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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Vergleichskultur Wir Lutheraner

 ·  Bereitschaft zur Selbsthilfe: Reformationshistoriker Steven Ozment vergleicht Martin Luthers Konzept der Armenfürsorge mit Angela Merkels Währungspolitik.

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Martin Luther wurde verantwortlich gemacht für: die Reformation (und die Gegenreformation, die ohne die Reformation ja so gar nicht denkbar gewesen wäre), den Nachweis der Unbedenklichkeit der Ehen christlicher Priester, die deutsche Hochsprache, prima Flüche in der deutschen Hochsprache, Hamlet, den Nachweis der Nützlichkeit des Buchdrucks, den Dreißigjährigen Krieg (also den Nachweis der Schädlichkeit des Buchdrucks), das Wort „Beruf“ samt ernster Einstellungen zur Sache, das evangelische Pfarrhaus, also Mörike, Preußen, die deutsche Nation, die deutsche Gemütlichkeit, den deutschen Untertanengeist, die Empfehlung regelmäßigen Geschlechtsverkehrs in Ehen (auch von Nichtpriestern) sowie den deutschen Geburtenrückgang nach 1965.

Ganz Europa dienend

Es ist klar, dass dabei mitunter eine gewisse historische Umwegkausalität am Werk gewesen sein musste, aber - siehe unter „Buchdruck“ - da Luther auch für Begriffe wie „Innerlichkeit“, „Buchstabenglaube“ und „Lesevolk“ verantwortlich gemacht werden kann, lieferte er sogar die wichtigsten Voraussetzungen seiner eigenen Fernwirkung. Die hört mit der deutschen Mutter, deren Nichtberufstätigkeit er ebenfalls erfunden haben soll, lange nicht auf. Jetzt nämlich hat der Reformationshistoriker Steven Ozment aus Harvard in der „New York Times“ Martin Luther auch noch als Vater der Währungspolitik Angela Merkels ausgemacht. Luthers Konzept der Armenfürsorge habe statt Almosen kommunale Kredite unter Vorbehalt der Bereitschaft zur Selbsthilfe vorgesehen. Wer in Zeiten eigener Not von der Gemeinschaft profitiere, möge sich durch Willen zur Selbständigkeit und spätere Auffüllung der Gemeindekasse revanchieren. Na, wenn das nicht Merkels, der Pfarrerstochter, Europa ist! Niemandem in Europa unterworfen, ganz Europa dienend, so sähen sich die Deutschen, genau wie der freie Christenmensch in Wittenberger Deutung.

Da schauen wir nun in den historischen Spiegel, wir modernen Lutheraner: workaholistische Hamlets mit regelmäßigen gemütlichen wenngleich kinderfolgenlosen Besuchen bei der Hausfrau, im inneren Besitz von Mörikegedanken und voller Ingrimm gegen Eurobonds zugunsten katholischer Tagediebe. Welcher Deutsche fühlte sich hier nicht erkannt, beim geheimen Namen gerufen, geradezu geistig erwischt! Oh, Geisteswissenschaftler, wie macht ihr das nur? Na, ja, wir wissen schon. Ihr steht zu euren Klassikern, ihr könnt nichts anderes.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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