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Verdun-Computerspiel „Valiant Hearts“ : Ohne einen einzigen Schuss

  • -Aktualisiert am

Große Kanonen, aber schießen darf man nicht im Weltkriegsspiel „Valiant Hearts“. Bild: Ubisoft

Das neue Computerspiel „Valiant Hearts“ ist ein Kriegsspiel, das an echten Schauplätzen des Ersten Weltkriegs stattfindet und doch verantwortungsbewusst mit der Geschichte umgehen will. Geht das überhaupt?

          Wer ein Computerspiel über den Ersten Weltkrieg produziert, tut gut daran, sich nach vielen Seiten hin abzusichern: Rund siebzehn Millionen Menschen sind im Laufe dieses Krieges gestorben, und es ist pietätlos, sogar zynisch, dieses Geschehen zur Folie eines Spieles zu machen, mit dem sich dann (spät-) pubertierende Jungs vor der friedlichen Wirklichkeit unserer Tage drücken.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dennoch birgt das Kriegsgeschehen zwischen 1914 und 1918 natürlich Geschichten, für die sich viele Menschen interessieren, warum also nicht auch die Game-Community? Erstaunlicher als das ist vielmehr, dass erst jetzt ein Spiel auf den Markt kommt, welches das Interesse dieser Community bedient, ohne die Würde der Opfer zu verletzen.

          Acht Stunden für die Schlacht von Verdun

          In „Valiant Hearts: The Great War“, das Ubisoft in seinen Studios in Montpellier entwickeln ließ und das am 25. Juni erscheint, findet sich der Spieler jedenfalls mitten in den berühmtesten Schlachten des Ersten Weltkriegs wieder und ist ständig vom Tod bedroht. Aber selbst töten, das kann er nicht. Diese Einschränkung ist, so paradox es klingt, gerade bei diesem Kriegsspiel indes nicht nur konsequent, sie ist auch der wichtigste Unterschied zwischen „Valiant Hearts“ und den vielen Ego-Shooter-Spielen, die an echte Kriege angelehnt sind. „Valiant Hearts“ ist eben kein Ego-Shooter, sondern eine hybride Mischung aus Action- und Abenteuerspiel sowie einer Lektion in Geschichte.

          Die vier Figuren, in deren Haut der Spieler nacheinander schlüpft, werfen sich ins Getümmel der Schlacht an der Marne, sie sehen Reims im Bombenhagel untergehen, erleben den ersten Gasangriff der Deutschen im belgischen Ypres und liegen in den Schützengräben bei Verdun. Zu all diesen Orten haben die Produzenten um Paul Tumelaire, der das Spiel gezeichnet und ihm eine etwas kindlich anmutende Trickfilm-Ästhetik gegeben hat, kleine Informationstafeln angefertigt, auf denen echte Fotos und kurze Texte die historischen Ereignisse erläutern - also etwa Auskünfte zu erstmals eingesetzten Waffen oder der Zahl der Gefallenen geben. Die (fiktive) Geschichte von Emile, Freddie, Anna und Karl, die in „Valiant Hearts“ erzählt wird, folgt dabei chronologisch stets dem Lauf der tatsächlichen Ereignisse.

          Über den Amerikaner Freddie beispielsweise, der, obwohl die Vereinigten Staaten ja erst 1917 in den Krieg eingriffen, von Anfang an Teil dieser Geschichte ist, lernen wir, dass er zu jenen etwa einhundert Amerikanern gehört, die zu Beginn des Krieges in die Fremdenlegion der französischen Armee eintraten. So steht er da, an der Gare de l’Est im September 1914, ein Mann wie ein Baum, das Képi tief in die Stirn gezogen. Am Anfang, und dies ist eines von mehreren bemerkenswerten Details in diesem Spiel, bewerfen ihn die Kameraden wegen seiner dunklen Hautfarbe noch mit Obst.

          Später wird er zumindest zu einigen von ihnen, vor allem zum Franzosen Emile, eine Freundschaft entwickeln. Emile seinerseits stammt aus einem Dorf nahe der deutschen Grenze und gerät früh in Gefangenschaft ausgerechnet in jenem Lager, in dem sein deutscher Schwiegersohn Karl stationiert ist. Als die Engländer das Lager bombardieren, gelingt Emile die Flucht. Fortan wird er sich, stets dicht an der Front, durch Belgien und Frankreich schlagen und Karl suchen.

          Es geht ums Überleben: Karl versteckt sich zwischen Schafen.

          Denn darum geht es in „Valiant Hearts“: Ums Überleben, aber auch um das Wiederfinden der Lieben, die man im Kriegsgetümmel verloren hat. Das Spiel macht sich damit eine Perspektive zu eigen, die man nicht nur, aber gerade auch in diesem Gedenkjahr bei künstlerischen Werken über den Ersten Weltkrieg immer wieder gesehen hat. Es geht hier weniger um Politik oder militärische Strategien, als um die Auswirkungen von beidem auf den Einzelnen. Dass es sich bei diesen Einzelnen um einfache Menschen handelt, die unter dem Krieg leiden, ist dabei ein Kunstgriff, der es erlaubt, echte Zeugnisse, etwa Briefe, ins Geschehen einzubauen, und der seine Wirkung auch deswegen nur schwer verfehlen kann.

          Ob’s am Hund lag? Einige Testpersonen sollen am Ende Tränen verdrückt haben.

          Mit einem gewissen Stolz haben Yoan Fanise und Simon Chocquet-Bottani, die beide die vergangenen anderthalb Jahre ihrer Arbeitszeit in Montpellier mit der Produktion dieses Spiels verbracht haben, bei der Präsentation in Paris jedenfalls erzählt, dass von den Testpersonen am Ende etliche ein paar Tränen verdrückt hätten.

          Ob es so weit kommt, wird jeder Spieler selbst entscheiden können. Fest steht aber, dass „Valiant Hearts“ mit seinem historischen Hintergrund verantwortungsbewusst umgeht, ohne dabei all jene Dinge aus den Augen zu verlieren, die für Computerspielfreunde von eigentlicher Bedeutung sein dürften: Mann muss Brücken sprengen, Gasangriffe stoppen, Freunde retten, den Feinden entkommen. Und je öfter das gelingt, desto schwieriger wird es natürlich beim nächsten Mal. Dass man etwa acht Stunden veranschlagen sollte, um „Valiant Hearts“ durchzuspielen, dürfte somit der einzige Euphemismus sein, den sich Ubisoft mit Blick auf sein neues Spiel erlaubt.

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