Mallorca: Der größte Käfer
Im Frühjahr fuhren wir für drei Wochen nach Mallorca. Mama, Papa, Hans und Jim. Das Wetter war herrlich, die Kinder spielten zum ersten Mal am Strand, und als wir zurückkamen, sagten fast alle: „Drei Wochen? Da habt ihr euch bestimmt toll erholt.“ Haben wir? Für uns war es der erste Urlaub mit zwei Kindern, und obwohl wir wussten, dass es anders sein würde, packten wir trotzdem zu viel ein. Zu viele Bücher, die wir in Sonnenliegen lesen wollten, und zu viel Sportausrüstung, um Ausflüge zu unternehmen. Ich hatte mir natürlich außerdem eine Liste von Museen gemacht, die wir nie besuchten. Stattdessen hat Hans in diesem Urlaub die Worte „Käfer“, „Ameise“, „Kellerassel“ und „Schnecke“ gelernt. Auf der Terrasse bestaunte er eine Ameisenstraße. Unter den Blättern der Kletterpflanzen fand er Schnecken. Im Schatten rollte er einen Stein zur Seite, um zu sehen, wer darunter lebt. Bei unseren täglichen Spaziergängen, die uns selten weiter als einmal um das Haus herum führten, traf er in der Einfahrt schließlich einen Käfer, der größer war als alle Käfer, die er kannte. Diesen Käfer haben wir für ihn gefilmt. Es ist ein Film über den Mikrokosmos geworden, in dem wir unseren Urlaub verbracht haben. Wochen später, als wir wieder zu Hause waren, besuchten wir alle ein Museum, die Kunsthalle Mannheim. Dort steht in einem Saal die riesige schwarze Skulptur des Bildhauers Tony Cragg. „Großer Käfer“, sagte Hans ernst. Es war einer unserer besten Urlaube.
JULIA VOSS
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Rom: Nicht ohne meinen Fernseher
Es ging nach Rom in den Herbstferien, mal nur Mutter und Sohn, keine kleine Schwester, kein Vater. Rom schien die richtige Mischung aus Sonne, Denkmälern und gutem Essen zu sein, um bei entspannten Stadtspaziergängen mehr über meinen dreizehnjährigen Computerfan zu erfahren, der sich zu seinem Bedauern und mit mäßigem Erfolg mit Latein herumschlagen musste. Man würde mal wieder reden, wozu das pubertierende Kind keine Lust hat, wenn die berufstätige Mutter gerade Zeit für Fragen findet. Zu sportlich sollte es auch nicht sein. Einige Jahre zuvor hatten wir beide es mit einer mehrtägigen Radtour versucht, die in Aschaffenburg mit heftigstem Muskelkater (bei mir) im strömenden Regen vorzeitig beendet wurde. Wir sind keine Radfamilie.
Also Rom, Don Camillo und Peppone im Gepäck, aber ohne Skateboard. Die Sonne macht mit, das Hotel ist nett, von außen. Das Zimmer nicht, der Blick aus 614 geht nicht auf die Ewige Stadt, sondern die kahle Hinterhofwand. Die Mutter reklamiert, entschlossen, sich und dem Sohn Blick zu verschaffen. Mit Erfolg, aus 640 erspäht man zumindest etwas römisches Straßenleben, kleine Bars, Cafés, Vespas.
Ein Krach folgt. Dem Sohn liegt nichts am Blick, sondern mehr am schicken Flachbildfernseher aus Nummer 614, das neue Zimmer hat nur ein altes Modell zu bieten. Ich weigere mich, noch mal zu wechseln. Der Disput wird in den folgenden Tagen immer dann virulent, wenn sich die Fernsehfrage stellt. Bedauerlicherweise kann aber auch das alte Modell deutsche Privatsender mit peinlichen Gerichts- und Heiratsshows empfangen. In der notwendigen Siesta zwischen Colosseum, Forum Romanum, Petersplatz und Spanischer Treppe schaut mein Sohn „Fisch Fiete“ und „Bauer sucht Frau“, kein Entkommen für die Mutter. Es reift der Gedanke, beim nächsten Mal zwei Zimmer zu mieten.
Rom ohne Petersdom? Der Sohn mag die Spaziergänge, der Lateinunterricht hat für erstaunliche Geschichtskenntnisse gesorgt, an denen ich teilhaben darf. Der Sohn steht aber nicht gern Schlange, auch ist das Interesse an Kirchen nicht so ausgeprägt wie in Rom wünschenswert. Immerhin lässt er sich in Maria Maggiore locken und amüsiert sich wie ein Kleinkind, als er entdeckt, dass man die elektronische Kerzenanlage überlisten kann: Wenn man den Finger in die Spendenbox steckte, glaubt der Sensor, es wäre eine Münze, die Kerze leuchtet ohne Spende.
Der Petersdom-Besuch erweist sich als schwieriger. Die Schlange, die sich vormittags, im Regen, um den Platz vor dem Dom windet, schreckt auch mich. Ein zweiter Anlauf am letzten Tag erfordert ein mütterliches Machtwort. Wir stehen tatsächlich vor acht vor der Kirche, noch fast menschenleer, man kann in Ruhe schauen. Begeistert ist nur die Mutter. Bis wir aufs Dach steigen. Zum herrlichen Blick gibt es sogar Espresso da oben. Der Sohn schaut. Und springt. Die Treppen auf dem Dach des Petersdoms eignen sich offenbar bestens zum Proben virtueller Skateboardfiguren. Nun sind beide zufrieden. Und werfen später ein paar Münzen in den Trevibrunnen.
HEIKE GÖBEL
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Föhr: Ein neues Wort taucht auf
In Oldsum auf der Insel abends mit den Gastgebern im Garten. Die Kinder sind irgendwo. Ein Haus entfernt oder zwei Straßen weiter, wer weiß. Ab und zu hört man sie lachen, aufkreischen, oder sie jagen Clayton hinterher dem Hund von nebenan, oder schießen einen letzten Ball ins Gebüsch. Genau kann man es nicht sagen, dazu ist es zu dunkel. Man kann nicht einmal sagen, welche Kinder überhaupt. Dazu sind es zu viele, die eigenen daruntergemischt. Die Kinder nehmen hier Schwarmform an. Manchmal rauschen sie kurz im Dunkeln vorbei, trinken was, wir sind jetzt bei . . . bevor man auch nur versteht, bei wem, schon wieder weg. Ab und zu Weinen, eines ist gefallen oder bekam einen Ball an den Kopf, hinter der Weinenden mitfühlende Abordnungen, ungeduldig auf Heilung der Schwarmunterbrechung wartend. Sechsjährige sagen um zehn, sie gingen noch mal los, und nehmen Dreijährige mit, während sie selbst Achtjährigen hinterherlaufen, die ihnen den geheimen Durchgang irgendwo da hinten bei Hauke Nissen zeigen wollen. Mutprobenschwärme, Bullerbüdurchquerungen, Urlaub von der elterlichen Sorge. Keiner kann überfahren werden, die Einheimischen rasen nur auf den Landstraßen und in den Ortsdurchfahrten, da allerdings gewaltig, doch offenbar auch mehr im Winter als im Sommer. Still genug, um Kinder noch von ferne zu hören, ist es überdies. Man hört und schaut irgendwann sowieso nicht mehr nach. Urlaub von der elterlichen Sorge auch für Eltern. Doch eine Sorge gibt es. Sie lautet „Fettexplusion“. Nelja aus dem Schwarm, Gastgebersküken, ist in der freiwilligen Feuerwehr und hatte Übung. Auf der gewarnt wurde vor Fettexplosionen beim Löschen. Das Wort wird zum Wort des Sommers, zum Symbol des unverstandenen Schreckens, der überall lauern mag. Lustgruseln. Einmal wacht Emma sogar nachts auf, teilt schluchzend Angst vor einer Fettexplosion mit. Kann man ausräumen. Aber es selbst, das Wort, bleibt tagsüber herrlich. So herrlich, dass es von den Kindern vier Wochen lang gesagt werden muss, bei jeder Gelegenheit. „Wir frühstücken im Garten.“ - „Aber macht mir keine Fettexplusion!“ - „Ich glaube, es gewittert.“ - „Nö, das ist bestimmt eine Fettexplusion.“ Dutzende von Witzen seitdem mit expludierendem Fett. Oder Ausrufe mitten im Alltag zu Hause. Die Umherstehenden wissen nicht, was gemeint ist. Das Ferienwir schon.
JÜRGEN KAUBE
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Tirol: Murmeltiertag
Es ist ein Experiment, und wir haben extra drei Nächte gebucht, damit ein Scheitern nicht die Familienferien verdirbt: Osttirol, eine Hütte des Alpenvereins, Halbpension jenseits der Baumgrenze. Wenn die letzte Gondel die Tagestouristen abholt, gehören der Berg, der Blick und die überklare Luft beinahe nur noch uns. Gemächlich trottet Grauvieh zum Melken in Richtung Sennerei. Verwaist scheint selbst der Erlebnisspielplatz ein Hort der Stille.
Wir wollen wandern. Die Kinder sind mit drei und sechs Jahren zu groß, um in Kiepen die Gipfel hochgeschleppt zu werden. Auf Ausdauer und sportlichen Ehrgeiz können wir noch nicht zählen. Deshalb sind wir einsichtig, als der Hüttenwirt am ersten Morgen rät, auf Touren und Steigungen zu verzichten, die die Kleinen vergrätzen könnten. Wir haben ohnehin fast nicht geschlafen, weil der Dreijährige so viel gewimmert hat. Das totale Schwarz der Nacht war ihm zu viel. Von dem einen Stockbett unseres Zimmers aus war das andere nicht zu sehen. Als der Junge krachend aus dem Bett stürzte, mussten wir auf dem Boden nach ihm tasten. Was tröstet es da, wenn der Himmel mit Sternen übersät ist? Wo zum Teufel sind die Taschenlampen?
Am zweiten Tag dann wollen wir hoch hinaus. Bloß nicht mit den Tagesausflüglern in großen Schwüngen die Hänge hinab spazieren, brummt der Hüttenwirt, das sei wie Autobahn. Seine Empfehlung heißt Hexenseehütte. Traumschön und einsam, dreieinhalb Stunden Wanderzeit allein der Hinweg, mit kleinen Kindern an einem Tag nicht zu schaffen. Er aber fahre später mit dem Jeep hinauf und könne uns mit zurücknehmen. Bis um vier hätten wir Zeit. Und nein: Leider gebe es dort oben weder eine Kühltruhe noch Eis als Köder, als Belohnung, als Ziel. Dann lädt er die Kinder ein, sich noch vor dem Aufbruch ein Lieblingseis auszusuchen: Er werde es für sie hinauffahren.
Wir brauchen tatsächlich den ganzen Tag. Auf einem Bergkamm fangen wir Wolkenfetzen. An einem besonders steilen Abhang bibbern wir um die Kinder und umklammern sie dann. Wenn die Kraft nachlässt, kramen wir nach Keksen und erfinden Rätsel und Geschichten. Als der Kleine einschläft, keuche ich mit ihm auf dem Rücken zum nächsten Pass hinauf. Ständig wechselt das Panorama. Es gibt Bergrücken wie Samt, schroffe Zacken, Elefantenrücken, Seehundschnauzen, Wattewolken. Das Moos leuchtet, der Himmel ist unverschämt blau. Trotzdem scheint der letzte Aufstieg zu viel verlangt. Und schon halb vier. Da sitzt vor uns im Gras ein Murmeltier. Fast zum Greifen nah: Es sitzt. Es guckt. Es dreht sich ins Profil. Es macht zwei Sprünge. Es guckt wieder. Und verschwindet erst, als wir Fotos in Tierkalenderqualität besitzen. Der Rest des Weges - ein Kinderspiel. In der Tür der Hexenseehütte steht unser Wirt. Mit seinem Fernglas verfolgt er unseren Anmarsch schon eine Weile. Zwei Cornetto Erdbeer, bitte. Und zwei Bier. Mann, sind wir stolz.
JULIA SCHAAF
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Pompeji: Das Kind bricht aus
Es war der Wutausbruch aller Wutausbrüche, ein epischer Ausbruch, der eigentlich ganz gut in die Landschaft passte, schließlich befand sich das Hotel am Golf von Neapel und war also ausbruchsmetaphorisch ideal situiert. Leider war unser Kind in diesem Augenblick lauter als der Vesuv und auch viel näher, jeglicher Fluchtversuch zwecklos. Nichts half. Das eigentlich so ruhige vierjährige Mädchen hatte sich in eine Ganzkörpersirene verwandelt, zu keiner Interaktion mehr fähig. Es klopfte an der Hotelzimmertür und dann, einige Zeit später, klopfte es wieder. Die freundlichen Menschen boten an, wahlweise einen Arzt, die Feuerwehr, die Carabinieri oder Mickymaus anzurufen, alles, damit es wieder so beschaulich würde wie zuvor an diesem schönen, schwülen süditalienischen Sonntag. Was war es auch für ein wirklich schöner Tag gewesen, bis dahin. Wegen der Heftigkeit des Ausbruchs, der einmalig geblieben ist, ist mir auch der ganze Tag noch gut im Gedächtnis, und im Rückblick ist das auch ganz hilfreich, weil er nun wie ein Rezept dienen kann, den perfekten, den größten Wutausbruch aller Zeiten herbeizuführen. Achten Sie auf Schlafmangel, er ist die Basis für jedes anständige Desaster. Wir hatten am Abend zu vor eine Hochzeit gefeiert, das Kind war dabei, solange es konnte, dann aber war sein Bett so günstig positioniert, dass die ersten Sonnenstrahlen es gegen halb sechs zur morgendlichen Spielrunde weckten, mit einem Bruchteil der gewohnten Schlafzeit. Und gut, dass es so früh losgeht, denn hier ist man nicht alle Tage, und dem Kinde soll etwas geboten werden. Auch mit viereinhalb soll es die Ruinen von Pompeji besuchen dürfen, man kann gar nicht früh genug anfangen. Da das alles Zeit braucht, ohne langes Frühstück ins Auto und zu den weiten Anlagen der pompejischen Überreste. Dort vergisst man alles, es werden ja letzte und existentielle Fragen gestellt, das Kind holpert in seiner Joggerkarre über die alten Pflaster. Es ist schwül, das Desaster rückt näher, aber man braucht Stunden in den alten, fast baumlosen Anlagen. Essen sollte man dort nicht einnehmen, alles üble Touristenfallen, wie ja auch schon das vor vesuvische antike Städtchen, da hat sich insofern nichts geändert. Irgendwann ist es dann gut, und man kann zum Hotel zurück - dass man den Abend dort nicht vergessen wird, das weiß man da ja noch nicht. Der Parkplatz ist etwas außerhalb, die Betontreppe bröckelt, und das Kind wackelt sie zögernd herab, merkt sich, was die Eltern den ganzen Tag über das Schicksal Pompejis erzählt haben und erkennt, „Das muss einmal eine Treppe gewesen sein!“ Wenn Sie Schlafmangel, schwüles Wetter und Dauerprogramm kombinieren, kann eigentlich nichts mehr richtig gehen. Aber eine Ingredienz brauchen Sie noch zur absoluten Kernschmelze, und das könnte der Besuch des Schwimmbads sein. Wohlmeinend bietet man diese Abkühlung an - doch das Baden und Spielen im Wasser ist auch anstrengend und baut den Blutzuckerspiegel so gründlich ab wie sonst kaum eine Tätigkeit, und das war es dann. Das Daueraufheulen erschüttert elterliche Nerven, und man verliert das Zeitgefühl. Das erste vernehmbare Wort des Kindes nach dieser unvergesslichen Kernschmelze war übrigens „Hunger“. Und so erschloss sich dann auch noch der letzte Baustein für solch einen unvergesslichen, auch dem Hotelpersonal unvergesslichen Ferientag: Während all der Stunden, die Sie dem müden Nachwuchs die Bildungsgüter Europas nahebringen, es in vulkanisch-schwülem Wetter herumfahren und -schieben, müssen Sie auch unbedingt versäumen, ihm eine Mahlzeit zu servieren. Vielleicht ist auch dieser letzte Punkt der wichtigste auf dem Weg zum perfekten Desaster: Kaum servierte man einen Teller Pasta und einen Schokoriegel, hatte das Kind alles vergessen - den Eltern hingegen ist dieser Tag in Pompeji unvergesslich.
NILS MINKMAR
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Schneekoppe: Die Gipfelwagenstürmer
Mit Kindern verreisen: so viel mehr Spaß, so viel mehr Aufregung. Und so viel mehr mitzunehmen, vom Kind selbst mal ganz abgesehen. Als Alleinreisender habe ich schon meine Zahnbürste, meinen Führerschein sowie Haus- und Wohnungsschlüssel vergessen, auf drei Reisen verteilt immerhin, was das Ganze nicht erfreulicher machte; mit Kindern unterwegs aber steigt das Risiko, etwas zu vergessen, ins Unermessliche. Haben wir genug Windeln eingepackt? Und die Babykost der bevorzugten Marke? Wo steckt das Kuscheltier? Als unsere Älteste klein war, nahmen wir selbst die kleine Plastikwanne mit, in der wir sie badeten, allerdings nur bei Reisen mit dem Auto. Und immer hat man irgendetwas falsch verstaut, so dass man nicht rankommt. Als wir einmal, Gott weiß warum, den absonderlichen Plastikspielzeugkopf auf Rädern mitnahmen, der beim Rollen immer „Huiii“ machte, tat er ebendas auch im Kofferraum. Zwei Stunden Fahrt hoch zur Ostsee, in jeder Kurve „Huiii“. Lustig ist das Familienleben!
Immer gut aber ist es, einen Kinderwagen dabeizuhaben. Einen Tragesitz natürlich auch, aber in einem Wagen schläft das Kleine ja doch bequemer, und auf Dauer ist die Schlepperei schon auch anstrengend. Vorm Fußmarsch auf die Schneekoppe vergangenen Sommer hatten wir unsere Jüngste natürlich trotzdem in die Trage gepackt, fragten aber den einheimischen Parkplatzwächter nur mal so, ob man den Weg denn auch mit Kinderwagen schaffen könne. Klar, sagte der Mann, kein Problem. War es Deutschenfeindlichkeit? Oder einfach nur die polnische Grundüberzeugung, dass man sich überall, egal wie, schon durchwursteln kann? Wir legten das Baby also in den Kinderwagen.
Für die anderen Wanderer waren wir eine echte Konkurrenz zur streckenweise spektakulären Aussicht. Irritierte, auch mitleidige Blicke säumten unseren Weg, der von Meter zu Meter steiniger und steiler wurde. Niemand außer uns schob einen Kinderwagen. Um umzukehren, waren wir längst viel zu weit, den Kinderwagen am Waldrand stehenlassen wollten wir nicht, auch wenn die Gefahr, dass ihn jemand ausgerechnet hier mitnahm, recht gering war. So quälten wir uns mit dem filigranen Stadtwagen die Buckelpiste hoch. Hätte ein Eimer Sahne im Wagen gelegen, er wäre längst zu einem Batzen guter Butter geworden, die Kleine aber schien das Schütteln nicht zu stören. Wie viele Stunden das so ging, weiß ich nicht mehr, es fühlte sich an wie die längste Wanderung meines Lebens. Als wir dann endlich zwar nicht auf dem Gipfel, aber in gut tausend Meter Höhe auf der Terrasse der Berghütte saßen, auf den malerischen Teich schauten, unsere Kleine vergnügt juchzte und die Große zufrieden Piroggen aß, spürte ich, so dämlich die ganze Aktion gewesen war, einen gewissen Stolz, wie ihn nur ein Familienvater empfinden kann: auf die Erstbesteigung der Schneekoppe mit einem Kinderwagen. Leider mussten wir noch wieder runter.
JÖRG THOMANN
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Lesbos: Eine Handvoll Fragen
Können Steine glücklich sein? Woher weiß der Frosch, dass er ein Frosch ist? Und kann ein Fußboden träumen? Wenn Kinder Fragen stellen, kann das Erwachsene manchmal in den Wahnsinn treiben. Auch, weil es oft gar nicht so einfach ist, vernünftige Antworten zu geben. Und weil Kinder, statt sich mit halben Erklärungen abzugeben, nachhaken: Und woher weißt du das? Je schwieriger ihre Fragen sind, umso größer ist die Freude der Hamburger Philosophin Kristina Calvert. Sie liebt es, mit Kindern über knifflige Fragen nachzudenken. So kam ein griechischer Hotelier auf die Idee, sie in sein Haus auf Lesbos einzuladen. Dort haben wir sie kennengelernt. Dass jeder philosophieren kann, auch Kinder, davon ist sie überzeugt. Und hat uns damit begeistert. Untergebracht im Hotel „Daphnis und Chloe“, haben unsere Kinder dann eben nicht nur jeden Tag Fußball auf der großen Wiese gespielt und sind zum Baden und Schnorcheln ins Meer gegangen. Sie saßen außerdem im Kreis unter dem schattigen Blätterdach eines riesigen Baums im Hotelgarten und haben mit Kristina Calvert philosophiert. Ich habe mich dazugeschlichen, denn ich war skeptisch. Schließlich sollten unsere Kinder sich am Meer erholen und nicht auch in den Ferien noch die Schule besuchen. Doch die Zweifel schwanden bald. Und irgendwann übertrug sich die Denklust sogar auf mich. Mit ansteckender Begeisterung debattierte Kristina Calvert mit den Kindern Fragen wie: Ist sieben viel? Wie groß ist das Universum? Kann ein Fußball ein Freund sein? Jedem fiel etwas dazu ein, und so entstand ein Netz aus Ideen und Fragen, und bald diskutierten die kleinen Philosophen über Gott und die Welt. Am Ende gab es freilich nie richtige Lösungen. Aber im Schatten des großen Baums sind die Kinder den Rätseln des Lebens näher gekommen - und der Erkenntnis, dass man in alle Richtungen denken darf. Es wohnt uns einfach inne, nach Sinn zu suchen, sagte Kristina Calvert und holte eines ihrer „Begriffsmoleküle“ hervor. Die aus Styroporkugeln und Verbindungsstäbchen gebastelten Bäumchen ließen sich wunderbar behängen - und halfen, neue Gedanken anzustoßen. Und während die Kinder laut vor sich hin dachten, standen die Eltern in der offenen Küche am Feigenbaum und bereiteten das Nachtmahl vor. Schöner ist es nirgendwo - dachte ich leise.
SANDRA KEGEL