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Verfolgte Künstler Das Haus der vergessenen Zeugen

 ·  Wie ein Besessener hat der Reporter Jürgen Serke die Schicksale verfolgter Künstler recherchiert. Seine Sammlung, die jetzt im Solinger Museum Baden ausgestellt wird, ist eine andere Literaturgeschichte, die an die vergessenen Zeugen des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert.

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Auch diese Geschichte beginnt 1968. Und erzählt doch nichts von dem, was gerade angesagt ist. Im „Jahr der Revolte“ fährt Jürgen Serke, damals Ende zwanzig, als Reporter der Nachrichtenagentur UPI in die Tschechoslowakei, wo er das Ende des „Prager Frühlings“ miterlebt. Statt die politischen Pflichttermine wahrzunehmen, besucht er lieber die Versammlungen der Schriftsteller, begegnet Milan Kundera und Václav Havel und lernt die Literatur des Landes, ihre subversiven Strategien und Renitenzpotentiale kennen. Dabei stößt er auch auf Biographien von Dichtern, die von den Nationalsozialisten verfolgt und vertrieben wurden: Ihre Schicksale lassen ihn nicht mehr los und werden, nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei, sein großes Thema.

Die ersten Erträge seiner Recherchen erscheinen 1976 im „Stern“ und ergeben eine aufsehenerregende Serie, die im Jahr darauf zum Buch gebündelt wird: „Die verbrannten Dichter“. Was es an Literatur- und Lebens-, Leidens- und Liebesgeschichten zutage fördert, beschämt die in Werkimmanenz, Kanongläubigkeit und Ideologiekritik befangene Germanistik. Autoren wie Claire Goll und Irmgard Keun, Armin T. Wegner und Walter Mehring erlöst Serke aus jahrzehntelangem Schweigen. „Ich war der einsamste Mensch. Ich habe noch so viel zu sagen. Bleibt doch. Warum seid ihr denn nicht früher gekommen?“, fragt Wegner, den er in Rom aufspürt.

Himmel und Hölle

Die Wirkung des Buches ist längst nicht mehr überschaubar: So viele Nachdrucke, Wiederauflagen, Neuausgaben hat es ausgelöst. Der Folgeband, der „Die verbannten Dichter“ aus der DDR und den Ostblock-Staaten porträtiert, erscheint 1982 zu früh, um nicht zwischen die Fronten des Kalten Krieges zu fallen, und „Die Böhmischen Dörfer“, in denen Serke 1987 „verlassene literarische Landschaften“ entdeckt, können erst nach dem Ende des Warschauer Pakts ungeteilte Anerkennung gewinnen.

Doch Jürgen Serke ist nicht nur ein findiger Reporter, er ist auch ein passionierter Sammler: Erstausgaben, Briefe, Manuskripte, Zeitungsausschnitte, ganze Nachlässe und viele Fotos hat er von seinen Streifzügen mitgebracht. Im Museum Baden in Solingen, wo Teile daraus - so in „Liebes- und Musengeschichten“ bereits ausgestellt waren, hat seine von der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft erworbene Sammlung eine feste Bleibe gefunden. Was eine Dauerausstellung daraus zeigt, entwirft - über Zeit-, Sprach- und politische Grenzen hinweg - ein vielteiliges Panorama von Künstlerschicksalen in beiden totalitären Systemen: „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“.

Eine andere Literaturgeschichte

Vorbereitet wird der Besucher in einem kleinen Raum, in dem, wie am schwarzen Brett, Zeitungsartikel hängen. Die meisten von ihnen hat Serke geschrieben: Porträts, Begegnungen, Albumblätter und Reportagen über Autoren, erschienen in Wochen- und Tageszeitungen. Locker chronologisch geordnet und teilweise etwas angegilbt, wirkt das improvisiert und fast ein wenig eitel: Selbst Zeitungsblätter avancieren hier zu Museumsstücken. Doch ist es eher eine Geste der Bescheidenheit: Seht her, so, mit ein paar Presseberichten, hat es angefangen, und alle stammen von demselben Journalisten, der auf die gerade herrschende Farbenlehre keine Rücksicht nimmt.

Was hier vor Augen geführt wird, ist nichts Geringeres als eine andere Literaturgeschichte. Das erste Kapitel überspannt gleich den ganzen Zeitraum, den Ernst Toller, Wolfgang Borchert und Jürgen Fuchs als Stafette durchlaufen: Aus Borcherts Briefwechsel mit Werner Lüning, dem Freund und Lehrlingskollegen in der Hamburger Buchhandlung, geht hervor, dass „Draußen vor der Tür“ auch Tollers „Der deutsche Hinkemann“ fortschreibt. Was Borchert für Jürgen Fuchs bedeutet, fasst eine Zeile aus „Unser Manifest“ zusammen: „Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin“, wird für den DDR-Bürgerrechtler zum Satz, der „mein Leben bestimmt und verändert, mich zutiefst herausgefordert“ hat. Die zunächst überraschende Trias erhellt auch die Ausstellungskonzeption von Jürgen Kaumkötter: Nicht Epoche, Herkunft, politischer Standort oder gar Bekanntheitsgrad bestimmen Auswahl und Zusammenstellung, vielmehr steht jeder Schriftsteller erst einmal für sich selbst.

Die Vergessenen rücken aneinander

Dieser Individualismus schützt die Autoren davor, zu Zeugen der Historie reduziert zu werden: Auf ihre Literatur, nicht auf zeitgeschichtliche oder biographische Aspekte wird abgehoben. So wird eine Spätentdeckte wie Else Lasker-Schüler, deren Vagabundieren zwischen lyrischem Überschwang und existentieller Ausweglosigkeit hier neben die Liebes- und Lebenstragödie von Inge Müller tritt, ähnlich groß vorgestellt wie zu Unrecht Vergessene. Der wohl Bedeutendste unter ihnen ist Hugo Sonnenschein: Im Prag von 1920 Mitbegründer der Kommunistischen Partei, aus der er 1927 wegen seiner Freundschaft zu Trotzki ausgeschlossen wird, macht er sich mit einem Dutzend Lyrikbänden einen Namen, wird 1940 deportiert, überlebt Auschwitz, aber nicht das Zuchthaus, in dem er wegen Kollaboration mit den Deutschen eine Haftstrafe verbüßt.

Bücher, Bilder und Briefe markieren Stationen, zwischen denen Lebensspuren erkennbar werden: etwa von Georg K. Glaser, der zwischen Deutschland und Frankreich, Literatur und Kunsthandwerk hin- und hergeworfen wird, oder von Walter Bauer, dem Arbeiterdichter der „Stimme aus dem Leunawerk“, der nach dem Krieg nach Kanada auswandert, studiert und deutsche Literatur unterrichtet. Karl Gerold, der legendäre Gründer der „Frankfurter Rundschau“, rückt da neben den DDR-Dramatiker Alfred Matusche, dem, dass Brecht ihm auf die Schulter klopfte, mehr geschadet als geholfen haben dürfte: „Bei Ihnen ist jede Zeile, die Sie schreiben, wahr.“ Von Wolfgang Langhoff und Heiner Kipphardt gefördert, von Peter Hacks und Heiner Müller bewundert, hat ihn das DDR-Theater zeitlebens als Außenseiter geächtet. Seine Stücke wurden als heiße Eisen gehandelt, die nur mit feuerfesten Regiehandschuhen oder besser erst gar nicht angefasst wurden. Dabei wären sie es wert, gegen die Ostalgie, die sie 2009, zum hundertsten Geburtstag, auf die Bühne holen könnte, verteidigt zu werden.

Wer kennt die Namen?

Wer zählt die Poeten, nennt die Namen? Von Adler, Hermann und H. G. bis zu Zweig, Arnold und Stefan reicht das Register. Die Ausstellung strebt keine Vollständigkeit an, sondern folgt der Subjektivität Serkes und schlägt die Brücke zur bildenden Kunst, wo das Museum Baden - mit der „Bürgerstiftung für verfemte Künste mit der Sammlung Gerhard Schneider“ - diesen Schwerpunkt schon 2004 ausgebildet hat. Zum Bindeglied wird dabei Peter Kien, ein Wiener Studienfreund von Peter Weiss, mit dessen in Theresienstadt ausgelöschter Doppelbegabung eine monographische Ausstellung bekannt macht: Sehnsuchtsdüster in seinen Stadtgedichten, vielseitig in schnell hingeworfenen Zeichnungen und Aquarellen, beweist er eine frühe, unvollendete Meisterschaft.

Die Kunstbestände des im gründerzeitlichen ehemaligen Rathaus von Gräfrath untergebrachten Museums sind nicht weniger reich an Entdeckungen: Denn wer hat schon einmal von Valentin Nagel, Georg Netzband, Kurt Tuch oder Oscar Zügel gehört? Verbindungen in die Region, wie sie Lasker-Schüler oder Wegner, beide in Wuppertal geboren, herstellen, werden hier - mit dem aus Solingen stammende Georg Meistermann im Mittelpunkt - weiter ausgeführt. Milly Steger, die Karl Ernst Osthaus 1910 als „Stadtbildhauerin“ nach Hagen engagiert, und Kurt Schwippert, der Bildhauer-Bruder des Bundeshaus-Architekten, sind ebenso vertreten wie der Mülheimer Otto Pankok oder der Kölner Graphikkünstler Gerd Arntz, den Serke noch im Amsterdamer Exil besucht hat und das Museum Ludwig gerade in „Köln progressiv“ rehabilitiert. Auch der in Remscheid geborene Bühnenbildner Teo Otto, der 1933 ans Zürcher Schauspielhaus floh, wäre hier gut aufgehoben.

Vergessene Zeugen des 20. Jahrhunderts

Der weitere Rundgang öffnet das Thema über 1989 hinaus in die Gegenwart: Auf dem Video „Barbed Hula“ der israelischen Künstlerin Sigalit Landau ist aus dem Stacheldraht ein Reifen geworden, den eine nackte, nur als Torso sichtbare Frau um die Taille schwingt. Die Fotografien von Wilfried Bauer, Robert Lebeck, Stefan Moses und Christian G. Irrgang, die Serke auf seinen Reisen begleitet haben, lassen eine Bildergalerie entstehen, die die Reportagen von einer anderen Seite belichtet: Die späte Genugtuung vieler Autoren, doch noch erinnert und wahrgenommen zu werden, findet in fragilen Posen der Selbstinszenierung ihren schüchternen Ausdruck.

Was im Museum Baden, an dessen Betreibergesellschaft die Stadt mit einundfünfzig Prozent (und gerade mal 214.000 Euro im Jahr) beteiligt ist, ins kollektive Gedächtnis zurückgeholt wird, ist in dieser Dichte und Dramaturgie ohne Vorbild: Die vergessenen Zeugen des zwanzigsten Jahrhunderts finden Aufnahme in einem Haus, in dem die Erinnerung an sie weiterlebt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass am 29. Mai 1993 bei dem Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in Solingen fünf Frauen und Mädchen ums Leben kamen: „Solingen“ - das war damals auch ein Synonym für Fremdenfeindlichkeit in Deutschland wie Hoyerswerda, Hünxe, Rostock-Lichtenhagen, Mölln. Insofern verändert das Museum auch das Bild dieser Stadt.

Museum Baden, Solingen-Gräfrath, Wuppertaler Str. 160. Die Dauerausstellung „Himmel und Hölle“ ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet; „Peter Kien“ und die Fotoausstellung „Die sich die Freiheit nahmen“ laufen bis zum 25. Mai. Die Kataloge kosten 36, 24 und 29 Euro und sind im Damm und Lindlar Verlag, Berlin, erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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