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Venezianischer Karneval Unter Drachen und Löwen

27.02.2006 ·  Tausende Touristen bieten einen ebenso trostlosen Anblick wie Gruppenreisende mit Dreispitz und Friseurumhang oder Maskierte vom Tourismus-Amt. Deshalb will Venedig wieder Geld und Kreativität in seinen Karneval investieren.

Von Dirk Schümer
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Venedigs Karneval war über die Jahre zur seltsamen Großveranstaltung geworden, die nahezu ausschließlich von den Gästen finanziert und bespielt wurde. Nach Anfängen in den achtziger Jahren, bei denen Venezianer auf den Gassen in Kostümen der Casanovazeit ihre winterlich verlassene Stadt belebt hatten, strömten jährlich immer mehr schaulustige Fremde herbei, so daß den Einheimischen die Lust am Feiern verging und sich die meisten lieber zum Skilaufen in die Dolomiten verzogen. Tausende Touristen bieten einen ebenso trostlosen Anblick wie Gruppenreisende mit Dreispitz und Friseurumhang oder gar vom Tourismus-Amt bezahlte Maskierte.

Damit das nicht endlos so bleibt, hat sich Venedig nun dazu entschlossen, wieder Geld und Kreativität in seinen Karneval zu investieren. „Il drago e il leone“ - Drache und Löwe - lautet das Motto der Veranstaltung, deren Koordination derselbe Theatermacher Maurizio Scaparro übernommen hat, der bei der Frühblüte des Carnevale vor zwanzig Jahren seine Hand mit im Spiel hatte.

Nur ein paar Durchreisende

Der Löwe steht dabei für die Markusrepublik, der Drache für den Handelspartner aus Marco Polos Zeiten, dessen Dynamik heutzutage die Textilindustrie des Veneto das Fürchten lehrt: China. Auf dem Gelände des Arsenale richtete Scaparro eine „nicht-verbotene Stadt“ mit chinesischem Schattenspiel, Marionettentheater und Kindertheater ein, bei dem Bambini aus einer chinesischen Arbeiterkolonie bei Florenz Bürgermeister Cacciari ihre Version des Aschenputtel darbieten. So sollen die Venezianer wieder Lust auf Karneval bekommen.

Venezianischer Karneval: Unter Drachen und Löwen

Während der Markusplatz nur einen Laufsteg für kommerzielle Kostüme bietet, richtet sich ein Bühnenprogramm in der gesamten Stadt ans heimische Publikum. Da gibt es etwa eine Version von Carlo Gozzis Fernost-Märchen „Die Schlangenfrau“, die Pekingoper „Der Päonienpavillon“ oder eine Travestie des „Orlando furioso“. Rund ums Teatro Malibran, am historischen Sitz der Händlerfamilie Polo, wird tagelang aus dem Reisebericht des Sprößlings Marco rezitiert, wohingegen im Arsenal chinesische Kostüme von Bertoluccis „Letztem Kaiser“ und Illustrationen von Calvinos Chinafabel „Die unsichtbaren Städte“ zu sehen sind.

Das Fenice-Opernhaus brachte zum Auftakt - als Satire des venezianischen Konservativismus sozusagen - Ermanno Wolff-Ferraris „Quatro Rusteghi“ heraus: die goldonianische Komödie vierer verstockter Familienpatriarchen, die von neuen Sitten und Karneval nichts wissen wollen und am Ende von der List ihrer neugierigen Frauen überwunden werden. In Davide Livermores wundervoller Inszenierung leben diese Venezianer in den gerahmten Bildern ihrer Museen und werden dabei von japanischen Touristen eher am Rande wahrgenommen. Zur Premiere gab sich das lagunare Bürgertum saisontypisch in Pelzmänteln statt Masken. Nur ein paar Durchreisende erschienen mit Perücke und Bratenrock. Was die adäquaten Verkleidungen - ob Löwen- oder Drachenkostüm - angeht, ist für die kommenden Jahre noch viel zu tun im einigermaßen wiederbelebten Carnevale.

Quelle: F.A.Z., 27.02.2006, Nr. 49 / Seite 46
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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