halt, einen Pfeil hat er noch im Köcher! In der „Sunday Times“ vom vergangenen Sonntag kündigt Stone an, dass er eine zehnteilige Dokumentarserie über die „geheime Geschichte Amerikas“ plant. Mindestens eine Folge soll dabei von Hitler und Stalin, den alten Amis, handeln.
Bei den Recherchen zu seinem Thema hat der Meister auch schon einiges herausgefunden, das er dem „Times“-Reporter brühwarm serviert. Zum Beispiel dies: „Hitler war ein Frankenstein, aber es gab auch einen Doktor Frankenstein. Deutsche Industrielle, die Amerikaner und die Briten. Er bekam eine Menge Unterstützung.“ Oder das hier: „Hitler hat dem russischen viel mehr als dem jüdischen Volk geschadet.“
Versuch einer Entschuldigung
Auf die Frage, wie es dann komme, dass über den Holocaust so viel mehr berichtet werde als über die Folgen des „Unternehmens Barbarossa“, legt Stone dann die wirklich abgenutzteste aller Verschwörungstheorien auf den Tisch: die von der „jüdischen Dominanz“ in den amerikanischen Medien. Es gebe eine große Lobby in den Vereinigten Staaten, „die mächtigste in Washington“, die in jeder Debatte die Oberhand behalte. Kann es sein, dass der Regisseur von „Platoon“ und „Natural Born Killers“, der als Freiwilliger in den Vietnamkrieg zog, hier wieder mal die Nebelkerze mit der Signalrakete verwechselt hat? Stone selbst hat einen jüdischen Vater und eine katholische Mutter, gilt aber bei allen Lobbyisten in Washington als der eigentliche Gottseibeiuns im Showbusiness. Aber solche Feinheiten haben unseren Mann noch nie interessiert, schon gar nicht, seit er mit Richard Nixon, Fidel Castro und Alexander dem Großen die großen Männer der Geschichte für sich entdeckte. Zwischen den natural born killers und den geborenen Schwätzern besteht womöglich eine Affinität, über die sich die Psychoanalyse noch nicht genügend Gedanken gemacht hat.
Übrigens hat sich Stone gleich nach dem Interview für seinen Lobby-Ausrutscher zu entschuldigen versucht: Die Juden kontrollierten „offensichtlich weder die Medien noch irgendeine andere Industrie“. Was Hitler, Frankenstein, die Großindustrie und Amerika betrifft, bleibt Oliver Stone bei seiner Darstellung.