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Verfolgte Künstler : Das Haus der vergessenen Zeugen

Die Dichterin Mascha Kaléko, die 1938 emigrierte Bild: Museum Baden

Wie ein Besessener hat der Reporter Jürgen Serke die Schicksale verfolgter Künstler recherchiert. Seine Sammlung, die jetzt im Solinger Museum Baden ausgestellt wird, ist eine andere Literaturgeschichte, die an die vergessenen Zeugen des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert.

          Auch diese Geschichte beginnt 1968. Und erzählt doch nichts von dem, was gerade angesagt ist. Im „Jahr der Revolte“ fährt Jürgen Serke, damals Ende zwanzig, als Reporter der Nachrichtenagentur UPI in die Tschechoslowakei, wo er das Ende des „Prager Frühlings“ miterlebt. Statt die politischen Pflichttermine wahrzunehmen, besucht er lieber die Versammlungen der Schriftsteller, begegnet Milan Kundera und Václav Havel und lernt die Literatur des Landes, ihre subversiven Strategien und Renitenzpotentiale kennen. Dabei stößt er auch auf Biographien von Dichtern, die von den Nationalsozialisten verfolgt und vertrieben wurden: Ihre Schicksale lassen ihn nicht mehr los und werden, nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei, sein großes Thema.

          Die ersten Erträge seiner Recherchen erscheinen 1976 im „Stern“ und ergeben eine aufsehenerregende Serie, die im Jahr darauf zum Buch gebündelt wird: „Die verbrannten Dichter“. Was es an Literatur- und Lebens-, Leidens- und Liebesgeschichten zutage fördert, beschämt die in Werkimmanenz, Kanongläubigkeit und Ideologiekritik befangene Germanistik. Autoren wie Claire Goll und Irmgard Keun, Armin T. Wegner und Walter Mehring erlöst Serke aus jahrzehntelangem Schweigen. „Ich war der einsamste Mensch. Ich habe noch so viel zu sagen. Bleibt doch. Warum seid ihr denn nicht früher gekommen?“, fragt Wegner, den er in Rom aufspürt.

          Himmel und Hölle

          Die Wirkung des Buches ist längst nicht mehr überschaubar: So viele Nachdrucke, Wiederauflagen, Neuausgaben hat es ausgelöst. Der Folgeband, der „Die verbannten Dichter“ aus der DDR und den Ostblock-Staaten porträtiert, erscheint 1982 zu früh, um nicht zwischen die Fronten des Kalten Krieges zu fallen, und „Die Böhmischen Dörfer“, in denen Serke 1987 „verlassene literarische Landschaften“ entdeckt, können erst nach dem Ende des Warschauer Pakts ungeteilte Anerkennung gewinnen.

          Selbstporträt des Malers und Schriftsteller Peter Kien
          Selbstporträt des Malers und Schriftsteller Peter Kien : Bild: Museum Baden

          Doch Jürgen Serke ist nicht nur ein findiger Reporter, er ist auch ein passionierter Sammler: Erstausgaben, Briefe, Manuskripte, Zeitungsausschnitte, ganze Nachlässe und viele Fotos hat er von seinen Streifzügen mitgebracht. Im Museum Baden in Solingen, wo Teile daraus - so in „Liebes- und Musengeschichten“ bereits ausgestellt waren, hat seine von der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft erworbene Sammlung eine feste Bleibe gefunden. Was eine Dauerausstellung daraus zeigt, entwirft - über Zeit-, Sprach- und politische Grenzen hinweg - ein vielteiliges Panorama von Künstlerschicksalen in beiden totalitären Systemen: „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“.

          Eine andere Literaturgeschichte

          Vorbereitet wird der Besucher in einem kleinen Raum, in dem, wie am schwarzen Brett, Zeitungsartikel hängen. Die meisten von ihnen hat Serke geschrieben: Porträts, Begegnungen, Albumblätter und Reportagen über Autoren, erschienen in Wochen- und Tageszeitungen. Locker chronologisch geordnet und teilweise etwas angegilbt, wirkt das improvisiert und fast ein wenig eitel: Selbst Zeitungsblätter avancieren hier zu Museumsstücken. Doch ist es eher eine Geste der Bescheidenheit: Seht her, so, mit ein paar Presseberichten, hat es angefangen, und alle stammen von demselben Journalisten, der auf die gerade herrschende Farbenlehre keine Rücksicht nimmt.

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