20.09.2009 · In den Metropolen wird sich entscheiden, wie wir leben. Die alten Methoden der urbanistischen Planung haben keine Relevanz mehr angesichts der sozialen und ökologischen Herausforderungen. Deshalb suchen die Stadtplaner in aller Welt nach neuen Modellen.
Von Joseph HanimannDie Visionen bleiben Option, Zeichnungen sind unnötig, doch die Zahlen müssen stimmen. Die Diskussion darüber, wie die Weltmetropolen der Zukunft aussehen sollen, ist vom Tisch der Visionäre auf den der Buchhalter weitergewandert. Vor allem der Ökobuchhalter. Ob die Energiebilanz einer Stadt ausgeglichen ist, der carbon foot print ihrer Bewohner sich im Rahmen hält, der Rohstoffverbrauch gedrosselt und der Verkehr rationalisiert wird, dieser handfeste Ökofuturismus hat im Städtebau den windigen Bilderfuturismus früherer Jahre abgelöst. Kyoto-Verträglichkeit ist die neue Trumpfkarte, mit der im Wettspiel um den gezügelten Fortschritt alle übrigen Aspekte des Städtebaus ausgestochen werden.
Nur befindet sich diese Karte nicht mehr in westlichen Händen. Die Wüstenstadt Masdar City in Abu Dhabi, das Projekt Dongtan in China, das Programm Ekaterinburg bei Perm im Ural setzen Maßstäbe, denen gegenüber das BedZED-Quartier in London oder unsere Freiburger Ökoviertel sich wie Märklin-Produkte ausnehmen. Und in den Brodelküchen des explodierenden Städtewachstums von Mexiko-Stadt, São Paulo, Kairo oder Lagos wird ohnehin nicht gespielt, sondern improvisierend von Tag zu Tag am Kollaps vorbei überlebt.
Fünfzehn der zwanzig größten Stadtregionen der Welt liegen laut einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2007 in Entwicklungsländern, und ein Drittel der Stadtbewohner lebt dort in slumartigen Verhältnissen. In manchen von ihnen nimmt die Bevölkerung täglich um tausend Menschen zu. Kombiniert man diese Zahlen mit einer anderen Statistik, die das Sozialniveau der Städte mit dem des jeweiligen Landes vergleicht, zeigt sich das ganze Spannungspotential der gegenwärtigen Lage. Für New York, London oder Paris ist das Verhältnis gegenüber dem entsprechenden Land ausgeglichen. In Mexiko-Stadt oder Schanghai liegt das Niveau deutlich über dem Landesdurchschnitt, nur in Berlin liegt es – ein Kuriosum – darunter. Extrapoliert man diese Tatsache dann weiter auf die Prognose der Vereinten Nationen, bis zum Jahr 2050 würden drei Viertel der Weltbevölkerung in Stadträumen leben, wird klar: Nicht die Zukunft der Stadt, sondern die des Planeten steht auf dem Spiel. Die ökologischen wie die sozioökonomischen Herausforderungen überschreiten und unterschreiten die Staatsgrenzen. Die großen Stadtagglomerationen, politisch meist noch Zwerge, wirtschaftlich aber schon Giganten, werden als wichtige geopolitische Akteure sichtbar.
Die dritte Stadt
Mit ihren elfhundert Milliarden Dollar Bruttosozialprodukt liegen Tokio oder New York etwa auf dem Niveau Kanadas oder Spaniens. Paris und London stellen mit knapp fünfhundert Milliarden immerhin Länder wie Schweden oder die Schweiz in den Schatten. In einer globalisierten Wirtschaft gehört die Ortswahl für die Firmenzentrale zu den strategischen Entscheidungen. Von den auf der „Forbes“-Liste aufgeführten fünfhundert größten Weltkonzernen haben laut einer Erhebung des Beratungsunternehmens Ernst & Young ein Viertel als Hauptniederlassung die Städte Tokio, Paris, New York oder London gewählt, jeweils um die dreißig Unternehmen pro Stadt. Als erste deutsche Stadt ist Düsseldorf mit neun Niederlassungen in der Liste vertreten, immerhin auf dem achten Platz.
Bei diesem Verrechnen von Wirtschaft mit Umweltverträglichkeit könnten jene Fragen vergessen werden, die bisher die Urbanisten, Architekten und Stadttheoretiker am meisten beschäftigt haben. Was unterscheidet denn eine Metropole von der klassischen Stadt? Kann sie wie diese identitätsbildend wirken? Wie soll sie sich entwickeln: als eine in sich gekehrte, aber global vernetzte Großmonade, eine „global city“ im Sinn der Soziologin Saskia Sassen, oder eher als ein weiterhin topographisch geprägtes Eigengebilde mit zentralen Begegnungsorten, Entfernungen und einem realen Hinterland? Soll die Metropole gleichmäßig durchgrünt sein oder nach den Irrtümern der aufgelockerten Stadt zu den Qualitäten urbaner Dichte zurückfinden? Sollen ihre Bewohner ihren persönlichen Raumbedarf und ihre Bewegungsfreiheit radikal eindämmen oder weiterhin ausleben können? Hat die Komplementarität von privatem und öffentlichem Raum, die vor allem die europäische Stadt auszeichnet, noch Zukunft? Ist kritischer Rückbau ein gangbares Konzept der Stadtentwicklung? Welche Rolle spielt die offene Landschaft in der Großmetropole? Gibt es überhaupt „die“ Metropole?
Blickt man auf große Stadtprojektionen der letzten Jahre wie die „Fiber City“ des Ohno-Labors für Tokio mit dem Zeithorizont 2050, den Bericht „A Greener, Greater New York“ für 2030 oder die von zehn Urbanistenteams gerade ausgearbeiteten Modelle für den Großraum Paris, dann fällt auf, wie genau die Problemfelder weltweit schon abgesteckt sind. Vieles hat der Berliner Stadttheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm in seinem Buch „Die dritte Stadt“ bereits vor sechzehn Jahren skizziert. Mit der dritten Stadt meinte er das, was nach der ersten, der antiken, und der seit dem Mittelalter unsere europäische Welt prägenden zweiten Stadt erst noch im Kommen sei. Sie verlange einen neuen „Gründungsvertrag“, der mit den beiden Hauptproblemen unserer Zeit fertig werden müsse: der ökologischen Unverträglichkeit des bisherigen Entwicklungsmodells und der massiven Einwanderung aus ehemals kolonialen Armutswelten.
Hoffmann-Axthelms scharfe Kritik an der Bodenverschwendung durch Sozialwohnungsbau, sein Plädoyer für die marktwirtschaftlich nach oben getriebenen Bodenpreise in der Stadt mit kleinen, teuren Wohnungen wirkte damals provokant. Gegen seine Diagnose der Lage ist aber wenig einzuwenden. Der am Fabrikbau orientierte Städtebau hat das Stadtleben jeweils monofunktional in Schnellstraßen, Industriezonen, Einkaufszentren, Bummelmeilen, Wohnmaschinen, Siedlungsallerlei und Naherholungsgebiete aufgeteilt. Man versuchte so, vor den im Stadtleben unvermeidlichen Konflikten in die Fläche auszuweichen. Von dort schwappten die Probleme jedoch über den „urban sprawl“, die „città diffusa“ oder über das, was der Urbanist Thomas Sieverts „Zwischenstadt“ nennt, als Langeweile und, wie in Paris, auch als offene Straßenschlacht ins Zentrum zurück.
Keine Masterpläne mehr
Dichte, Größe, Zentralität, Komplexität, Geschichts- und Identifikationsfähigkeit waren Qualitäten der herkömmlichen Stadt. Sie sind in unseren heutigen Metropolen verwaist, diesen Mischwesen aus umfunktionierten Außenbezirken, Geschäftsquartieren, alten Stadtkernen, Neusiedlungen, ausrangierten Stadtbrachen, Verkehrsschneisen und Parzellen mit Restnatur. Das Weiterwuchern städtebaulich schon überfrachteter Gebiete – so die Formulierung des französischen Urbanisten François Ascher für die Ausbreitung des Stadtraums – muss in neue Bahnen der Sinn- und Formgebung gelenkt werden. Mag auch die zeitgenössische Megalopolis in ihrer Anlage keine geschlossene Kosmogonie mehr spiegeln, wie das die Sternenstadt der Renaissance, die barocke Perspektivenstadt oder auch noch die schon eingeschwärzte Coketown taten, so bleibt sie doch „als spezifische Vergesellschaftungsform“ Teil einer „Sinnprovinz“, wie die Soziologin Martina Löw es bezeichnet. Deren Ausdeutung kann man allerdings nicht den Imagedesignern überlassen, die in den Kommunikationsbüros mit restaurierten Denkmälern und spektakulären Blickfängen nur flotte Stadtfiktionen fabrizieren.
Schaut man auf die Konzeptentwürfe, die von den zehn Planungsteams für den Großraum Paris eingereicht wurden, fällt zunächst eine Tatsache auf: Kein einziges Team hat so etwas wie einen städtebaulichen Masterplan vorgelegt. Mit dem starren Sandkastenblick aus der Distanz ist es vorbei. Die Stadtentwerfer zoomen heute locker in die spezifische Situation des geographischen, wirtschaftlichen, soziologischen oder kulturellen Terrains hinein – und von da zur Gesamtschau zurück.
In diesem Vorgehen offenbart sich ein Wechsel von epochaler Bedeutung. Ein Jahrhundert lang hatte die Stadtplanung versucht, sich das Funktionsprogramm der abendländischen Moderne zu eigen zu machen: optimale Organisation des großen Ganzen zur Entlastung der alltäglich-konkreten Lebenssituationen. Sind die administrativ, logistisch, verkehrstechnisch und juristisch auftretenden Probleme erst einmal durch ausgeklügelte Systeme abgedeckt, läuft der Alltag der Menschen wie am Schnürchen, so lautet die Verheißung der funktionalen Moderne. Nahrung beschaffen, eine Unterkunft finden, sich fortbewegen, sich informieren, sich austauschen, selbst sich mit dem Nachbarn streiten erscheint dann nur noch als eine Frage korrekter Regelbefolgung. Doch die komplexen Systeme stürzen gern ab, durchreglementierte Entwicklungsblasen platzen, und auf der anderen Seite wird der Einzelne in den Grenzen seiner narrensicher eingerichteten Zivilisation im Falle von etwas Unvorhergesehenem immer hilfloser. Das Überqueren einer Straße ohne Ampel wird zur Überlebensfrage – je genauer das Rotlicht befolgt wird, desto gefährlicher wird’s für den Passanten. Die Fragwürdigkeit dieser Herabstufung der konkreten Lebenssituation durch allgemeine Regelsysteme wurde von der Existenzphilosophie früh erkannt, und die politisch-ästhetische Subversionsbewegung der „Situationisten“ um Guy Debord erhob die Rehabilitierung der Situation paradoxerweise schon wieder zu einem neuen System.
Verdichtung, Durchmischung, neue Landschaftsbildung
Inzwischen ist die Sache bei den Stadtplanern angelangt. Die Hinwendung zur jeweiligen topographischen, sozialen oder funktionalen Situation bedeutet jedoch keineswegs Einkuscheln ins Quartier oder Angst vor dem Panoramablick. Die drei oder vier wichtigsten Stoßrichtungen des zeitgenössischen Städtebaus sind nicht weniger ambitiös als jene früherer Zeiten, nur wirken sie etwas weniger triumphalistisch. Sie lauten: Verdichtung, Durchmischung, Mobilität, neue Landschaftsbildung. Verdichtung zielt nicht nur auf Büroturmquartiere, Verkehrsknotenpunkte und Wohnareale, sondern auch auf Grünräume mit ihren Zyklen ökologischer Selbstregeneration etwa auf ehemaligen Industriehalden im Sinne einer in die Stadt zurückgekehrten Natur: „Wilderness“ statt im Reservat des Nationalparks gleich vor der Tür.
Durchmischt werden, im Kampf gegen die aus Amerika kommende Ideologie der gated communities, die sozialen Schichten, Lebensalter, Kulturhintergründe, aber auch die täglichen Lebensfunktionen: kombinierte Quartiere des Wohnens, Arbeitens, Ausruhens, Lernens, Einkaufens, Genesens, Rentebeziehens und selbst Begrabenwerdens. Mobil gemacht werden soll das gesamte Stadtgebiet für dessen Bewohner: nicht durch ein Verkehrsnetz möglichst gleichmäßiger Schnellanbindungen, sondern durch abgestufte Erschließung, die dem Raum seine Topographie und seine entlegenen Stellen belässt.
So wie nach Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux die Renaissance die arkadische Landschaft neu erfand und die flämische Malerei dann die offene Meerlandschaft, so wie das achtzehnte Jahrhundert die Bergwelt, das neunzehnte dann die Flussläufe und das zwanzigste die Wüste, den Stadtmoloch oder die Skyline als Welterfahrungshorizonte zwischen Wunsch- und Albtraum entdeckte, so erobert das postindustrielle Zeitalter vom New Yorker Fresh Kills Park bis zum deutschen Vorzeigeprojekt Emscher Park den Industrieschrottplatz als umweltverträglichen Lebensraum zurück. Das Potential dieses Landschaftstyps ist mit der ganzen Spannweite zwischen Schrebergarten und Tarkowskis „Stalker“-Vision noch nicht ausgeschöpft. Der Gegensatz von Stadt und Land nutzt sich ab.
Eine neue Acker- und Viehwirtschaft mitten im Stadtgebiet mag gesamtwirtschaftlich zu vernachlässigen sein, denn der Traum von der selbstgenügsamen Stadt ist ausgeträumt. Doch ist das auch noch lange kein Rückfall in Pastoralidylle. Jenen Metropolen in der Welt, die Produktionspotential und Menschenvielfalt, funktionale Großräumigkeit und existentielle Kleinteiligkeit, Globalanbindung, territorialen Nahbezug, nachhaltige Entwicklungsdynamik, Landschaftsblick, Identitätsbildung und transzendentalen Sinnhorizont ohne expandierenden Flächenfraß am überzeugendsten miteinander zu verbinden verstehen, winkt die Zukunft. Auf Reißbrettern oder Computerbildschirmen ist das nicht mehr darstellbar. Die Simulation läuft als Ernstfall im Stadtraum ab.