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Türkei : Ein Ja zum „Nein“

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Die Abstimmung prägt Stadt und Alltag: Blick aus der Straßenbahn in Istanbul auf ein Plakat mit der Aufschrift „Zuerst die Heimat. Natürlich Ja“. Bild: dpa

Die Türkei ist gespalten zwischen „Evet“ und „Hayir“, zwischen Ja und Nein zur Verfassungsreform. Entschieden ist die Sache längst nicht: Szenen aus Istanbul.

          Wenige Busminuten vom Istanbuler Vorort Tarabya entfernt liegt Sariyer, einer der letzten Häfen vor dem Schwarzen Meer. Da ich die Fähre nicht verpassen will, bin ich etwas früher gekommen und gehe noch ein wenig nach Sariyer hinein. Es sind die Tage vor der Abstimmung über das Präsidialsystem am 16. April. Ich habe die „Evet“-Stände erwartet, die mit türkischem Rot und dem Bild des Präsidenten, der die Hand auf sein Herz legt, für ein „Ja“ und damit für seine unumschränkte Macht werben.

          Was mich nun verblüfft, ist, dass direkt neben dem „Evet“-Stand auch ein „Hayir“-Stand mit Musik und Flugblättern zu einem „Nein“ auffordert. Das Logo der „Hayir“-Verfechter zeigt eine gelbe Sonne mit bunten Strahlen, wie mit Wachskreide gemalt; statt auf das Charisma des Präsidenten setzen sie auf das Lachen eines etwa zehnjährigen Schulmädchens mit langen dunklen Zöpfen. Selbstbewusst und brav (rosa Puffärmelbluse mit Kragen unter weißem Pullunder) sieht es den Betrachter an: „Für meine Zukunft: Nein.“ Eine Broschüre erklärt in zwanzig Argumenten, warum die Wähler mit „Nein“ stimmen sollen. Unter Punkt 5 wird gesagt, dass wer mit „Ja“ stimme, sich vorstellen dürfe, er werde dann nicht mehr wie in Deutschland, Frankreich, England, Amerika oder Japan leben, sondern wie in Syrien, Libyen, Ägypten, Nordkorea, Iran, Uganda.

          Aber der Präsident kennt die Zahlen

          Die Reise den Bosporus hinauf kostet fünfzehn Türkische Lira, also knapp vier Euro. Dies gilt als ein teurer Spezialpreis für die achtzigminütige Fahrt, während der das Schiff kaum anlegt. Es ist eine „Nostalgic Bosphorus Cruise“ vor allem für Touristen. Die normalen Fähren, die auch zu den kleinen Häfen kommen oder nur zwischen der europäischen und der asiatischen Seite hin- und herpendeln oder auf dem Goldenen Horn verkehren, kosten etwas mehr als fünfzig Cent.

          Das „Hayir“ ist vor allem auch kurdisch: Unterstützer der Oppositionspartei HDP tanzen bei einer Kampagne in Istanbul.
          Das „Hayir“ ist vor allem auch kurdisch: Unterstützer der Oppositionspartei HDP tanzen bei einer Kampagne in Istanbul. : Bild: AFP

          Der Tag scheint gemacht für das Wasser, und so steige ich in Eminönü nur aus, um dann wieder auf eine der Fähren zu gelangen, die die Arbeitenden abends wieder in ihre Dörfer oder Vororte am Bosporus zurückbringen. Das Schiff ist jetzt voller. Die Menschen tragen Aktenkoffer, Plastiktaschen, Rucksäcke. Sie fotografieren nicht mit ihren Handys. Die Fähre mäandert zwischen den Kontinenten den Bosporus hinauf. Es ist jetzt kalt, ich sitze innen hinter der Scheibe. Die europäische Seite liegt im Schatten, die asiatische wird vom späten Licht in ein leuchtendes Rosa getaucht. Holz, Stein, Beton der Fassaden werden zu Pergament und Seide.

          Neben mir diskutiert eine junge Frau lebhaft mit ihrer Freundin über Zahlen auf ihrem Handy. Ich meine Wortfetzen zu verstehen und frage nach. Es ist eine Statistik über den Stand der aktuellen Abstimmungsprognosen, aufgegliedert nach Städten. Die Nein-Stimmen lägen so gut wie überall vorne. In Istanbul sei das Verhältnis etwa vierzig zu sechzig. Aber der Präsident kennt die Zahlen auch, sage ich. Ja, sagt die junge Frau. Wir wissen nicht, was er macht. Vielleicht sagt er die Abstimmung ab. Vielleicht manipuliert er die Auszählung der Stimmzettel. Aber das sei heute mit den elektronischen Medien nicht mehr so einfach, sagt ihre Freundin.

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          Ich schaue wieder aus dem Fenster, und dann glaube ich nicht, was ich sehe: ein schwarzes Dreieck, dann noch ein schwarzes Dreieck. Nun wieder nur Wellen. Dann zwei schwarze Rücken. Delphine, rufe ich. Delphine! Die beiden Frauen lachen und nicken und nicken. Die Delphine begleiten uns, bis die schaukelnde Fähre einen Tankerriesen vorbeilassen muss.

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