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Versal-Eszett : ẞ, ß

Jetzt offiziell als Großbuchstabe: Unicode U+1E9E alias Versal-ẞ. Bild: dpa

Das große Eszett ist da! Aber wofür braucht man das? Und warum kann man es kaum von seinem kleinen Bruder unterscheiden?

          Cui bono? Können Sie den Quatsch verstehen? Den, der über dieser Glosse steht? Der erste Buchstabe ist groß-, der zweite klein geschrieben, aber sieht man ihnen das an? Wozu sollte man das auch? Deutsche Worte, die mit ß beginnen, gibt es nicht, Worte aus anderen Sprachen, die das täten, gibt es ebenfalls nicht. Aber das große ß, wahlweise auch Eszett oder scharfes S geschrieben, weil man ihm ja im Gegensatz zu anderen Buchstaben nicht anhört, was es ist, gibt es seit vorgestern trotzdem, dem Rat für deutsche Rechtschreibung (heutzutage muss es ja bürokratisch sein) sei Dank.

          Und es gibt auch die Eszet-Schnitten, benannt nach den Firmengründern Staengel und Zille. Deren Schokotäfelchen könnte man nun als „ẞ-Schnitten“ etikettieren. Oder es gibt die geschätzte Mitbewerberin aus München, die „Süddeutsche Zeitung“, im Alltag zärtlich umschmeichelt als „S.Z.“ – auch da könnte man in Zukunft Platz sparen, und nachdem die „Sächsische Zeitung“ sich vor Jahren die Netzdomäne „sz-online.de“ sichern konnte, wäre vielleicht „ß-online.de“ eine subtile bayerische Revanche. Aber dafür braucht’s die Großschreibung beim scharfen S ja nicht einmal.

          Wieder eine Untat

          Wozu braucht man sie dann? Weil Sprachexperten einen Trend zu Versalien beobachtet haben wollen, und bei deren Gebrauch musste man bislang ein großes ß immer als SS schreiben (Paragraph 25 E3 des amtlichen Regelwerks, heutzutage muss es ja bürokratisch sein). Die Buchstabenkombination SS erweckt im Deutschen keine positiven Assoziationen, also könnte man die Einführung des als Maßnahme historischer Korrektheit betrachten.

          Das wird aber erstaunlicherweise gar nicht angestrebt. Stattdessen verweist der Rat für deutsche Rechtschreibung auf die in Ausweispapieren übliche komplette Großschreibung von Namen, bei der bislang nicht ersichtlich wurde, ob jemand etwa Groß oder Gross heißt (heutzutage muss es ja . . . – Sie wissen schon). Mag sein, dass so etwas Frau Groß belastet hat. Aber konnte sich der Rat für deutsche Rechtschreibung nach all dem Unsinn, den er in den vergangenen Jahrzehnten auf seinem Feld angerichtet hat (nicht zuletzt beim Umgang mit dem Buchstaben ß), nicht wenigstens die Mühe machen und einen winzigen Teil jener sechs Jahre, die seit der vorherigen Neuregelung der Schlechtschreibung vergangen sind, auf Fragen von Typographie verwenden? Der Auftrag an einen Schriftgestalter, die amtliche Einführung eines großen ß, Eszett oder scharfen S durch einen geeigneten Druckbuchstaben zu ergänzen, der nicht aussieht wie der kleine – das wäre eine Tat gewesen! Doch der Rat hat wieder eine Untat begangen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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