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Vermeer: Ausstellung in Rom Was ist das, Licht?

Die Lust am Leben blitzt uns aus den niederländischen Gemälden des 17.Jahrhunderts entgegen. Doch Künstler, wie Jan Vermeer van Delft, waren auf mehr aus - auf die Gesetze der Optik, die Rätsel des Lichts. Eine wunderbare Ausstellung in Rom huldigt nun Vermeer.

© Museum Vergrößern Egal, wer sie und wo sie ist, Vermeers „Mädchen mit rotem Hut“ ist da, um die Farbenspiele des Lichts zu feiern.

 ROM, 5.Oktober

Menschen, die in einem Zimmer zu Hause sitzen - ganz einfach, ganz alltäglich. Wie konnte dieses denkbar anti-allegorische Motiv zu einem großen Wurf der Kunstgeschichte werden? Unter den Niederländern, die im siebzehnten Jahrhundert die Wohnzimmergemälde perfektionierten, war Jan Vermeer der Lakonischste, Rätselhafteste. Seine Lautenspielerin aus New York - jetzt Prachtstück der römischen Ausstellung in den Scuderie del Quirinale - treibt die optische Bedeutungszerstörung auf die Spitze: eine Studie in Fahl.

Graues Licht ergießt sich breiig auf die weißliche Haut der Musikerin, die in einer dämmrigen Kammer unter einer unerkennbaren Landkarte abwesend zum Milchglasfenster schaut. Wenn es hier ein Thema gibt, das unseren Blick wie magisch anzieht und das Bild auf unserer Netzhaut festbrennt, dann ist es das Licht selbst.

So geht es mit fast allen Vermeers: Wir kennen nicht die Namen der Abgebildeten. Wir wissen, dass die Gemälde uns keine konzise Geschichte von Familienleben, Liebesbeziehungen oder Politik erzählen; und von Religions-Metaphern sowieso keine Spur. Ein einziges aus dem halben Dutzend anwesender Originalwerke des Genies - eine ebenfalls New Yorker Allegorie des katholischen Glaubens - zerstört denn auch sofort den Zauber: Eine pompöse Matrone hockt unter einer Kreuzigungsleinwand auf einer halbverhüllten Weltkugel, während unten ein Stein (oder gar eine Bibel?) eine Schlange blutig zerquetscht. Das Arrangement ist so idiotisch beziehungsreich, dass angesichts der zahlreichen noblen Interieurs ohne Geschichte Vermeers Geheimnis umso offenbarer wird. Es ist das Geheimnis jedes großen Kochs: Nur nicht das Rezept verraten.

Gesetze der Optik, Rätsel des Lichts

Das holländische Publikum jener Jahre der frisch unabhängigen Republik hatte augenscheinlich genug Spaß an der akribischen Darstellung bürgerlicher Gemütlichkeit im Kabinett: glänzende Kachelböden, spiegelnde Gläser, voluminöse seidene Überröcke, irdene Kannen und etwas Kupfernippes im Kamin - was braucht ein gutes Gemälde mehr? „Fijnschilderij“ - Feinmalerei lautete der damalige Fachbegriff im Kunsthandel.

Und Spezialisten wie Pieter de Hooch, Gabriel Metsu oder Gerard ter Borch lieferten von diesen unaufgeregten, innigen Beobachtungen die Renner. Die wunderbare Schau in Rom hat sich aus den damals schon höchstbezahlten Meisterwerken der Feinmaler fleißig aus Privat- und transatlantischen Sammlungen bedienen können.

Und der hingerissene Betrachter weiß nicht, was zuerst bestaunen. Die Glanzspiegelung auf einem Messingeimer bei ter Borchs „Dame, die einen Brief siegelt“? Oder doch de Hoochs Sonnenlicht in den Butzenscheiben? Naturgemäß hatte die Kunsthistorikerin Svetlana Alpers recht, als sie in ihrer genialen Deutung über die „Wirklichkeit der Bilder“ von einer schlichten Allegorese absah: Zuerst einmal sind diese raffiniert gezoomten Interieurs optische Traktate über den Fall des Lichts und die Gesetze des Sehens. Wie neugierige Naturforscher legen die Maler die Wohnzimmerwelt ihrer Mitbürger unters Mikroskop und bestaunen das Gewimmel der Gegenstände und Gesten.

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