28.03.2003 · Der Berlin Verlag verläßt Random House. Damit endet eine fast fünfjährige Zusammenarbeit, die 1998 mit einem schweren Seufzer begonnen hatte. Denn als Verlags-Chef Arnulf Conradi damals die Unabhängigkeit aufgab, sprach die Branche von einem Menetekel.
Von Hubert SpiegelBislang gehörte es zu den Pflichten der Bertelsmann-Manager, Verlagen, die gerade unter das Konzerndach geschlüpft waren, eine glanzvolle Zukunft zu garantieren. Mit stets denselben euphorischen Worten begrüßten die wechselnden Chairmen und CEOs des größten Verlagskonglomerats der Welt die Neuankömmlinge und sicherten ihnen zu, was immer das nervös pochende Verlegerherz begehrte.
Das waren vor allem zwei Dinge: viel Geld und die Freiheit, es nach eigenem Ermessen auszugeben. Das nennt man verlegerische Unabhängigkeit, sie ist ein hohes Gut in der Welt der Bücher. Zu haben, so schien es, war sie jedoch fast nur noch in den starken Armen des Leviathans aus Gütersloh.
Jetzt hat der Leviathan seinen Wortschatz um einige Abschiedsformeln erweitert: "Wir danken Herrn Dr. Conradi für seine verlegerische Arbeit und für seinen hervorragenden Beitrag zum literarischen Leben der Bundeshauptstadt Berlin. Wir wünschen ihm für die Zukunft des Berlin Verlags viel Erfolg", heißt es in einer Pressemeldung, mit der Random House die Trennung vom Berlin Verlag bekanntgibt.
Mit Wirkung vom 1. März ist Arnulf Conradi alleiniger Inhaber des Verlags. Damit endet eine fast fünfjährige Zusammenarbeit, die 1998 mit einem schweren Seufzer begonnen hatte. Denn als Arnulf Conradi damals die Unabhängigkeit aufgab, sprach die Branche von einem Menetekel.
Abenteuer Qualität
Der Berlin Verlag, 1994 von dem ehemaligen Cheflektor des S. Fischer Verlags und seiner Frau Elisabeth Ruge gegründet, war ein Liebling der Buchhändler und der Kritik. Nach Jahren unablässiger Konzentrationsbewegungen und angesichts der schier übermächtigen Konzerne Holtzbrinck und Bertelsmann durfte jeder, der das Abenteuer der Unabhängigkeit wagte, um gute Bücher zu machen, mit viel Sympathie rechnen. Zwar hatte es auch in den Jahren zuvor immer wieder Verlagsneugründungen gegeben, aber nur auf der Ebene der Klein- und Kleinstverlage. Der Berlin Verlag jedoch hatte vom ersten Tag an eine stattliche Größe. Drei Jahre lang war er jung, schön, strahlend, ein kleines Wunder.
Umso herber war die Enttäuschung, als die Mehrheitsanteile 1998 an Bertelsmann verkauft wurden. Conradi betonte damals, er habe handeln müssen, solange er noch freien Verhandlungsspielraum hatte. Auf Dauer, so die damalige Einschätzung des Verlegers, habe ein belletristischer Verlag mittlerer Größe ohne Unterstützung eines Konzerns kaum eine Überlebenschance. Conradi aber wollte die Zukunft seines Verlages sichern, und er wollte expandieren. In enger Zusammenarbeit mit dem Siedler Verlag entstand ein Sachbuch-Segment.
Später wurde der Taschenbuchverlag BvT gegründet, der jedoch fatale Konsequenzen zeitigte: Die hohen Lizenzgebühren, die zuvor auf dem hart umkämpften Markt der Paperbacks erzielt worden waren, fehlten nun in der Kasse. In den fetten Jahren hätten die Konzernherren darüber vielleicht hinweggesehen, aber nun, da die Geldmittel knapper und die Renditeforderungen höher werden, muß Conradi in Argumentationsnot gekommen sein. Sein Schritt in die Unabhängigkeit soll verhindern, sagt Conradi, daß "der Verlag immer stromlinienförmiger" werde. Stromlinienförmigkeit aber ist das eigentümliche Konzept, mit dem Konzernverlage die Gewinnerwartungen ihrer Chefmanager zu befriedigen versuchen.
"Dann bin ich pleite"
Nun steht Arnulf Conradi dort, wo er vor mehr als neun Jahren begonnen hatte: Er braucht einen Investor. Damals fand er mit Siegfried Unseld, dem Suhrkamp-Teilhaber Andreas Reinhart und Graf von der Goltz, dem Bevollmächtigten der Quandt-Familie, versierte und potente Gesellschafter. Heute stehen die Verhandlungen mit einem neuen Geldgeber kurz vor dem Abschluß.
Namen will Conradi jedoch nicht nennen, bevor die Verträge unterschrieben sind. Branchengerüchte haben den Berlin Verlag mit mindestens fünf Interessenten in Verbindung gebracht, darunter die schwedische Verlagsgruppe Bonnier, der durch "Harry Potter" sagenhaft reich gewordene Londoner Bloomsbury Verlag, der "Spiegel"-Verlag, Feltrinelli sowie eine private Investorengruppe. Zwei bis drei Wochen könne es noch bis zum Vertragsabschluß dauern. Was passiert, wenn die Gespräche in letzter Minute scheitern? "Dann bin ich pleite."
Nach dem Sachbuchverlag Frederking & Thaler, der Anfang letzten Jahres von seinen Gründern zurückgekauft wurde, ist der Berlin Verlag nun der zweite Verlag, den Random House innerhalb kurzer Zeit wieder "in die Unabhängigkeit entläßt", wie es ein Unternehmenssprecher formuliert. Zwei Verlage verlassen die Konzernmutter, vierzig Kinderchen bleiben.
Taschenbuchkartell
Läßt sich daraus ein Trend ableiten? Wohl kaum, aber ein Strategiewechsel scheint sich abzuzeichnen. Offenbar schickt sich Random House an, den kleinen Markt anspruchsvoller Literatur mehr und mehr den unabhängigen Verlagen zu überlassen und sich ganz auf das profitablere Geschäft mit Unterhaltungsliteratur und Taschenbüchern zu konzentrieren. Der Berlin Verlag sollte ein belletristisches Aushängeschild für Random House sein, daß man jetzt nicht mehr so dringend benötigt, zumal in der Zwischenzeit auch Luchterhand erworben wurde.
Daß man Conradi, der wohl nicht viel mehr als eine symbolische Summe bezahlt haben dürfte, nun ziehen läßt, dürfte aber auch mit kartellrechtlichen Erwägungen zu tun haben. Denn vor sechs Wochen hat Random House mit Ullstein-Heyne-List die drittgrößte Verlagsgruppe in Deutschland übernommen und damit seinen Umsatz rein rechnerisch von 240 auf 420 Millionen Euro gesteigert (F.A.Z. vom 12. Februar). Vor allem auf dem Taschenbuchmarkt entsteht nun eine Situation, die das Kartellamt als unzulässig betrachten könnte. Da kann es nicht schaden, wenn man sich von einem kleinen Taschenbuchverlag wie BvT trennt, um den Hütern des Marktes seinen guten Willen zu beweisen.