24.06.2011 · Das Lyrikfestival Berlin testet den Marktwert der Poesie
Pecha Kucha ist eine japanische Vortragstechnik, die ihren Anwender zwingt, das, was er zu sagen hat, mit Hilfe von zwanzig Bildern, die für je zwanzig Sekunden an eine Wand geworfenen werden, dem Publikum zu verkaufen. Die als "wirres Geplapper" übersetzbare Technik weist in ihrer Eloquenz Ähnlichkeiten mit dem gleichfalls japanischstämmigen Haiku auf. Es irritiert also nur im ersten Moment, auf dem Berliner Poesiefestival einen Programmpunkt zu finden, der einen "performativen Marktplatz" für die typischerweise marktscheue Lyrik verspricht. Was hat sie uns also zu verkaufen, die Dichtung der Gegenwart? Nicht viel Neues, scheint es zunächst, jedoch allerhand neu Erzähltes.
Der Festivaldirektor Thomas Wohlfahrt etwa rief rituell nach einem nationalen Poesiezentrum. Die Kookbooks-Verlegerin Daniela Seel wollte partout "ins Narrativ" geholt werden. Jörn Dege "pitchte" seine Lyrikzeitschrift "Edit". Auch wenn das Internet heutigen Jungautoren den ketterauchenden Erstverleger erspare, sei der Trend zum eigenen Lyrikband nicht zu übersehen. Anders als in obskuren Facebook-Gruppen heiße es in "der Edit" eben nicht: "Soundsoviele finden das auch gut." Sondern: "Da hat eine ganze Redaktion unbezahlt gearbeitet, damit ihr das lesen und kaufen könnt."
Einen anderen Ansatz verfolgt Andreas Heidtmann vom virtuellen Poetenladen, der sich dem typografischen Gedicht ebenso liebevoll widmet wie, vertreten etwa durch Elke Erb, dem poetologischen Diskurs. Allerdings werden auch "lyrische Grabsteine" gepflegt sowie kleine Nationalanthologien erstellt. Darin findet sich ein Autor, der hierzulande nahezu unbekannt, in Amerika jedoch ein Star ist, bereits zweimal als Poet Laureate den amerikanischen Präsidenten beraten durfte und mit seinen Gedichten regelmäßig in der durch Robert Altman berühmt gewordenen Radioshow "A Prairie Home Companion" auftrat. Der Verfasser äußerst amüsanter, lakonischer und, wie seine Kritiker monieren, eingängiger Gedichte war nun erstmals mit seinem allzeit bühnentauglichen Programm nach Deutschland gekommen.
Zur Eröffnung las Collins gemeinsam mit acht weiteren Autoren im Gorki Theater: "Heute morgen, als ich am Ufer des Sees entlanglief, / verliebte ich mich in einen Zaunkönig / und später am Tag in eine Maus - / die Katze hatte sie unter den Esszimmertisch gelegt." Das Gedicht heißt "Ziellose Liebe" und die Liebe der Berliner war er gewiss, wobei sie weniger den poetischen als den parodistischen Teilen galt. Ron Winkler, Collins Übersetzer, vergab in einem "Dichtergespräch" die Chancen für kritische Nachfragen. Immerhin konnte, wer wollte, sich eine neue Definition von Poesie zulegen: "Poetry does not go to the edge of the page."
Interessante Einsichten bot auch der "Transakustikforscher" Jörg Piringer. Von ihm erfuhr man, dass ein SMS-Versprecher der frisch gebackenen Eltern des kleinen Maxi ("Wir freuen uns über die Geburt des kleinen Nazi") über eine eigene poetische Strahlkraft verfügt. Die Wurzeln solcher Schrägheiten verwies man im "Instituto Cervantes" in einer Ausstellung zur Konkreten und Visuellen Poesie vertreten durch Eugen Gomringer und Bartolomé Ferrando. Passend zum Schwerpunkt zur arabischen Welt (F.A.Z. vom 21. Juni) widmete man sich der Dichtung sogenannter Migranten.
Seit Jahren fordert die Festivalleitung ein nationales Poesiezentrum. Obwohl man grundsätzlich aller Kultur die größtmögliche Unterstützung wünschen mag, zeigt sich gerade in Berlin, dass offenbar auch ohne Intervention der Bundeskulturpolitik heftig in diesem Land gedichtet wird. Das allzeit gut besuchte Festival ließ keinen Zweifel daran, dass Lyrik auch gelesen wird. Und man leistete sich einen kommunistischen Gesangstar. Silvio Rodríguez sorgte im Foyer des Gorki Theaters für tumultartige Ausschreitungen. Eine offenbar zu allem entschlossene und nicht ausreichend mit Einlasskarten versehene Berliner Kubafraktion bildete einen hippie trail bis zur Akademie der Künste, wo Rodríguez anderntags auftrat. Die Latte für das Abschlusskonzert von Peter Licht, Gustav und Thomas Meinecke hing also auch politisch hoch.KATHARINA TEUTSCH