Ich bin's leid, über Essen nachzudenken. Sie nicht? Das ist bis zu einem bestimmten Punkt interessant - macht fast Spaß, ist fast inspirierend -, aber über diesen Punkt sind wir seit ein paar Jahren hinaus. Jetzt ist es bestenfalls lästig. Finden Sie diese regelmäßige Flut von Meldungen, dass dieses oder jenes Nahrungsmittel gefährlich oder potentiell tödlich sei, nicht auch ermüdend? Wie eine verdeckte Ermittlung ergeben hätte, dass Massentierhaltung nicht nur unseren Wertvorstellungen widerspricht, sondern dass das Fleisch falsch etikettiert war? Haben wir nichts Besseres zu tun, als darüber nachzudenken, ob ein Hamburger zur Erderwärmung beiträgt? Doch. Aber wir haben nicht die Wahl.
Warum eigentlich nicht? Warum schützt uns niemand? Es steht doch so viel auf dem Spiel: unsere Gesundheit, das empfindliche Ökosystem, das Schicksal von Milliarden Tieren. Auch unsere Zeit. Drei Jahre habe ich an "Tiere essen" gearbeitet, in der Annahme, das Thema dann ad acta legen zu können. Aber ich schaffe es nicht. Die Sache lässt mich nicht los. Geht es Ihnen auch so? Ich bin kein Aktivist in irgendeiner Sache und auch nicht übertrieben gesundheitsbewusst. Ich bin im Grunde ein ganz normaler Esser. Ich mag schmackhafte Dinge, ich mag Essen, das relativ einfach und nicht teuer ist. Essen zählt für mich zu den schönsten und wichtigsten Freuden im Leben. Aber manche Dinge würde ich, genau wie Sie, einfach nicht essen.
Warum besteht bei Frauen, die Supermarktmilch trinken, eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie Zwillinge gebären? Warum kommen Mädchen fünf Jahre oder noch früher in die Pubertät als noch vor einer Generation? Warum gibt es bei Kindern plötzlich so viele Lebensmittelallergien? Warum wird bei Millionen von Menschen nach Fleischverzehr eine Lebensmittelvergiftung festgestellt? Warum geht das H1N1-Virus auf einen Schweinemastbetrieb in Amerika zurück? Warum wird immer wieder BSE-Alarm geschlagen? Warum ist Dioxin in unseren Lebensmitteln? Warum wurden wir unfreiwillig Objekte des größten wissenschaftlichen Experiments in der Menschheitsgeschichte?
Was, wenn es an uns wäre, herauszufinden, ob Spielzeugeisenbahnen giftige Farbe enthalten? Wenn wir, als Verbraucher, bei den Herstellern anfragen und ihren Angaben vertrauen müssten, obwohl wir von jahrelanger Manipulation und Täuschung wissen? Vielleicht würden einige von uns die Fabriken inspizieren, um selbst zu sehen, woher das Spielzeug kommt, das wir unseren Kindern schenken. Aber die meisten würden wahrscheinlich sagen, dass es genug anderes Spielzeug gibt, und beschließen, vorläufig vielleicht keine Spielzeugeisenbahn mehr zu kaufen.
Glücklicherweise schützt uns der Staat vor bleihaltiger Farbe. Doch sobald es um Lebensmittel geht - und jeder wird zustimmen, dass Essen wichtiger ist als Spielzeug -, verweigert uns der Staat seinen Schutz. (Es gibt zurzeit kein Land auf der Welt, das seine Bürger vor schädlicher, unmoralischer und giftiger Nahrung schützt.) Alle paar Monate, scheint es, wird ein neuer Fleischskandal gemeldet - aber ich habe noch keinen Bericht gelesen, dass Fleisch weniger schädlich, weniger unmoralisch oder sicherer sei als bislang angenommen. Unsere gewählten Volksvertreter interessiert das nicht.
Ergreift die deutsche Regierung alle nur denkbaren Maßnahmen? Offenbar nicht, denn in Deutschland ist Fleisch mit doppelt so viel Antibiotika belastet wie in Dänemark und dreimal so viel wie in Schweden. Schon in den Sechziger Jahren haben Wissenschaftler davor gewarnt, Tierfutter mit Antibiotika anzureichern. Heute führen so unterschiedliche Institutionen wie die American Medical Association, die Centers for Disease Control und die Weltgesundheitsorganisation die zunehmende antimikrobielle Resistenz auf den nichttherapeutischen Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung zurück und fordern ein entsprechendes Verbot. Wenn Tieren Medikamente verabreicht werden, damit sie schneller wachsen, führt das dazu, dass wir unseren Kindern im Notfall nicht mehr ähnliche Medikamente geben können. Doch der Staat schützt uns nicht. So wie er uns nicht vor einer Industrie schützt, die, nach UN-
Angaben, zu den Hauptursachen jedes größeren Umweltproblems auf der Welt gehört. So wie wir nicht vor Salmonellen oder E. coli oder Campylobacter oder Schweinegrippe oder Vogelgrippe geschützt werden.
Also müssen wir uns schützen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie wir das tun können: Entweder wir werden bewusste Verbraucher (wie derjenige, der Spielzeugfabriken inspiziert oder nur handgefertigte Spielzeugeisenbahnen kauft), oder wir essen so wenig Fleisch wie möglich (und kaufen andere Spielsachen). Mir gefällt die Idee von bewusstem Konsum, aber mir ist noch nie jemand begegnet, der dies auch praktiziert, wenn es ums Essen geht. Ein "konsumbewusster Allesesser" zu sein, heißt nicht, Biofleisch zu kaufen, wenn es gerade verfügbar ist, und ansonsten Fleisch aus Massentierhaltung zu konsumieren. Es bedeutet, dass man ausschließlich ökologisch erzeugtes Fleisch isst und sich ansonsten vegetarisch ernährt. Was angesichts der Dominanz der Massentierhaltung (95 Prozent des in Deutschland verzehrten Fleischs stammen aus Massentierhaltung) bedeuten würde, sich so gut wie immer vegetarisch zu ernähren.
Die andere Möglichkeit - die Möglichkeit, für die ich mich entschieden habe - besteht darin, so wenig Fleisch wie möglich zu essen. (In meinem Fall: überhaupt kein Fleisch.) Für mich ist das keine philosophische, sondern eine ganz praktische Überlegung. Mir liegt, genau wie Ihnen, die Gesundheit meiner Familie am Herzen. Mir sind, wie Ihnen, saubere Luft und sauberes Wasser wichtig. Und mir geht es, wie Ihnen, um eine artgerechte Tierhaltung.
In Amerika und Europa gibt es in Sachen Massentierhaltung inzwischen einen breiten Konsens. Sie steht in Widerspruch zu allem, was wir von unseren Eltern gelernt haben und was wir unseren Kindern beibringen. Vielleicht wird die Welt eines Tages anders aussehen, und wir werden luxuriöserweise darüber debattieren können, ob es grundsätzlich falsch ist, Tiere zu essen, doch im Moment stellt sich diese Frage nicht. (Eine Frage übrigens, die mir nicht unter den Nägeln brennt.) Im Moment ist Fleisch mit Dioxin belastet. Dazu nein zu sagen hat nichts Philosophisches.
Sollte ab sofort niemand mehr Fleisch essen dürfen? Das wäre schön, aber es ist nicht realistisch und nicht einmal notwendig. Müssen wir uns politisch engagieren? Das wäre schön, aber auch das muss nicht sein. Wir müssen aber damit aufhören, zu erwarten, dass der Staat uns schützt, und uns vielmehr selber schützen. Wir müssen nein sagen zu etwas, das wir mögen, im Interesse von Dingen, die uns noch wichtiger sind.
Und wenn wir dazu nicht nein sagen, wozu dann?
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Einfach nur ermüdend
Claus Behrens (chipin)
- 08.02.2011, 18:58 Uhr
Und der Käse? und das Gemüse? und das Obst?
Annegrit Voigt (die_ochsin)
- 08.02.2011, 19:04 Uhr
Hilarious!
Sam Tyler (InYourDreams)
- 08.02.2011, 19:08 Uhr
Fleischloses Leben, Ist das möglich?
Benjamin T. (Mojarra)
- 08.02.2011, 19:45 Uhr
Das Buch
Alex St (Neu89)
- 08.02.2011, 20:08 Uhr