13.09.2003 · Für die umstrittene RAF-Ausstellung in Berlin liegt jetzt ein neues Konzept vor. Demnach soll es in der Ausstellung um den Niederschlag von Terror in der Kunst gehen. Möglich sei eine „Fallstudie am Beispiel der RAF“.
„Die Kunst muß im Mittelpunkt stehen“, heißt es in einem überarbeiteten Konzept der Berliner Kunstwerke (KW) zu der für 2004 geplanten und bereits stark umstrittenen Ausstellung über die Rote Armee Fraktion. In dem dieser Zeitung vorliegenden Papier werden die Konsequenzen aus einer Debatte gezogen, in deren Verlauf Sorge vor einer "Mystifizierung der RAF" geäußert und seitens der Hinterbliebenen von Terrorismusopfern Kritik an öffentlichen Finanzierungsbeihilfen laut geworden war.
"Die Debatte, die über die unautorisierte Veröffentlichung eines internen, nicht von den KW verfaßten Dokuments in der breiten Öffentlichkeit ausgelöst wurde, zeigt zunächst, daß das Thema für große Teile der Bevölkerung von großer Wichtigkeit ist", heißt es nun. Unter den rund vierhundert Artikeln, die zum Thema erschienen sind, hätte sich jedoch "kaum eine Handvoll" mit der Kunst beschäftigt. "Durch die Debatte erwartet die breite Öffentlichkeit statt einer Kunstausstellung eine Ausstellung, die die historische Wahrheit über die RAF dokumentiert und darlegt", schreiben die Ausstellungsmacher und fügen an, nicht leisten zu können "was Jahrzehnte an historischer, publizistischer, soziologischer und anderer wissenschaftlicher Arbeit nicht geleistet haben: Ein abschließendes, abgerundetes Bild über einen Zeitabschnitt der bundesrepublikanischen Geschichte zu liefern."
Entmythologisierung
Am Ausgangspunkt der Überlegungen habe die Feststellung gestanden, "daß es eine sehr große Anzahl künstlerischer Objekte und Projekte gibt, die sich mit der RAF im engeren und weiteren Sinne befassen". Zugleich hätten sich die KW von Anfang an um Kooperationspartner bemüht, die diese Kunstausstellung wissenschaftlich begleiten und es dem Betrachter ermöglichen sollten, das Gesehene mit zeitgeschichtlichen Tatsachen "in Verbindung zu setzen und somit entmythologisieren zu können". Dieses Vorhaben einer Gegenüberstellung von Kunst und Historie sei durch die Debatte nun nicht mehr möglich. Zwischen dem staatspolitischen Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung und dem historisch-wissenschaftlichen Auftrag von Wolfgang Kraushaar und dem Hamburger Institut für Sozialforschung drohe die Kunst "zu einem bloßen Anhängsel zu werden".
In der von den KW mit diesem neuen Konzept avisierten Ausstellung soll es nun um "den Niederschlag von Terror in der Kunst" gehen, um "eine Fallstudie am Beispiel der RAF". Um die "Spektakularisierung des Terrors in den Massenmedien" und um die künstlerische Reflexion des Terrors als "traumatische Geschichte". Eine Rechercheliste spannt den Rahmen der künstlerischen Positionen dazu von Joseph Beuys und Wolf Vostell bis hin zu Filmemachern wie Andres Veiel und Lutz Hachmeister.
Re-Orientierung
Die Aufgabe, den Betrachtern der Ausstellung "einen Zugang zu den Fakten und Ereignissen und deren Aufarbeitung" zu gewähren, bleibe aber auch nach dieser "Re-Orientierung" der Ausstellung auf die Kunst weiterhin bestehen. Nur solle dies jetzt durch ein "dezentral organisiertes Beiprogramm" geschehen.
Angesichts der von Kulturministerin Christina Weiss ursprünglich für diesen Montag angesetzten, inzwischen aber verschobenen Neuverhandlung eines Finanzzuschusses durch den Hauptstadtkulturfonds beschränken sich die KW auf das, was sie als Kompetenz im Namen führen: auf Kunstwerke. Adrienne Goehler hat seitens des Hauptstadtkulturfonds den "Befreiungsschlag" am Wochenende begrüßt. Es sei zu hoffen, heißt es in ihrer Erklärung, daß sich nun die entsprechenden Einrichtungen aufgefordert sehen, mit ihren jeweiligen Mitteln die Ausstellung zu begleiten, "aber in eigener politischer Verantwortung und auf eigene Rechnung".