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Urheberrecht und Popmusik Dreieinhalb Minuten

Seit den sechziger Jahren wird mit Popmusik Geld verdient. Heute wirbeln die Praktiken im Netz die Verhältnisse durcheinander. Erleben wir eine Rückkehr in Zeiten, in denen selbst große Musiker sich etwas dazuverdienen mussten?

© dpa Vergrößern Musterknaben des Urheberrechts: Die Rolling Stones verhielten sich in Tantiemenfragen meistens korrekt und zahlten für übernommene Lieder

In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Keith Richards, wie er geradezu entsetzt gewesen sei, bei Plattenaufnahmen in Chicago Muddy Waters angetroffen zu haben - als Hilfsarbeiter, der sich etwas dazu verdienen musste. Die Rolling Stones, die bei diesem Bluesmusiker nicht nur ihren Bandnamen geborgt haben, waren bekannt dafür, dass sie sich in Tantiemenfragen alles in allem korrekt verhielten und Musikern, deren Lieder sie übernahmen, auch etwas dafür zahlten - sie waren gewissermaßen Musterknaben des Urheberrechts, und was immer man gegen sie sagen will: Bei ihnen war es kein Geschwätz, wenn sie davon sprachen, welchen „Respekt“ sie vor großen alten Bluesmusikern hatten.

Das ist jetzt bald fünfzig Jahre her. Wenn man mitbekommt, wie Popmusiker es heute wieder nötig haben, daran zu erinnern, dass es doch so etwas wie ein Urheberrecht gibt, dann scheint sich nicht viel geändert zu haben. Sven Regeners Wutanfall neulich hat in dieser Hinsicht allen vielleicht ein wenig die Augen geöffnet, allerdings auch eine interessante Verschiebung der Fronten offenbart: Ausdrücklich bezeichnete der Musiker und Romanschriftsteller Plattenfirmen als einen unentbehrlichen Bestandteil des Musikgeschäfts. Eine solche Äußerung wäre früher vielleicht nicht undenkbar, aber doch ungewöhnlich gewesen.

Die Musikindustrie als letzter Verbündeter der Künstler

Seit mit Popmusik richtig viel Geld verdient wird, also seit den sechziger Jahren, gehörte es zum guten Ton, darüber zu klagen, dass Plattenfirmen nicht nur künstlerische Freiheiten beschneiden, sondern auch noch den meisten Gewinn einstreichen. Man denke an die Auseinandersetzungen, die Mainstream-Giganten wie Bruce Springsteen (mit Columbia) und Prince (mit Warner Music) geführt haben. Hinzu kam das Management, das oft gegen Plattenfirmen agierte, aber nicht immer im Interesse ihrer Klienten, sondern oft bloß im eigenen. Bestes Beispiel ist der zwielichtige Allen Klein, der nacheinander zwei der größten Kraftzentren der Popmusik, die Beatles und die Rolling Stones, in große finanzielle Schwierigkeiten brachte, die zum Teil heute noch nachklingen.

Trotzdem und ohne Zweifel war „die Musikindustrie“, wenn man einmal Plattenfirmen, Manager und Agenturen in einen Topf werfen darf, in all dieser Zeit nicht nur ein notwendiges Übel, sondern eine Instanz, die wertvolle Infrastruktur bereitstellte und den Musikern, freilich gegen oft zu gute Bezahlung, auch Arbeit abnahm, vor allem den Vertrieb ihrer Platten. Nachdem die Musikindustrie sich - das ist noch offen - entweder gesund- oder zu Tode geschrumpft hat, indem sie auf die digitalen Herausforderungen zu spät oder falsch reagierte, so dass sie mit dem Marktanteil vorliebnehmen musste, der noch nicht in die ihr unzugänglichen Räume des Internets abgewandert war, steht sie nun, in der Rückschau, plötzlich als Verbündeter der Künstler da, allerdings als ihr letzter.

Von Bilanzwahn und Ramschverkauf

Man könnte die jetzige Devise so zuspitzen: Lieber einen dieser früher so gefürchteten Knebelverträge abschließen und so wenigstens noch halbwegs die Garantie dafür haben, dass die Plattenfirma einen einstelligen Prozentanteil bei den Albenverkäufen abtritt, als sich einer von diffusen Ideen über Freiheit und Zugänglichkeit beherrschten Situation ausgesetzt sehen, in der das Urheberrecht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Sven Regeners Ärger fiel wohl auch deswegen so heftig aus, weil er spürte, dass es dafür keinen konkreten Adressaten mehr gibt. Und der, den es allenfalls doch gäbe, kriegt davon gar nichts mit, wie neulich Sebastian Nerz, der Vorsitzende der auch in dieser Frage immer konfuser agierenden Piratenpartei, der gegenüber dieser Zeitung in aller Unschuld zugab, von Sven Regener noch nie etwas gehört zu haben.

Noch vor drei Jahren entrüstete sich der Amerikaner John Mellencamp in einem ausgezeichneten Zeitungsbeitrag über den „Bilanzwahn der Erbsenzähler“ in den großen Musikkonzernen und den damit einhergehenden „Ramschverkauf“ - Kategorien, die uns heute anmuten wie Relikte aus der Schwerindustrie. Nachdem bereits die Einführung von MP3 den Werkcharakter von Alben ruinierte, hat es eine Gruppe von Internetbesessenen nun vollends vermocht, den Eindruck zu erwecken, bei Liedern wie überhaupt bei Kunst handelte es sich auch bloß um „Daten“, die den „Usern“ gefälligst zugänglich zu machen seien, als gäbe es auf deren Verfügbarkeit einen demokratischen Anspruch wie auf Bundespräsidentenauskünfte zu Privatdarlehen.

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Vielleicht erleben wir auch nur die Korrektur eines Irrtums, der darin bestand, man dürfe oder müsse von Popmusik leben können, was viele ja auch mehr als gut taten. Vielleicht erleben wir jetzt, im Zuge digitaler Enteignungsstrategien durch Firmen wie Google, eine Rückkehr in Zeiten, in denen selbst große Musiker sich etwas dazuverdienen mussten. „Ein Künstler ist auf der Welt, um dem Zuhörer die Chance zu geben, etwas Wahrhaftiges zu erleben, selbst wenn er es nur in kleinem Rahmen schafft. Aber auch wenn ein Musiker nur für dreieinhalb Minuten unterhält, ist das etwas, für das man dankbar sein kann.“ Wenn man John Mellencamp so hört, fällt einem auf, wie wenig konkret ein Milieu, das doch auf Freiheit angeblich so erpicht ist, sich bisher zu Kunst äußert - den Piraten geht es nur um Vertriebswege, die sie für die wahre Freiheit halten. Die aber findet man leichter in der Musik. Nur kostet sie Geld.

Quelle: F.A.Z.

 
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