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Varoufakis’ Mittelfinger : Die Lüge der echten Bilder

Er kann auch anders - Yanis Varoufakis. Bild: dpa

Jan Böhmermanns Satire war also nur ein Witz. Nur leider haben viele Journalisten noch immer nicht begriffen, dass man nicht lügen muss, um die Unwahrheit zu sagen

          Es war irgendwann am Mittag jenes so wunderbar verrückten Donnerstags, als der Programmdirektor des Zweiten Deutschen Fernsehens die Lösung des Rätsels verkündete, welches seit dem Vorabend die Zuschauer von Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ beschäftigt hatte: Die Satiresendung, erklärte Norbert Himmler, sei eine Satire. Dass auch dieser Satz klang wie eine Meldung der Satireseite „Postillion“, änderte nichts an der Erleichterung, mit der sein Statement aufgenommen wurde, vor allem von jenen, die noch immer an der Unerschütterlichkeit der Wahrheit festhielten.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und auch wenn niemand Beweise für die Behauptung Himmlers forderte, schien sich die allgemeine Meinung durchzusetzen, dass es sich bei der berühmtesten Geste aus dem Vortrag des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis doch nicht um eine Fälschung handelt.

          Es stimmt aber nicht. Man braucht keine offizielle Verlautbarung, und einen Videoexperten braucht man schon gar nicht, um zu erkennen, dass es sich bei der Szene, in der Yanis Varoufakis den Deutschen den Mittelfinger zeigt, um einen Fake handelt: um eine Fälschung, die die Redaktionen der „Bild“-Zeitung und der Sendung von Günter Jauch schon deshalb hätten erkennen müssen, weil sie sie selbst fabriziert haben.

          Echter Finger, falscher Gedanke

          Dass diese Fälschung nun doch nicht in der Manipulation eines Videos besteht, sondern in der böswilligen Verkürzung eines Themas auf ein Bild, in der Erschaffung einer Witzfigur und der Verweigerung einer Auseinandersetzung mit den politischen Problemen, ist nur für jene ein entscheidender Unterschied, die nach all den Irritationen noch immer zynisch genug sind, sich hinter der Objektivität der Fakten zu verstecken. Dass Varoufakis’ Finger echt ist, macht ihn nicht weniger falsch.

          Varoufakis bleibt dabei : „Mittelfinger-Video“ gefälscht

          Wie gering das Bewusstsein ihre Doktorspielchen in Teilen der Massenmedien ist, auch das zeigte sich am vergangenen Donnerstag beispielhaft. Ein Großteil der Berichterstatter ließ sich auch von der notorisch unzuverlässigen Natur ihrer Quelle nicht davon abbringen, die Ereignisse im Duktus eines Tatsachenberichts zu beschreiben: Böhmermann „behauptet“, hieß es zunächst, er habe das Video gefälscht, dann wurde die offizielle „Enttarnung“ vermeldet, es fehlte nur noch, dass irgendjemand ein Dementi verlangt hätte.

          So clever der Beitrag des „Neo Magazins“ auch gemacht war – für wie dumm will ein Journalist seine Leser verkaufen, der behauptet, ein Satiriker würde irgendetwas „behaupten“? Noch über die Lektion in Kontextualisierung berichteten manche ohne Rücksicht auf den Kontext, allen voran natürlich die „Bild“-Zeitung, die noch vor der ZDF-Stellungnahme „exklusiv“ verkündete, dass es sich bei der Satire um eine Satire handle. Was Böhmermanns Coup vor Augen führte, das war eben nicht nur die banale Erkenntnis, dass man den Bildern im Zeitalter ihre Virtualisierung nicht mehr trauen sollte.

          Der echte falsche Finger des Ministers.
          Der echte falsche Finger des Ministers. : Bild: dpa

          Es war vor allem die Demonstration der fundamentalen Beschränktheit eines Journalismus, der seine Finger einfach nicht von solchen Fingern lassen kann, eines Journalismus, der seine Probleme nicht einmal dann erkennt, wenn er über sie berichtet, eines Journalismus, der sich nur für die Lüge hinter der Satire interessiert statt für ihre Wahrheit. Es ist ein Journalismus, der für die täglichen Verdrehungen vermeintlicher Fakten und Tatsachen gar keine Kategorien, keine Sprache, kein Bewusstsein hat. Wahr oder falsch, echt oder fake sind seine einzigen Bewertungskriterien, er funktioniert nach einer binären Logik, als würden in den Redaktionen schon jetzt nur noch Algorithmen das Sagen haben.

          Kein Wunder, dass manche nur noch den Blick für das parodistische Potential der Nachrichten haben, und zwar nicht immer aus Zynismus, sondern oft einfach aus Ignoranz. Die Redaktion von Günter Jauch etwa forderte am Donnerstag Vormittag tatsächlich Beweise für Böhmermanns Witz und demonstrierte damit, wie es schon Jauchs Gesicht in der Sendung getan hatte, dass sie noch immer nicht begriffen hatte, dass sie es war, die Varoufakis zur Karikatur gemacht hatte.

          Die Mittelfinger der anderen

          Über eine Geste zu reden, wo man über Politik reden müsste, das ist der größte Fake der ganzen Berichterstattung. Er war von Anfang an offensichtlich. Was dabei auf der Strecke blieb, waren all die weniger sichtbaren Mittelfinger: jener, den Jauchs Sendung Varoufakis entgegenstreckte („der italienische Bruce Willis“), jener, den die deutsche Politik Varoufakis’ Reformvorschlägen entgegenstreckt, die er zusammen mit dem Harvard-Ökomen James K. Galbraith erarbeitet hat und von denen es ständig heißt, es gäbe sie gar nicht, und jener, den ihm die „Bild“-Zeitung entgegenstreckt, wenn sie ihn selbst für die Effekte ihrer eigenen Kampagne verantwortlich macht:

          „Wer ihm zuhört“, schrieb „Bild“-Redakteur Peter Tiede am Mittwoch, „der hört nun auch immer ‚Stick the Finger to Germany!’ – egal, was er sagt. Er könnte auf ewig schweigen, sich die linke Hand abhacken – der Mittelfinger, den er 2013 auf einer Konferenz in Zagreb gen Deutschland reckte, wäre noch da.“

          Es sei der tragische Effekt der ganzen Aufregung um Böhmermanns Video, so befürchteten einige, dass nun schon wieder alle nur über den Finger reden. Aber das stimmt nicht ganz. Endlich reden wir auch über die größte Lüge: über die Vorstellung, man müsse nur die Wahrheit sagen, um die Wahrheit zu sagen. Wer aber wirklich die Wahrheit sagen will, der muss nicht nur echte Bilder zeigen, sondern die richtigen.

          Quelle: F.A.S.

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