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Urheberrecht : Wer von wem so alles abschreibt: Autoren vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Die Muggles geklaut? J.K. Rowling Bild: dpa

Plagiatsprozesse gegen Schriftsteller häufen sich. Ist das Abschreiben ein Kavaliersdelikt?

          Als Bertolt Brecht einmal auf ein Plagiat in der „Dreigroschenoper“ angesprochen wurde, antwortete er: Das erkläre ich mit meiner Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. So leicht käme Brecht heute nicht mehr davon.

          Zur Zeit müssen sich drei bekannte Schriftsteller gleichzeitig vor Gericht dafür verantworten, sich mit fremden Federn zu schmücken: eine davon ist J. K. Rowling, die mit ihren Harry-Potter-Büchern zur Multi-Millionärin wurde. Die Autorin wird von der Hausfrau Nancy Stouffer schon seit geraumer Zeit beschuldigt, die Idee zu den „Muggles“ von ihr geklaut zu haben.

          Wem gehören die Muggles?

          Stouffer veröffentlichte Anfang der 90er Jahre ein Buch, das den Namen „Muggles“ im Titel trägt. Sie will auch schon vor dem Erscheinen der Harry-Potter-Bücher Gegenstände mit dem Aufdruck „Muggles“ verkauft haben, sagen ihre Anwälte. In dem Prozess gegen J.K.Rowling, der jetzt in New York begonnen hat, geht es aber nicht um das Plagiat der Muggles.

          Nobelpreisträger Camilo Jose Cela

          Die Anwälte hatten wohl befürchtet, dass diese Klage nicht durchkommt, da auch die Klägerin den Ausdruck Muggles nicht erfunden hat. „Muggles“ ist ein Slang-Ausdruck für Marihuana. Die „New York Times“ schreibt in einem Bericht über den Prozess, dass das Wort schon in einem Song von Louis Armstrong vorkomme.

          Statt dessen konzentrieren sich dei Verteidiger auf einen Wettbewerbsnachteil, der ihrer Mandantin durch Harry Potter entstanden sei. J.K.Rowling habe das Warenzeichen von Nancy Stouffer ruiniert.

          Nobelpreisträger unter Verdacht

          Nicht minder schwer wiegt der Vorwurf, dem sich der spanische Literatur-Nobelpreisträger Camilo José Cela ausgesetzt sieht. Die Autorin Maria del Carmen wirft ihm vor, ganze Passagen aus einem Buch aus ihrer Feder hätten ihm als Vorlage für sein Buch „Das Kreuz von San Andres“ gedient. Ein Gericht in Barcelona hat die Passagen verglichen und der Klage stattgegeben.

          Diese Woche entschied ein Gericht in Mailand, am 3. Mai einen Prozess gegen die auch in Deutschland bekannte Schriftstellerin Susanna Tamaro zu eröffnen. Die Klägerin ist die Schriftsteller-Kollegin Ippolita Avalli, von der hierzulande das Buch „Die Göttin der Küsse“ erschienen ist (bei Malik). Avalli wirft Tamaro vor, sich für ihr neuestes Werk „Rispondimi“ (Antworte mir, Rizzoli, deutsche Linzenz: Bertelsmann) aus „Die Göttin der Küsse“ bedient zu haben. Sie fordert zehn Millionen Mark Schadenersatz.

          Für die „New York Times“ ist die Häufung von Plagiatsprozessen gegen Schriftsteller kein Zufall. Plagiatsklagen kämen heute häufiger vor als in der Vergangenheit, weil der „Appetit auf Urheberrechte“ generell größer geworden sei, meint etwa der Jurist David Lange von der Duke University.

          Angefangen habe alles mit der Einführung des Fernsehens, als die Drehbuchautoren auf der Suche nach Stoffen und Motiven nicht nur auf Gelesenes zurückgriffen, sondern sich damit auch vor einem großen Publikum exponierten. Heute gebe es durch die neuen Medien so viele Möglichkeiten zum geistigen Diebstahl, dass die Sensibilität hoch und die Reizschwelle niedrig sei.

          Die Summen, die Autoren heute verdienen können, die Vorschüsse, die ganze Vermarktungsmaschinerie, wecken bei denen, die im Schatten stehen, Neid und Habgier. Wo Literatur zur „Industrie“ wird, da sind Klagen und Anwälte nicht weit.

          Schreiben am Ende alle ab?

          Die Richter sind in einer schwierigen Lage. Sie können die berechtigten Interessen der „Kopierten“ nicht vom Tisch wischen. Sonst könnte morgen ein Autor ein Buch fast komplett klauen, und müsste keine Sanktionen fürchten. Geistiges Eigentum ist so schützenswert (und manchmal ja auch so einträglich) wie eine industrielle Erfindung.

          Und doch gibt es Unterschiede. Der Weg von einer technischen Idee zu einem Produkt besteht oft nur in wenigen Gedankenschritten. Der Weg von einer Idee zu einem guten Buch ist unermesslich lang. Auch wenn J.K.Rowling den Namen der „Muggles“ geklaut hat. Den Erfolg verdankt sie der Geschichte, die sie selbst daraus gesponnen hat.

          Das meinten wohl auch die vielen berühmten Dichter, die sich zum „Diebstahl“ bekannten. Heine nannte den Vorwurf des Plagiats „töricht“. Der Dichter dürfe überall zugreifen, wo er Material finde. Goethe schrieb, „die sämtlichen Narrheiten von Prä- und Postokkupation, von Plagiaten und Halbentwendungen erscheinen mir läppisch.“ Shakespeare soll für „Julius Casar“ hemmungslos Plutarch geplündert haben, Büchner bei George Sand abgeschrieben haben. Auch Susanna Tamaro hat als erste Reaktion trotzig entgegnet: „Ich gebe zu: Ich habe mein Leben lang abgeschrieben.“

          Die Literaturwissenschaft steht dem Phänomen gnädig gegenüber. Sie nennt das Phänomen Intertextualität. Die Richter können sich nicht auf diese Position zurückziehen. Sie müssen das Recht an geistigem Eigentum berücksichtigen. Sie sind nicht zu beneiden.

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