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Verleihung des Michael-Althen-Preises 2013 : Licht aus Haßfurt

Annete Rückert von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überreicht Willi Winkler den Michael-Althen-Preis 2013 Bild: Jens Gyarmaty

In Berlin wurde zum zweiten Mal der Michael-Althen-Preis verliehen. Der Preisträger Willi Winkler ist ein subtiler und wacher Beobachter, der sich in den entscheidenden Momenten zurückhält.

          Mit der Trauer ist es wie mit der Liebe: Sie bricht aus wie ein Sturm, hüllt alles ein, wird dann ruhiger, präziser, ohne an Intensität zu verlieren, und nimmt schließlich feste Formen an. Die öffentliche Form der Trauer um den 2011 gestorbenen Filmkritiker Michael Althen ist der Michael-Althen-Preis, den diese Zeitung gestiftet hat. Seit vergangenem Jahr wird der Preis im Deutschen Theater zu Berlin verliehen. Die erste Verleihung wirkte noch ein wenig wie eine Gedenkfeier, bei der es weniger um die Preisträgerin, die Journalistin Sarah Khan ging als um den Namensgeber selbst. Mit der zweiten, kann man sagen, hat der Preis sich etabliert.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn es geht um Journalismus beim Althen-Preis, genauer gesagt: um Kulturjournalismus, um das, was sich den Vergabekriterien der gängigen Journalistenpreise entzieht, die mal Reportagen, mal Essays prämieren, hier die Wühlarbeit des Rechercheurs, dort den rhetorischen Glanz des Großdenkers. Auf keins von beiden zielt der Michael-Althen-Preis. Mit ihm wird keine Übererfüllung professioneller Standards, kein Spitzenprodukt der Reportergilde belohnt, sondern eine Haltung: eine Beziehung zum Gegenstand, sei es ein Kunstwerk, ein Ereignis oder ein Mensch, welche die eigene Emotion, den eigenen Blick in die Betrachtung einbezieht. Man könnte es die Kunst des Nachempfindens nennen. Michael Althen war ein Meister dieser Kunst. Aber es gibt auch andere, die sie beherrschen, und deshalb gibt es den Preis, der seinen Namen trägt.

          Michael Althen (1962-2011)
          Michael Althen (1962-2011) : Bild: Frank Röth

          In diesem Jahr bekam ihn der Autor, Journalist und Übersetzer Willi Winkler für ein Porträt des Schriftstellers Karlheinz Deschner, das in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen ist. Winkler hat Deschner in seinem Haus in Haßfurt zwischen Würzburg und Bamberg besucht und dort den fast lautlosen Furor eines Mannes eingefangen, der seit siebenundzwanzig Jahren an einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ schreibt, die er jetzt, mit dem zehnten Band, als Fragment abgeschlossen hat. In jedem Lexikon, online oder gebunden, erscheint Deschner als „Kirchenkritiker“. Winkler, genauer und unverblümter, nennt ihn Kirchenfeind. Zugleich blickt er mit melancholischer Sympathie auf den freundlichen Gelehrten in seinem unterfränkischen Idyll, der sich an das, was er hasst und mit der Inbrunst des Moralisten bekämpft, lebenslang gekettet hat.

          So entsteht das Bild des sanftesten Fanatikers, den man sich vorstellen kann. In seiner kurzen Dankrede ließ sich Winkler von Deschners Wahrheitszorn forttragen und ohrfeigte die eigene Branche, die den bischöflichen Tropf aus Limburg derzeit ebenso verteufele, wie sie den vormaligen Papst aus Oberbayern angehimmelt habe. Sein Text über den Besuch in Haßfurt verzichtet auf solche Giftpfeile. Er sagt fast alles, was es über die „Kriminalgeschichte“ zu sagen gibt, durch den Mund des Porträtierten. Und er erinnert daran, dass Deschner, bevor er zu seinem Feldzug gegen das Christentum aufbrach, einer der hellsten literaturkritischen Köpfe der fünfziger Jahre war, ein Mann, der sich mit Hesse, Jünger und der Gruppe47 anlegte und bei Max Frisch einen „kurorthaften“ Ton diagnostizierte. Am Ende leuchtet das Bild des Eremiten von Haßfurt heller als die Fama vieler Fernseh-Intellektueller, die sich als Denker ihrer Zeit aufspielen dürfen.

          Es war ein Abend unter Freunden. Und doch war es auch ein Abend für die Öffentlichkeit, für alle jene, denen die Zukunft des Kulturjournalismus nicht gleichgültig ist. Iris Berben, die Präsidentin der Deutschen Filmakademie, erinnerte mit bewegenden Worten an den Kritiker Althen, der die Kunst beherrscht habe, sich selbst beim Zuschauen zuzusehen. Und Tom Tykwer als Sprecher der Jury schwärmte von den vielen großartigen Texte, die er durch seine Jurorentätigkeit habe lesen dürfen. Es ist nicht das Schlechteste, wenn das deutsche Feuilleton, statt das Bühnengeschehen im Land zu beschreiben, auch einmal selbst auf der Bühne steht. Möge der Michael-Althen-Preis noch viele Jahre lang dafür sorgen.

          Quelle: F.A.Z.

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