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Verdis „Attila“ in Wien Ein boshaft schwerer Abend

Endlich wieder ein zünftiger Opernskandal: Peter Konwitschny lockt Wien mit einem zwitterhaften Monstrum aus der Reserve. Seine Verdi-Inszenierung „Attila“ ist ein Comeback, über das man lachen und weinen kann - und ohne einen Tropfen Kunstblut.

© Monika Rittershaus Vergrößern Verdi-Schändung? Geldverschwendung? Für die Empfindlicheren unter dem Wiener Opernpublikum läuft es auf dasselbe hinaus.

Fünfmal will Kapellmeister Frizza den Einsatz geben. Fünfmal wird er ausgelacht und niedergebrüllt, er setzt sich ergeben wieder auf den Hocker. Vom Rang herab kräht ein Wiener auf echt Wienerisch etwas von „Verdischändung“, könnte auch „Geldverschwendung“ heißen oder „Steuerpfändung“, das ist, zumal bei diesem Tumult, für Nichtwiener nicht genau auszumachen. Im Parkett scheint man den Herrn aber verstanden zu haben, da juchzt und jubelt und schallt es wienerisch zurück, was für neue Heiterkeiten sorgt. Eine Dame verlangt auf Hochdeutsch „Weitermachen!“, das gibt Extra-Applaus. Dann versucht Riccardo Frizza ein sechstes Mal sein Glück, und diesmal wächst aus dem Graben, endlich, getragen von dunklen Streichern, die feierlich eingetrübte Mollkadenz, womit der dritte Akt der Oper „Attila“ von Giuseppe Verdi beginnt.

Eleonore Büning Folgen:  

Und obgleich die Geschichte von dem Hunnenkönig, der wie Holofernes ermordet wurde auf falschem Liebeslager, am Ende böse ausgeht und die Bühne, als wär’s die Götterdämmerung, übersät ist mit Toten: So viele freudig erregte, kathartisch aufgeräumte, erhitzte Gemüter hat das Theater an der Wien schon lange nicht mehr in die Nacht entlassen.

Peter Konwitschny ist wieder da

Endlich wieder ein zünftiger Opernskandal! Fast hatten wir schon nicht mehr daran geglaubt, dass sich das mit allen Kunstblutwassern gewaschene Stammpublikum noch einmal dazu aufraffen würde zu kämpfen um das Wahre, Gute, Schöne. Aber jetzt ist Peter Konwitschny wieder da. Der Veteran des sogenannten Eurotrash hat sich zurückgemeldet, in alter Frische, verjüngt, vergnügt. Nach einer langen Zeit der Flaute, in der dieser Regisseur sich, stranguliert vom Alltagsbetrieb als Chefdramaturg der Leipziger Oper, mit hybriden Reprisen selbst zermürbte, ist er wieder da, springt auf die Bühne, trägt frühlingsgrüne Turnschuhe und ein stolzes Lachen zur Schau. Er umhalst beim Schlussapplaus fast jeden einzelnen Sänger im Chor, dem er so viel akrobatische Leichtigkeit abverlangt hatte an diesem boshaft schweren Abend. Er verbeugt sich, gewiss auch demonstrativ, vor seinem Team, mit dem Rücken zum Publikum. Ein Witzbold, ein Dalk, ein Tunichtgut - Konwitschny feiert heute Abend sein Comeback, und er weiß: Es ist geglückt.

„Attila“, komponiert 1846 für das Teatro La Fenice, ist eine der verschütteten Oper aus Giuseppe Verdis sogenannten Galeerenjahren, in denen er, ein Mitdreißiger ohne Erfolg und Perspektive, um neue Formen des musikdramatischen Ausdrucks rang. Das Stück wird selten aufgeführt und wenn, dann in aller Regel konzertant. Es hat mehrere Librettisten verschlissen, steckt voll waffenklirrender Massenszenen und pathetisch-patriotischer Sturm-und-Drang-Ensembles, in denen konventionelle Formen der Belcanto-Oper sich mit Ansätzen individueller Charakterisierung kreuzen. Attila hat mit seinen wilden Horden das frühchristliche Italien erobert. Ezio, der Heerführer, den er unterwarf, bietet sich an als Verräter am eigenen Volk. Daraus ergibt sich alsbald die Gelegenheit für phantastische Bass-Bariton-Duette mit furiosen Cabaletten, in deren erster gleich vierzehn Mal der Satz gesungen wird: „Nimm dir das Universum, aber lasse mir Italien!“ - was Verdis Publikum zur Zeit des Risorgimento klar als patriotisches Kassiber begriff, ebenso wie das „Va’ Pensiero“ aus „Nabucco“.

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